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06. Mai 2015, 15:41 Uhr

Unterwasser-Objekte, Kampfflieger, Drohungen

Skandinaviens Angst vor Russland

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Mysteriöse Objekte vor den Küsten, Flugzeuge über den Ländern, Provokationen aus Moskau: In den nordischen Staaten wächst die Furcht vor russischen Aggressionen. Man plant eine gemeinsame Abschreckungsstrategie.

5000 Soldaten nehmen in diesen Tagen Kurs auf das Meer vor Norwegen. Sie kommen aus zehn Nato-Mitgliedsstaaten. Ziel der Militärübung, die bis zum 13. Mai geht, ist der Kampf gegen fremde U-Boote. Zum ersten Mal hat das westliche Verteidigungsbündnis auch Schweden zu dem Manöver eingeladen.

Nicht nur in den baltischen Staaten herrscht seit der Ukraine-Krise Alarmbereitschaft, auch in den skandinavischen Ländern wächst die Unruhe - sie registrieren russische Einschüchterungsversuche. Ende März erschien in der norwegischen Zeitung "VG" ein Kommentar mit dem Titel "Was, wenn die Russen kommen?" Norwegen dürfe nicht naiv sein, heißt es darin.

Erst jüngst haben Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark und Island eine gemeinsame Abschreckungsstrategie gegen Moskau vereinbart. Es gebe einen veränderten "Normalzustand", zu dem man sich verhalten müsse, heißt es darin. "Russlands Handlungen sind die größte Herausforderung für die Sicherheit in Europa." Ende Mai wollen die skandinavischen Länder bei einem gemeinsamen Manöver der Luftwaffen Stärke beweisen.

Warum fühlen sich die Skandinavier bedroht?

Am Dienstag der vergangenen Woche hatte die finnische Marine in den Gewässern vor der Hauptstadt Helsinki ein unbekanntes Unterwasserfahrzeug geortet und Warngranaten abgefeuert. Finnlands Verteidigungsminister Carl Haglund sagte, es könne sich um ein U-Boot handeln, das das Gebiet nun verlassen habe. Im Herbst vergangenen Jahres hatte das schwedische Militär im Meer vor Stockholm nach angeblichen U-Booten gesucht - die Jagd nach den mysteriösen Unterwasserobjekten, die Anwohner beobachtet hatten, sorgte international für Schlagzeilen. Im November 2014 hatte Schwedens Premier Stefan Löfven erklärt, er sehe "klare Beweise", dass ein kleines U-Boot illegal schwedische Gewässer passiert habe - diese Einschätzung gilt bis heute. Woher das U-Boot stammte, ist immer noch ungewiss.

Immer öfter kreuzen russische Militärmaschinen in den vergangenen Monaten den Luftraum nahe Skandinavien - oft fliegen sie mit ausgeschalteten Transpondern. In einigen Fällen gefährden die russischen Flieger Passagiermaschinen. Zum Beispiel im Dezember 2014, als ein russisches Militärflugzeug zumindest dicht an schwedischem Luftraum flog und Berichten zufolge einem Passagierflugzeug aus Kopenhagen nahe kam. Über die tatsächliche Distanz gibt es unterschiedliche Angaben. Auf schwedischer Seite war die Rede von einer "gefährlichen Annäherung". Russland dagegen beharrt, beide Maschinen seien 70 Kilometer voneinander entfernt gewesen.

Im Januar dieses Jahres flogen zwei russische Tu-95 Bomber entlang der norwegischen Küste und drehten dann Richtung Großbritannien ab. Insgesamt identifizierten die norwegischen Behörden im vergangenen Jahr 74 russische Flieger in internationalem Luftraum nahe der norwegischen Küste - eine Steigerung um 30 Prozent im Vergleich zu 2013.

In der Ukraine-Krise hatte die dänische Regierung stets auf scharfe Sanktionen gedrungen - die Stimmung zwischen Kopenhagen und Moskau ist angespannt. Ende März eskalierte der Konflikt auf diplomatischer Ebene. Der russische Botschafter in Dänemark drohte in einem Beitrag für die Zeitung "Jyllands-Posten" den Dänen mit Atomraketen, wenn sie sich der europäischen Raketenabwehr gegen Russland anschließen. "Ich glaube, die Dänen sind sich nicht der Folgen bewusst, wenn sie sich an dem von Amerika gesteuerten Raketenabwehrsystem beteiligen", schrieb Botschafter Mikhail Vanin. Dänische Kriegsschiffe könnten dann Ziel russischer Atomraketen werden. Rhetorik, die an den Kalten Krieg erinnert. Die Zeitung "Politiken" kommentierte: So harte Drohungen habe es seit 25 Jahren nicht mehr gegeben.

Auch zwischen Norwegen und Russland gab es heftigen diplomatischen Krach - in Oslo wurde der russische Botschafter einbestellt. Der Grund: Im April stattete der russische Vize-Premier Dmitri Rogosin der norwegischen Inselgruppe Svalbard, Spitzbergen, einen unangemeldeten Besuch ab.

Die Norweger empfanden das als Affront - sie vermuten, dass es Russland im Zuge seiner Arktis-Strategie auch auf das Gebiet um die norwegischen Inseln abgesehen hat. Manche Spitzbergen-Bewohner jedenfalls fühlen sich schon Russland zugetan: "Putin ist unser bester Freund", sagten Insulaner der Zeitung "Aftenposten". Oslo ist alarmiert und handelt: Um den Einfluss auf der Inselgruppe, die eine spezielle Verwaltungsform hat, zu festigen, hat die Regierung in Oslo einem angeschlagenen Kohlewerk auf Svalbard jetzt eine halbe Milliarde Kronen versprochen.

Zwischen dem schwedischen Nybro und Klaipeda in Litauen werden Unterwasserkabel gelegt - das Projekt "Nordbalt" soll die Energie-Abhängigkeit der baltischen Staaten von Russland verringern. Im Jahr 2014 wurde mit der Verlegung begonnen. Schwedischen Medienberichten zufolge haben in den vergangenen Wochen immer mehr russische Kriegsschiffe auf aggressive Art die Arbeiten gestört.

Skandinavische Länder rüsten auf

An einen russischen Einmarsch glauben auch die meisten Militärs nicht - einige halten es aber für möglich, dass Moskaus Drohungen und Einschüchterungen wachsen. Die Skandinavier wollen gegen Russland deshalb Stärke zeigen. Die Regierungen in den nordischen Ländern haben deshalb in den vergangenen Wochen und Monaten Milliardenausgaben für Rüstung angekündigt. Das Verteidigungsbudget wird aufgestockt, lange geplante Projekte werden jetzt mit größerer Dringlichkeit verfolgt.


Zusammengefasst: In den skandinavischen Ländern wächst seit der Ukraine-Krise die Furcht vor russischen Aggressionen - mysteriöse Unterwasserobjekte, Kampfflieger und diplomatische Attacken schrecken die Länder im Norden auf. Mit einer gemeinsamen Abschreckungsstrategie wollen sie Moskau gegenüber Stärke zeigen.

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