Simbabwe Warum Afrikas Regenten plötzlich Mugabe mobben

Viel Freude an seinem erprügelten Wahlsieg wird Robert Mugabe nicht haben. Denn die Community der afrikanischen Herrscher wendet sich ab von ihm. Nicht aus Menschenliebe - sie fürchten, dass die Internationale Gemeinschaft jetzt genauer nach Afrika schauen könnte.

Von unserem Korrespondenten


Die Absage von MDC-Führer Morgan Tsvangirai, an der Stichwahl um Simbabwes Präsidentenamt am kommenden Freitag teilzunehmen, hat in zahlreichen afrikanischen Hauptstädten noch in der Nacht auf Montag zu erhöhter Betriebstemperatur geführt. Lange Jahre konnte Mugabe in seinem Land schalten und walten, wie er wollte – das afrikanische Ausland schaute zu oder schaute weg.

Mugabe: Kredit auf dem afrikanischen Kontinent verspielt
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Mugabe: Kredit auf dem afrikanischen Kontinent verspielt

Oder beides.

Der Grund: Mugabe hatte auf dem Kontinent eine Menge Kredit. Die afrikanischen Führer, egal ob gewählt oder erputscht, wollten einem ihrer letzten Heroen, die sich der kolonialen Herren in einem blutigen Befreiungskampf entledigt hatten, nicht in die Parade fahren. Mugabe konnte Ende der achtziger Jahre im Matabeleland Tausende von Mitstreitern aus dem Befreiungskampf umbringen lassen – niemand stoppte ihn. Mugabe konnte in Simbabwe Hunderttausenden ihre Hütten niederwalzen lassen – niemand fiel ihm in den Arm. Mugabe konnte die Inflation auf Weltrekordniveau und gleichzeitig Millionen Simbabwer in die Emigration treiben – kein afrikanischer Regent wagte ein kritisches Wort.

Doch nun scheint es so, als wäre der Diktator, der sein Land 24 Jahre lang konsequent in den Niedergang geführt hat, zu weit gegangen. Kritisch wie nie zuvor werden sein Despotismus, seine Schlägerbanden und seine offenkundigen Wahlfälschereien weltweit, nicht zuletzt aber in Afrika, kommentiert.

Nur Stunden, nachdem Tsvangirai am Sonntag seinen Rückzug angekündigt hatte, nahm der amtierende Vorsitzende der Afrikanischen Union (AU), der tansanische Präsident Jakaya Kikwete Beratungen mit der Staatengemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) und Südafrikas Präsident Thabo Mbeki auf. Mbeki war der einzige, der bis zuletzt zu Mugabe hielt und seine Idee von einer Einheitsregierung, in der Mugabe und Tsvangirai gemeinsam regieren, nicht aufgeben will.

Langjährige Verbündete rücken von Mugabe ab

Doch die wird es kaum mehr geben nach den Brutalitäten der vergangenen Wochen, und so schockiert der Krisenfall Simbabwe inzwischen den gesamten Kontinent. "Eine Schande für Afrika", hatte der kenianische Premier Reila Odinga dieser Tage Mugabe genannt. Sein Außenminister Moses Wetangula sprach von einem "Affront gegenüber der sich entwickelnden Kultur in Afrika" und dass Mugabes Tricksereien "inakzeptabel für jeden Afrikaner" seien. "Eine Farce" meinte auch der ruandische Staatschef Paul Kagame vergangene Woche zu der geplanten Stichwahl und forderte die SADC zum Handeln auf.

Selbst langjährige Verbündete, die sonst immer auf seiner Seite waren, rückten in den vergangenen Tagen ab von Mugabe. Im benachbarten Swaziland etwa ist Politik ähnlich undemokratisch organisiert, aber selbst dort wies Regierungssprecher Percy Simelane darauf hin, dass es "nicht frei und nicht fair" in Simbabwe zugehen könne, "wenn der Präsident höchstselbst zu Gewalt aufruft". Und der angolanische Jose Eduardo dos Santos, der Mugabe im vergangenen April am liebsten noch zu den Waffen verholfen hätte, die ein chinesisches Schiff nirgendwo anlanden konnte, appellierte an den Despoten, "den Geist der Toleranz zu beachten, Andersdenkende zu respektieren und alle Formen von Verfolgung und politischer Gewalt zu vermeiden".

Selbst der ugandische Alleinherrscher Yoweri Museveni, der lange als heimlicher Bewunderer Mugabes galt, nie durch eine kritische Bemerkung auffiel und sich bis kurzem noch jegliche Einmischung von außen in innerafrikanische Angelegenheiten verbat, ging auf Abstand. Frei und ordnungsgemäß seien diese Wahlen "ganz sicher nicht", sagte er vor kurzem, und wenn Mugabe die Wahl verliere, "dann muss er gehen".

Inflation, Exodus, Missernten müssen andere Ursachen haben

Ernst gemeint ist das natürlich nicht, denn weder dos Santos noch Museveni oder gar der König von Swaziland sind Demokraten. Doch Mugabe hat sein Spiel inzwischen überreizt. Lange räumten ihm die afrikanischen Regenten und Präsidenten Kredit ein und gestanden ihm zu, für die Zeit der Dekolonisierung in Simbabwe ein bisschen länger zu brauchen. Lange nahmen sie ihm ab, dass die weißen Farmer und das westliche Ausland im Wesentlichen die Schuldigen seien an der Misere des Landes.

Doch nun sind keine weißen Farmer mehr im Land, und der Einfluss Europas und Amerikas ist erkennbar gering, und die Mega-Inflation, der Massenexodus und die regelmäßigen Missernten müssen andere Ursachen haben. Hausgemachte Ursachen.

In dieser Situation fürchten selbst die alten Verbündeten den Flächenbrand, der von Simbabwe im südlichen Afrika ausgehen könnte. Und sie fürchten die internationale Gemeinschaft, die – geweckt durch die Tragödie in Zimbabwe – auch andere Alibi-Wahlen in Afrika künftig schärfer beobachten und womöglich auch kritisieren könnte.

Auch im Umfeld Mugabes scheint man erkannt zu haben, dass der Wahlsieg unter Umständen zum Pyrrhus-Sieg geraten könnte. Ungewöhnlich schnell reagierte am Sonntag jedenfalls der stellvertretende Informationsminister des Landes, Bright Matonga, auf die Absage Tsvangirais. Der MDC-Chef möge sich diesen Schritt "doch zweimal überlegen", bat Matonga. "Wenn er sich zurückzieht, ist das nicht gut für die Menschen und nicht gut für das Land." Offenbar fürchtet man im Präsidentenpalast von Harare, dass der Rückzug Tsvangirais vor allem nicht gut ist für Robert Mugabe.



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