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08. Juni 2011, 15:10 Uhr

Skandal in der Nationalversammlung

Monsieur Stinkefinger empört das hohe Haus

Von , Paris

Im französischen Parlament wird gewettert, gestritten, gekeift, doch die Form bleibt immer gewahrt. Bisher jedenfalls. Nun aber hat der Sozialist Henri Emmanuelli das Tabu gebrochen - mit einem Stinkefinger Richtung Premier Fillon.

In den ehrwürdigen Hallen des französischen Parlaments wird durchaus lautstark, heftig und polemisch debattiert. Verbale Attacken sind an der Tagesordnung. Doch rüde Gesten waren dort bisher verpönt und daher unvorstellbar. Bis jetzt.

Denn am Dienstag schaltete sich ein Abgeordneter auf ungebührliche Weise in die laufende Diskussion ein. Premier Francois Fillon antwortete gerade auf eine Frage der Opposition, als Henri Emmanuelli, gewählter Volksvertreter des Departements "Landes", auf die Ausführungen des Regierungschefs reagierte - und die gebotene Contenance verlor.

Es muss am Thema gelegen haben: Schließlich ging es um die Steuerreform der konservativen Partei, von der einmal mehr die reichen Freunde von Präsident Nicolas Sarkozy profitieren dürften. Die Sozialisten hatten der Regierung gerade vorgeworfen, den Wohlhabenden "ein neues Geschenk" zu machen und das Wachstum zu vernachlässigen - ein Anwurf, auf den Premier Fillon sofort reagierte. "Ja, Monsieur Emmanuelli, es gibt ein Land, das es besser macht als wir - Deutschland", gab Fillon zurück. "Und warum? Weil Deutschland bereits unter Herrn Schröder früher die nötigen Reformen gemacht hat, die wir jetzt anstreben."

Klarer Verstoß gegen die guten Sitten

Auf den geschickten Hinweis auf die vorbildlichen Sozialdemokraten jenseits des Rheins reagierte Emmanuelli mit Protest und verlieh seiner Meinung stumm, aber durchaus aussagekräftig per Fingerzeig zum Ausdruck. Seither macht das "ungebührliche Gebaren" des Abgeordneten fast so viel Schlagzeilen wie das Aufregerthema Steuerreform: Im Internet zirkulieren Fotos und Videos von Emmanuellis Stinkefinger, die Vertreter der Konservativen empören sich.

Denn Emmanuellis Rückgriff auf den "digitus impudicus" (unkeuschen Finger), eine Gebärde, die angeblich auf das römische Imperium zurückgeht, wo sie als obszöner Hinweis oder Abwehr gegen den "bösen Blick" die Regel war, gilt als klarer Verstoß gegen die guten Sitten im Hohen Haus - selbst wenn der neoklassizistische Bau des Pariser Parlaments durchaus architektonische Anleihen bei der antiken Vergangenheit macht. Ja, die inkriminierte Geste wird am 15. Juni sogar die Aufsichtsgremien des Parlaments beschäftigen.

Der Sozialist streitet allerdings ab, mit seinem erhobenen Mittelfinger Kritik am Premier geübt zu haben, und fühlt sich missverstanden: "Ich bin alt genug und habe genug Erfahrung, um meine Meinung ohne unpassende Gesten vorzubringen", verteidigte er sich und schob eine etwas verquaste Entschuldigung nach: "Wenn das aber so interpretiert wird, dann bin ich darüber untröstlich."

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