Sir Salman Islamisten wütend über Ritterschlag für Rushdie

Wütende Proteste, Terror-Drohungen, massive diplomatische Verstimmungen - der geplante Ritterschlag des britisch-indischen Schriftstellers Salman Rushdie durch die Queen ruft in der muslimischen Welt zornige Reaktionen hervor. London ist vom Ausmaß der Kritik überrascht.


Islamabad - Dass diese Ehrung nicht ohne Murren in der islamischen Welt zur Kenntnis genommen werden würde, dürfte der britischen Queen wohl bewusst gewesen sein, als sie am Wochenende ankündigte, Salman Rushdie zum Ritter zu schlagen. Das Ausmaß des Zorns, den die Ernennung des britisch-indischen Schriftstellers zum "Sir" noch vor dem eigentlichen Vollzug bei den Muslimen nun aber entfacht hat, hat selbst die Skeptiker in London überrascht.

Proteste in Pakistan: Demonstranten verbrennen eine britische Flagge
AP

Proteste in Pakistan: Demonstranten verbrennen eine britische Flagge

Sowohl die pakistanische als auch die iranische Regierung haben den britischen Botschafter in ihrem Land einbestellt, um ihrem Unmut offiziell Luft zu machen. Das iranische Außenministerium ließ Londons Gesandten Geoffrey Adams wissen, dass es die Ehrung Rushdies für eine "Provokation" halte. "Dieser beleidigende und ungebührliche Akt der britischen Regierung ist ein offensichtliches Beispiel des Kampfes gegen den Islam", hieß es in Teheran. Die Auszeichnung habe den Glauben von 1,5 Milliarden Muslimen und anderer Gläubiger verletzt.

Im pakistanischen Islamabad erklärte eine Sprecherin des Außenamtes, dem Londoner Diplomaten Robert Brinkley sei deutlich gemacht worden, dass die Ehrung Rushdies den Bemühungen um ein besseres Verständnis zwischen Briten und Pakistanern entgegenlaufe. Die von Islamisten dominierte Provinzregierung im pakistanischen Peschawar verurteilte die Auszeichnung und forderte die Regierung in Islamabad auf, den Kontakt zu Großbritannien abzubrechen.

Zuvor hatte bereits das pakistanische Parlament eine Resolution gegen den Ritterschlag verabschiedet. Der pakistanische Minister für Religions-Angelegenheiten warnte davor, die Ehrung könne Selbstmordattentätern zur Rechtfertigung dienen. Besonders über diese Äußerungen zeigte sich die britische Regierung besorgt. Attentate könnten durch nichts gerechtfertigt werden, hieß es in London.

Rushdie, Autor des Romans "Die Satanischen Verse", war in der am Samstag veröffentlichten Geburtstagsliste von Königin Elizabeth II. aufgeführt. Auf der Liste stehen 946 Personen, die geehrt werden. Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini hatte 1989 mit einer sogenannten Fatwa zur Tötung Rushdies aufgerufen, dem er Gotteslästerung vorwarf. Der Autor lebte daraufhin neun Jahre versteckt. 1998 distanzierte sich Iran von dem Aufruf Chomeinis.

Dennoch schlagen vor allem hier die Wogen des Zorns hoch. Die Fatwa habe Rushdie in einen "verabscheuungswürdigen Kadaver" verwandelt, daran änderten auch die Machenschaften der britischen Königin nichts, erklärte der Vize-Präsident des iranischen Parlaments, Mohammed Resa Bahonnar: "Die britische Monarchie lebt in einer Traumwelt und glaubt, dass Großbritannien noch immer eine Supermacht wie im 19. Jahrhundert ist und dass eine solche Auszeichnung irgendeine Bedeutung hat." Die iranische Zeitung "Dschumhuri Eslami" nannte die Queen eine "alte Ziege".

Proteste in Iran, Pakistan, Malaysia

In etlichen pakistanischen Städten kam es zu Protesten wegen der Ehrung. In Lahore verbrannten rund 150 Islamisten Augenzeugen zufolge ein Bild der britischen Königin und forderten, Rushdie nach islamischem Recht zu verurteilen: "Die Strafe für einen Gotteslästerer ist der Tod", rief der Chef der radikalen Jugendorganisation Shabab e Milli, Shahid Gilani. In anderen Städten sollten laut Gilani Bilder Adolf Hitlers geehrt werden, "um den Hass auf jene zu zeigen, die Gotteslästerer ehren".

In Malaysia demonstrierten Anhänger einer radikal-islamischen Partei vor der britischen Botschaft in Kuala Lumpur. Unter Rufen wie "Zerstört Salman Rushdie" und "Zerstört Großbritannien" forderten sie die Rücknahme der Ehrung.

Auch die extremistischen Taliban in Afghanistan sollen sich nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zu Wort gemeldet haben. "Wir betrachten dies als einen erneuten großen Angriff der Ungläubigen auf den Islam", zitierte Reuters einen Taliban-Sprecher. Die westlich-orientierte Regierung in Kabul äußerte sich bislang nicht.

In Großbritannien forderte der Rat der Muslime (MCB) unterdessen muslimische Gläubige zur Zurückhaltung auf, erklärte aber gleichwohl, die Auszeichnung Rushdies sei eine "Provokation". Jetzt stehe zu befürchten, dass das Ansehen Großbritanniens in der muslimischen Welt "weiteren Schaden" nehme.

Aus dem Buckingham-Palast verlautete inzwischen, der tatsächliche Ritterschlag für Rushdie werde nicht vor Oktober erwartet, wenn er durch die Queen selbst erfolgen solle. "Ich habe keine Ahnung, wann er kommen und den Ritterschlag empfangen kann", sagte eine Palastsprecherin. In den nächsten Monaten seien nur zwei derartige Zeremonien im Juli vorgesehen, danach erst wieder im Oktober. Sie bezweifle, dass Rushdie zu einer der Juli-Zeremonien kommen könne, sagte die Sprecherin.

phw/AP/Reuters



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