Versorgungskrise in Simbabwe "Der Präsident bringt uns um"

Dürre und Misswirtschaft: In Simbabwe, früher die Kornkammer Afrikas, kämpfen die Menschen um ihr Überleben. Wer sich zur Wehr setzt, wird von der Regierung bedroht.
Polizisten gehen mit Gewalt gegen Demonstranten in Harare vor

Polizisten gehen mit Gewalt gegen Demonstranten in Harare vor

Foto: Jekesai Njikizana/ AFP

Jetzt also auch die Viktoriafälle. Der breiteste Wasserfall der Welt, ausgetrocknet. "Weniger als ein Drittel des Wassers ist noch vorhanden", sagt der Nachrichtensprecher.

Ein Drohnenflug zeigt die Misere: Dürre, Klimawandel. "Großer Mist", sagt Brian Olonga, 56, Elektroingenieur, in jeder Hand einen leeren Kanister, 15 und 20 Liter. Mit denen steht er auf der Terrasse seines Chefs, der hat einen großen Wassertank im Garten. Und einen großen Fernseher im Wohnzimmer, gleich neben der Terrasse.

Olonga hat seinen Chef nicht gern gefragt, aber heute blieb ihm keine andere Wahl mehr. Nirgendwo sonst in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, hat er Wasser für sich und seine Familie bekommen. Seit zwei Tagen nicht. Und jetzt auch noch das. Die Viktoriafälle, das Wahrzeichen des Landes. Ein letzter Touristenmagnet in der ehemaligen Kornkammer Afrikas. Ausgetrocknet.

"Es wird nichts mehr von uns übrig bleiben", sagt Olonga. Er will seinen echten Namen aus Angst vor Repressionen durch das Regime nicht nennen. Olonga macht den Rücken gerade, geht zum Tank, fängt an zu zapfen.

Die Situation in Simbabwe ist dramatisch. Dürre und Klimawandel sind wie ein letzter Hieb auf eine ohnehin schon strauchelnde und traumatisierte Gesellschaft. Diktator Robert Mugabe wurde Ende 2017 nach 37 Jahren im Amt vom Militär abgesetzt. Zwei Jahre ist das nun her. Zwei Jahre, in denen sein Nachfolger Emmerson Mnangagwa das Land vollends in den Ruin getrieben hat.

Andauernde Preis- und Steuererhöhungen, Mangel an Grundnahrungsmitteln, Misswirtschaft und Korruption setzen der Bevölkerung zu. Die Uno warnte kürzlich vor "von Menschenhand geschaffenen Hungertoden". 60 Prozent der 14 Millionen Menschen in Simbabwe sollen unter Nahrungsmittelengpässen leiden oder sich Nahrung nicht mehr leisten können. Auf dem Land wie in der Stadt.

Stromausfall in einem Supermarkt

Stromausfall in einem Supermarkt

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Der tägliche Überlebenskampf der Menschen in Simbabwe ist auch in den ansehnlichsten Teilen Harares nicht zu übersehen. In der Innenstadt ziehen sich vor den Banken unfassbar lange Menschenschlangen durch die Straßen. Wer Geld abheben möchte, muss mindestens vier Stunden dafür einplanen. Die Summe, die abgehoben werden darf, ist pro Kopf begrenzt.

Die Preise in den Supermärkten werden beinahe täglich angehoben, und die einheimische Währung, der Simbabwe-Dollar, verliert stetig an Wert. Die Regierung hält aktuelle Zahlen inzwischen zurück. Die letzte veröffentlichte Inflationsrate für August betrug 300 Prozent, regierungsferne Beobachter gehen von 440 Prozent im Oktober aus. Simbabwe gilt als Hochinflationsland und erlebt eine der schlimmsten ökonomischen Krisen der jüngeren Geschichte.

Jegliche Fremdwährungen sind seit Juni verboten. Trotzdem ist der US-Dollar vor allem in Ministerien gern gesehen. 200 US-Dollar kostet ein Presseausweis, der ausländische Journalisten zu einem sechstägigen Aufenthalt in der Hauptstadt berechtigt.

Zurück im Auto, die Wasserkanister im Kofferraum verstaut, zeigt Brian Olonga sein Versteck. Er zieht den linken Schuh aus, dann die Socke. Darin eine platte Rolle Geldscheine, er fummelt sie raus, küsst sie. "100 US-Dollar, die hebe ich so lange wie möglich auf." In der hinteren Hosentasche hat er noch mal 30, die will er gleich eintauschen. Denn bezahlen darf er damit ja nicht.

