Simbabwe "Schiff der Schande" demonstriert Mugabes Schwäche

Der Machthaber ist mürbe - oder probt zumindest den taktischen Rückzug. Überraschend hat Robert Mugabe die Opposition eingeladen, mit ihm zusammen eine Regierung zu bilden. Das Debakel um die geplatzte chinesische Waffenlieferung hat ihn schwer getroffen, sagen Beobachter.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Eigentlich könnte Robert Mugabe sich entspannt zurücklehnen: Schon die erste Nachzählung brachte das erwünschte Ergebnis. Im ländlichen Wahlbezirk Goromonzi West nahe der Hauptstadt Harare habe entgegen der Auszählung vom 29. März nicht die Oppositionspartei "Bewegung für einen demokratischen Wandel" (MDC) seines Herausforderers Morgan Tvangirai gesiegt, sondern Mugabes Zanu-PF, verkündete die inzwischen sorgsam gesiebte staatliche Wahlkommission heute.

Doch statt zu jubeln, lässt der greise Diktator seine Staatszeitung "Herald" überraschend verkünden, dass er bereit sei, eine "Regierung der nationalen Einheit" zu bilden, an der auch die Opposition beteiligt werden solle. Sie solle von der internationalen Staatengemeinschaft gestützt und von der "Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft" (SADC) in den Sattel gehoben werden. Einzige Bedingung: "Sie muss vom gegenwärtigen Präsidenten geführt werden."

Präsident Mugabes neuer Vorschlag: Eine "Regierung der nationalen Einheit" für Simbabwe
REUTERS

Präsident Mugabes neuer Vorschlag: Eine "Regierung der nationalen Einheit" für Simbabwe

Das Debakel mit dem "Schiff der Schande" - wie Südafrikas Medien das zwischen Indischem und Atlantischem Ozean herumirrende chinesische Munitionsschiff inzwischen nennen - hat Mugabe wohl härter getroffen als jeder moralische und politische Appell. Die Affäre um das Geisterschiff hat ihm drastisch vor Augen geführt, wie isoliert er inzwischen ist. Über 70 Tonnen Munition und Waffen für Mugabes Armee hat der chinesische Frachter "An Yue Jiang" an Bord. Simbabwes Herrscher braucht den Nachschub offenbar dringend: Zwei Verträge mit den Chinesen über Waffenlieferungen im Wert von insgesamt 6,3 Millionen US-Dollar waren nach südafrikanischen Medienberichten bereits geplatzt, weil Simbabwes ruinierte Staatsbank die notwendigen Devisen für den Deal nicht hatte. Selbst die Waffenarsenale der Leibwache an Mugabes streng abgeschirmtem State House, seiner Residenz in Harare, seien inzwischen fast leer, hieß es in Berichten, die aus Simbabwe in ausländische Medien lanciert wurden. Die Fracht der "An Yue Jiang" sei auch erst auf den Weg gebracht worden, nachdem Mugabe persönlich bei Chinas Führung interveniert habe.

Doch erst der Pfändungsbeschluss der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) über 40 Millionen Euro hat ihm offenbar klargemacht, dass er keine Chance mehr hat: Ein von der KfW beauftragtes Spezialunternehmen "bemüht sich seit Jahren, Vermögensgegenstände des Staates Simbabwe im Ausland ausfindig zu machen und zu verwerten", heißt es in einer Mitteilung der Förderbank.

Die Inkasso-Eintreiber warten schon auf die "An Yue Jiang"

Im Klartext bedeutet das: Hochspezialisierte Inkasso-Eintreiber liegen im KfW-Auftrag überall auf der Welt auf der Lauer, um Mugabes Nachschub zu beschlagnahmen – so wie mit dem Pfändungsbeschluss für die heiße Fracht der "An Yue Jiang" am vergangenen Freitag. Wo immer das Schiff anlegt, das zuletzt am Dienstagabend 40 Seemeilen vor Kapstadt mit westlichem Kurs in internationalen Gewässern geortet wurde: Kapitän Sanaijun muss damit rechnen, dass die KfW ihren Gerichtsvollzieher bereits vor Ort hat.

