Skurrile US-Präsidentschafts-Kandidaten Vampire, Stalker, Wurmloch-Spezialisten

Mehr als 200 US-Amerikaner kandidieren für das Amt des Präsidenten. Unter den Bewerbern: ein satanistischer Wrestler, ein Zeitreisender und ein Prohibitionsverfechter, der schon mal als Gevatter Tod auftritt.

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Jonathan Albert Sharkey, 43, ist, laut seinem MySpace-Profil, "geborener Amerikaner"; in seinen Adern fließe jedoch "Vampirblut". Und das sei, wie man in seinem Blog lesen kann, "dicker als Öl". Aber egal, ob Mann oder Vamipir, Sharkey - Beruf: Wrestler, Religion: Satanist, Spitzname "Der Pfähler" - hat ein klares Ziel: Er will der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden.

Seine Partei, die Vampir-, Hexen- und Heiden-Partei (Vampyres Witches Pagans Party), verfolgt eine strikte Politik: Die Todesstrafe würde unter Sharkeys Ägide verschärft: Terroristen und Kriminelle würde er "eigenhändig pfählen", Christen dagegen nicht.

Sharkey, der Politik-Vampir, ist einer von über hundert alternativen Präsidentschaftsbewerbern in einem politischen Paralleluniversum zu Clinton, Obama, Giuliani und McCain.

Präsident kann in den USA theoretisch eigentlich jeder werden. Man muss nur in Amerika geboren sein, mindestens 35 Jahre zählen und seit 14 Jahren in den Vereinigten Staaten leben. Zwischen 200 und 300 US-Amerikaner nutzen jedes Mal zu den Präsidentschafts-Vorwahlen ("primaries") die Chance, zur Wahl anzutreten. Die Webseite " Politics1" listet sie allesamt auf. Die Chancengleichheit bei der Kandidatur ist Demokratie in Reinkultur - auch wenn die Chancen, als durchgeknallter Nobody Präsident zu werden, verschwindend gering sind.

Sharkey lässt sich davon nicht entmutigen: Der Ex-Republikaner und Ex-Soldat tritt bereits zum zweiten Mal in Folge als unabhängiger Präsidentschaftskandidat an. Zuvor kandidierte er bereits für die Kongresse in New Jersey, Indiana und Florida. Und für den Gouverneursposten in Minnesota. Bislang blieb der unermüdliche Wahlkämpfer jedes Mal chancenlos - was daran liegen mag, dass er bereits im Kittchen saß, weil er seine Ex-Freundin dauernd belästigt hatte. Oder daran, dass er sich im Minnesota-Wahlkampf als seine eigene First Lady ausgegeben hat. Oder daran, dass er gerne mal seinen eigenen Tod vortäuscht.

Abschreckend auf die potentielle Wählerschaft könnte zudem gewirkt haben, dass die Partei der Vampire, Hexen und Heiden zwar 2005 offiziell vom Federal Election Committee als politische Instanz anerkannt worden ist, bis heute aber kein Beweis dafür besteht, dass sie irgendwelche Mitglieder hat - außer Sharkey selbst.

Faschisten, Verschwörungstheoretiker, Chiropraktiker

Präsidentschaftskandidat Don J. Grundmann ist ein ganz anderes Kaliber. Der Chiropraktiker und bekennende "Anti-Steuer-Aktivist" wirft sich für die erzkonservative Constitution Party ins Rennen, die Abtreibung und die Vereinten Nationen gleichermaßen verabscheut und den Republikanern und Demokraten Korruption vorwirft.

Auch Grundermann wittert überall Verschwörungen - und gibt sich ebenso verschwörerisch. Vor allem zitiert er gerne und viel aus dem Film "The Matrix". Als Präsident wolle er Amerika aus der "Matrix" befreien, er wolle dem Land die "rote Pille" verabreichen, schreibt er auf seiner Webseite " Truth USA". Auf dieser erfährt man so allerlei: Warum die Verpflichtung, Steuern zu zahlen, von keinem Gesetz gedeckt ist; warum am 11. September 2001 doch keine Boeing 757 ins Pentagon geflogen sei; warum Homosexualität gesundheitsschädlicher ist als Rauchen und Drogenmissbrauch zusammen.

