Skandinavien Mohammed-Karikaturen sorgen weiter für Wirbel

Muslime in der arabischen Welt sind über Karikaturen des Propheten Mohammed in Dänemark und Norwegen in Wallung geraten. Nachdem es zu Boykottaufrufen und gar Aufforderungen zu Anschlägen kam, rudern jetzt die Presseorgane und ihre Regierungen zurück.


Kopenhagen/Bagdad - Nach heftigen Protesten hat sich die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" inzwischen für die umstrittenen Karikaturen entschuldigt. Die satirischen Zeichnungen seien zwar mit dänischem Recht vereinbar, sie hätten aber "unwiderlegbar viele Muslime verletzt", erklärte der Chefredakteur der Zeitung, Carsten Juste, gestern in einem Brief an die jordanische Nachrichtenagentur Petra. Der dänische Regierungschef Anders Fogh Rasmussen begrüßte die Erklärung. Rasmussen sagte im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender DR1, es freue ihn außerordentlich, dass die "Jyllands-Posten" diesen "sehr wichtigen Schritt" gemacht habe. Zuvor hatte er die Zeichnungen verurteilt, jedoch auf die Pressefreiheit verwiesen.

Auch das norwegische Magazin "Magazinet" sprach heute sein Bedauern aus, weil es die Zeichnungen abgedruckt hatte. Die irakische Regierung bestellte wegen des Vorfalls den dänischen Botschafter in Bagdad ein. Der Chefredakteur des norwegischen christlichen "Magazinet", Vebjörn Selbekk, schrieb in einem im Internet veröffentlichten Artikel, er bedauere, wenn die Zeichnungen Muslime beleidigt hätten. Die von vielen Muslimen geforderte Entschuldigung formulierte er jedoch nicht. Der mit der Meinungsfreiheit vereinbare Abdruck sei nicht als Provokation gedacht gewesen, schrieb Selbekk weiter.

In Norwegen widersprach ein Sprecher des Außenministeriums Berichten, die Regierung habe ihre Diplomaten aufgefordert, sich für die Veröffentlichung der Zeichnungen zu entschuldigen. Die Vertreter Norwegens hätten sich nur für die Aufregung entschuldigen sollen, die der Abdruck nach sich gezogen habe, sagte der Ministeriumssprecher der norwegischen Nachrichtenagentur NTB.

Außenminister Jonas Gahr Støre sagte im dänischen Fernsehsender TV2, die durch die Veröffentlichung der Zeichnungen erzeugte Unruhe sei "nicht positiv für den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Menschen mit verschiedenen Religionen". Er erklärte, als Minister könne und wolle er die Entscheidung von Medien über ihre Veröffentlichungen nicht bewerten. Er meinte weiter: "Jeder hat aber wohl das Recht, seinen Verstand zu gebrauchen." In einer Zeit, in der Glauben für viele Menschen sehr bedeutsam sei, seien "diese Art von Zeichnungen zutiefst provokativ und kränkend". Die Osloer Regierung hatte nach Gewaltandrohungen im palästinensischen Gaza-Streifen am Montag zwei norwegische Mitarbeiter von Hilfsprojekten aus dem Gebiet bringen lassen.

Zuerst hatte die "Jyllands-Posten" Ende September 2005 zwölf satirische Zeichnungen mit dem Titel "Die Gesichter Mohammeds" abgedruckt. Darunter war ein Bild, das Mohammed mit einem Turban in Form einer Zeitbombe zeigte. Muslime beklagten, dass die Karikaturen ihre religiösen Gefühle verletzten. Am 10. Januar druckte die norwegische Zeitung "Magazinet" die Zeichnungen nach, woraufhin der Streit vollends eskalierte.

Im Irak rief eine radikale Gruppe zu Anschlägen auf dänische Soldaten auf. In zahlreichen arabischen Ländern wurden dänische Produkte boykottiert. Der irakische Außenminister Hoschjar Sebari verurteilte laut einer offiziellen Erklärung gegenüber dem dänischen Botschafter in Bagdad, Kristian Oldenberg, die Regierung in Kopenhagen wegen des Abdrucks der Zeichnungen. Die EU-Außenminister hatten bei ihrem gestrigen Treffen ihre Solidarität mit Dänemark betont.



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