Dass das Waffengeschäft nicht still und heimlich gelaufen ist, wie es Mugabe und wohl auch Südafrikas Regierung erhofft hatten, ist vor allem ein Verdienst der internationalen Gewerkschaftsbewegung. Alles spricht dafür, dass die Ladepapiere der "An Yue Jiang" von Mitgliedern der mächtigen südafrikanischen Transportarbeiter-Gewerkschaft an das Politmagazin "Noseweek" durchgestochen worden sind.

Nachdem die brisante Nachricht dann in der Öffentlichkeit war, machten die Gewerkschafter mobil. Als der internationale Dachverband der Transportarbeiter schließlich ankündigte, dass er Dockarbeiter, Trucker, Flughafenmitarbeiter und Eisenbahner in allen afrikanischen Staaten in Alarmzustand versetzt habe, war klar: Für Mugabes Fracht ging nichts mehr. China musste ankündigen, dass das Schiff wohl umkehren werde – und Patrick Carven, Sprecher des südafrikanischen Gewerkschaftsbundes, jubelte: "Ein historischer Sieg".

Schließlich ging es bei allem auch um einen der ihren: Mugabes Gegenspieler Morgan Tsvangirai kommt aus der simbabwischen Gewerkschaftsbewegung, sie alle kennen ihn aus den Jahren gemeinsamen Kampfes, sie alle stützen ihn – und hoffen, dass er doch noch den Sieg bei der zur Groteske entarteten Wahl in seinem Heimatland davonträgt.

Morgan Tsvangirai trommelt seine Verbündeten zusammen

Tsvangirai war in den vergangenen Tagen rastlos unterwegs, in Südafrika, in Sambia, in Botswana und Ghana, um Mugabe auch auf der politischen Bühne weiter in die Isolierung zu treiben. Immer mehr seiner früheren Verbündeten haben sich von dem Mann in Harare abgewandt.

Der sambische Präsident Levy Mwanawasa, einst ein enger Anhänger und Kampfgefährte Mugabes, hatte als einer der ersten afrikanischen Staatsführer die Wende eingeleitet. Schon beim Gipfeltreffen der SADC hatte er vor zehn Tagen die Lage im Nachbarland mit dem Untergang der "Titanic" verglichen. Jetzt war er der erste, der seine Amtskollegen aufforderte: "Blockiert Eure Häfen. Die Waffen aus China würden die Spannungen in Simbabwe nur noch verschärfen."

Auch die Afrikanische Union (AU) mochte zu ihrem einst verehrten Idol Mugabe nicht mehr stehen. Er ist ihnen peinlich geworden. Bei einem Treffen in Ghana, bei dem auch Tsvangirai geladen war, machten sie Druck: Mugabe solle endlich die Wahlergebnisse rausrücken und kontrollieren lassen.

Vielleicht ist der Mann in Harare wirklich mürbe geworden. Mitstreiter Tsvangirais bezweifeln das. "Das ist eine Finte," fürchten sie. Sie sind aufgeschreckt durch Meldungen aus Angola, dem wahrscheinlich letzten Verbündeten Mugabes im südlichen Afrika: Staatspräsident Jose Eduardo dos Santos habe seinem Freund in Simbabwe angeboten, ihm Truppen zu schicken, um ihn rauszuhauen. Kampferfahrene Haudegen, die schon in der Republik Kongo eingesetzt gewesen seien, stünden bereit, nach Harare zu fliegen, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, hieß es in Medienberichten.

Angesichts solcher Töne kann ja vielleicht auch die "An Yue Jiang" ihre Irrfahrt beenden und in Luanda doch noch ihre Ladung löschen – auch wenn Hafendirektor Filomeno Mendonca noch am Dienstag angekündigt hatte, dass dem Schiff Angolas Häfen verschlossen seien. In Angola, wo Recht und Gesetz weitgehend eine Sache der Machthaber ist, hätten es auch die Häscher der KfW schwer.

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