Jackson Kirk Grimes, ein anderer Bewerber, tritt bereits zum dritten Mal in Folge für die United Fascist Union (UFU) als Präsidentschafts-Kandidat an. Der 56-Jährige mag William Shakespeare, Christopher Lee, Mussolini, Obstkuchen und Big Band Swing - und propagiert die Auferstehung des Römischen Reichs. Auf seiner Webseite posiert er schon mal vorsorglich mit Weisenau-Helm. In den Statuten seiner Partei wird indes ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die UFU keinerlei Rassismus oder Diskriminierung duldet. Die angestrebte Einführung einer "weltweiten Militär-Diktatur" diene vornehmlich dazu, das "Papiergeld abzuschaffen": Alles in allem der reine Wahnsinn.

Wahlkampf zwischen Prohibition und Zeitreise

Ron Gunzburger, der Herausgeber von "Politics1", verfolgt das Kandidaten-Karussell seit mehreren Jahren. Nicht alle Bewerber, so glaubt er, sind Spinner. Nicht alle, so meint er, handeln aus denselben Motiven. "Manche haben durchaus ernst gemeinte Botschaften und bereichern die Debatte. Andere spielen aus Geltungssucht den Klassenclown. Wieder andere treten an, weil Mami ihnen gesagt hat, sie seien was besonderes - und sie immer noch daran glauben", zitiert ihn die Online-Ausgabe von "ABC-News".

Ganz ernst meint es offenbar Gene Amondson von der "Prohibition Party". Die Partei will das generelle Alkoholverbot von 1920 wieder einführen, der Name ist Programm. Um seinen Wählern zu verdeutlichen, wie schädlich Alkoholverbrauch ist, posiert Amondson auch schon mal als Gevatter Tod. Auf seiner Webseite schreibt er: "Death to the demon drink!"

Ein Klassenclown, der nur zum Schein kandidiert, könnte der Demokrat Warren Roderick Ashe sein. "Hier spricht Präsident Ashe", begrüßt er seine Wähler in seinem Seti-Profil. Außer dass er sich offenbar schon als Präsident wägt, erfährt man wenig über Ashe. Zum Beispiel, dass er mit "Zeitreisen-Kommunikation" zu tun hat, "die wirklich funktioniert". Oder dass er mittels Wurmloch-Technologie Sperma ins 23. Jahrhundert gebeamt haben will. Warum er kandidiert und was er als Präsident für sein Land tun will, erfährt man hingegen nicht.

Deutscher Kandidaten-Klamauk

Wer nun glaubt, so etwas sei nur in Amerika möglich, liegt nur zum Teil richtig. Auch hierzulande gibt es zahlreiche Gruppierungen, die sich üblichen politischen Bewertungskriterien entziehen. Man denke an die Deutsche Bierpartei. An die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD). An die von Filmregisseur Christoph Schlingensief eigens gegründete Spaß-Fraktion Chance 2000. Oder an Guido Westerwelle (FDP), der mit dem Guidomobil durch Deutschland fuhr, "18 Prozent" unter den Schuhsohlen stehen hatte und Kanzler werden wollte.

Man sieht es schon: Die politischen Ausbuchtungen der Bundesrepublik sind keineswegs kleiner. "Es ist eben nur so, dass man in Deutschland die Bundeskanzlerin oder den Bundeskanzler nicht direkt wählt", meint Beate Neuss, Professorin für Internationale Politik an der Technischen Universität Chemnitz. Zudem sei das Parteiensystem in Deutschland viel ausgeprägter als in den USA. "Die ganz großen Spinner fallen meist durchs Raster, weil keine Partei sie als Spitzenkandidaten aufstellt, und damit haben sie keine Chance."

Die kleinen Spinner oder Spezialkandidaten haben zwar keine Chance, können den großen Kempen aber durchaus gefährlich werden. Schaffe es ein Outsider-Kandidat nämlich, die Primaries zu überstehen, könne er bei engen Wahlergebnissen schnell zum Zünglein an der Waage werden. "Die meisten Experten sind sich darüber einig, dass der Demokrat John Kerry bei den Wahlen 2004 die möglicherweise entscheidenden Stimmen an den Outsider Ralph Nader verloren hat", meint Neuss. Der Verbraucherschutzanwalt kandidierte seinerzeit für die Grünen. Nader erhielt 0,4 Prozent aller Stimmen - George W. Bush wurde Präsident.

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