Skandalfotos Sechs verdächtige Soldaten identifiziert

Das Verhalten einiger deutscher Soldaten der ISAF-Schutztruppe gefährdet die Sicherheit ihrer Kameraden, fürchtet die Bundesregierung. Die Soldaten hatten sich mit einem Totenschädel in obszönen Posen fotografieren lassen. Einige sind inzwischen identifiziert.


Hamburg - Die Bundeswehr hat sechs Beteiligte der mutmaßlichen Leichenschändungen in Afghanistan identifiziert. "Vier sind nicht mehr bei der Bundeswehr, bei zwei weiteren werden wir die entsprechenden Konsequenzen ziehen", sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) am Mittwochabend im ZDF-"heute journal". Insofern sei man in Hinblick auf die Aufklärung schon einen entscheidenden Schritt weiter gekommen.

Die Staatsanwaltschaft Potsdam hat Ermittlungen wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe aufgenommen, die mit Haft bis drei Jahren geahndet werden kann. Bei einem Verdächtigen soll es sich um einen Stabs- oder Hauptgefreiten der Reserve, bei dem anderen um einen Stabsunteroffizier handeln. Den beteiligten Soldaten droht zudem die Entlassung aus der Truppe, sollte sich der Verdacht erhärten.

Die Vernommenen gehören wahrscheinlich einer Gebirgsjägereinheit aus dem Standort Mittenwald (Bayern) an. Die Gebirgsjäger werden von der Bundeswehr für den Kampf in unwegsamem Bergland ausgebildet. Gebirgssoldaten wurden auch in Auslandeinsätze geschickt – etwa nach Somalia und Ex-Jugoslawien.

Laut "Bild"-Zeitung, die die Bilder abdruckte, stammen die Fotos aus dem Frühjahr 2003. Ein Foto zeigt einen Bundeswehrsoldaten, der einen Totenschädel hochhält, auf anderen ist ein Schädel auf einem Panzer und an einem Geländewagen zu sehen. Ein Foto zeigt einen Soldaten mit entblößtem Penis und Totenschädel. Die Aufnahmen sollen während einer Patrouillenfahrt unter dem Kommando eines Feldwebels entstanden sein.

Merkel: "Schockierend, abscheulich"

Ein Mitglied der afghanischen Regierung drückte gegenüber SPIEGEL ONLINE bereits sein Entsetzen über die Bilder aus. In Berlin wurde die Sorge laut, dass die abgelichteten Posen die Gefährdung der knapp 3000 Soldaten in Afghanistan erhöhen könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsminister Franz Josef Jung (beide CDU) äußerten sich entsetzt und kündigten ein hartes Durchgreifen an.

Merkel bezeichnete die Fotos als "schockierend, abscheulich und durch nichts zu entschuldigen". Gleichzeitig betonte sie, dass Bundeswehr und NATO in Afghanistan einen langem Atem brauchten, um das Land zu befrieden. "Afghanistan ist so etwas wie ein Lackmustest für ein erfolgreiches Krisenmanagement und für eine handlungsfähige NATO. Die Menschen müssen dort Änderungen hin zum Besseren verspüren."

Die Bundeswehr in Afghanistan gerät durch den Vorfall bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit in die Schlagzeilen. Seit kurzem wird der Fall des von den USA entführten Bremers Murat Kurnaz im Verteidigungsausschuß des Bundestags untersucht. Kurnaz, der wegen Beteiligung am internationalen Terrorismus ins Visier der US-Behörden geraten war, erhebt schwere Vorwürfe gegen deutsche Soldaten der KSK-Spezialkräfte, die ihn während seiner Haft in einem US-Lager in Afghanistan im Frühjahr 2002 misshandelt haben sollen.

Furcht vor Anschlägen wächst

Jung sagte zu den Totenkopf-Fotos in der "Tagesschau", er hoffe, "dass hier nicht Weiterungen geschehen und dass hier der Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten in diesen wichtigen Auslandseinsätzen in Gefahr gerät".

Auch der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, sieht durch die Vorfälle die Gefahr von Anschlägen auf deutsche Soldaten wachsen. In einem Interview mit dem Fernsehsender Phoenix sagte er: "Die Kommandeure vor Ort werden sich überlegen müssen, mit welchen Reaktionen sie zu rechnen haben, wenn da Sender wie Al Dschasira das in der gesamten arabischen und muslimischen Welt verbreiten werden. Man muss auch damit rechnen, dass al-Qaida und Taliban ihren Landsleuten sagen: Passt mal auf, so gehen die Ungläubigen, so gehen die Deutschen mit unseren Toten um."

Es gebe aus 13 Jahren Bundeswehreinsatz im Ausland kein vergleichbares Foto und keine vergleichbare Handlung. "Dieses Vorgehen ist in der Tat geeignet, die ganze arabische, muslimische Welt gegen uns aufzubringen und damit auch das gute Bild, das die Soldaten gerade auch in Afghanistan bisher hinterlassen haben, deutlich zu verdunkeln."

Jaf/AP/dpa/rtr



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