Unweit der prächtigen Regierungsbauten in der Innenstadt hält Olonga gerade lange genug an, um einen "speziellen Freund" einsteigen zu lassen. Sie schlagen ein, lachen, Olonga fährt weiter, gibt dann auf Hüfthöhe die Scheine weiter, der Freund zählt. Draußen ziehen Schaufenster mit "Freizeitmode" und bunten Black-Friday-Werbeplakaten vorbei. Und immer wieder lange Schlangen. "Willkommen in Simbabwe!", ruft Olonga. Er lacht laut auf, der Freund auch. An der Ampel geht Olonga still die Simbabwe-Dollars durch. Stimmt, einschlagen, der Freund steigt aus.

Jetzt kann Brian Olonga vielleicht Benzin kaufen. Das dauert meistens mehrere Tage. Er ist in einer der vielen WhatsApp-Gruppen, in denen sich fremde Menschen schreiben, an welcher Tankstelle die Preise nicht so stark angehoben wurden. Wie lang wo die Schlangen sind - oder auch, wann sie sich überhaupt bewegen.

Anfang einer langen Autoschlange vor einer der wenigen Tankstellen

Anfang einer langen Autoschlange vor einer der wenigen Tankstellen

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Manche stellen früh am Morgen ihren Wagen in einer Schlange vor der Tankstelle ab, laufen ins Büro, kommen dann in der Mittagspause und fahren zwei Meter vor, gehen zurück ins Büro und von da aus abends wieder zur Schlange. "Es kann ewig dauern, an Treibstoff zu kommen", sagt Olonga. "Oft fallen aber ganze Lieferungen aus, dann ist alles Warten umsonst."

Auch die Ärzte streiken. In den vergangenen Monaten haben sich die Engpässe derart verfestigt, dass es nun in vielen Krankenhäusern nicht mal mehr Bandagen, Spritzen oder Operationshandschuhe geben soll. Auch Medikamente gibt es kaum. In einem öffentlichen Statement der Ärzteschaft ist von einem "stillen Genozid" die Rede, der an der Bevölkerung Simbabwes begangen werde.

435 Mediziner wurden vor Kurzem entlassen, weil sie sich für eine angemessene Bezahlung eingesetzt hatten. Seitdem sterben selbst Menschen mit eigentlich heilbaren Krankheiten oder Verletzungen in öffentlichen Krankenhäusern, weil es dort keine Ärzte mehr gibt. "Es ist keine gute Zeit, um krank zu werden", sagt Olonga. "Der Präsident bringt uns um. Und wir können nichts tun." Wer in Simbabwe das Regime kritisiert, wird verfolgt.

Im August wurde in Harare eine Demonstration gegen die verheerende Wirtschaftslage gewaltsam von der Polizei aufgelöst. Der Protest geht auf die größte Oppositionspartei des Landes, die MDC-Allianz (Movement for Democratic Change, Bewegung für politischen Wandel) zurück. Sechs Oppositionelle und Aktivisten sollen im Zusammenhang mit dem Protest entführt und gefoltert, einige getötet worden sein. USA, EU und verschiedene Menschenrechtsorganisationen verurteilten die Gewalt und forderten Ermittlungen.

Menschen stehen an der Mugabe Road vor einer Bank Schlange

Menschen stehen an der Mugabe Road vor einer Bank Schlange

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Die Uno und Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass in den vergangenen Jahren Millionen Menschen, mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung Simbabwes, in das Nachbarland Südafrika geflohen sind.

"Was sollen wir tun?", fragt Brian Olonga. "Wir müssen irgendwie weitermachen. Und irgendwann ist dann hoffentlich alles vorbei." Es wird dunkel, er muss los.

Nachts liegt Harare da wie ein schlafender Panter. Pechschwarz und angespannt, kein Licht, nirgends. Nur manchmal wischt ein Auto mit seinen Scheinwerfern schnell über einen Straßenzug. Zeigt die vielen Schlaglöcher als dunkle Schatten und manchmal, für einen kurzen Augenblick, Menschen mit Kanistern. Zwischen 1 und 4 Uhr früh, heißt es in der Wasser-WhatsApp-Gruppe in dieser Nacht, ist an drei öffentlichen Hähnen noch etwas zu holen. Und die Schlangen sollen nicht zu lang sein.

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