Journalistenmord in der Slowakei "Die Regierung hat das korrupte System erst ermöglicht"

Der slowakische Journalist Árpád Soltész glaubte, sein Land sei ein Rechtsstaat. Nach dem Mord an seinem Kollegen Ján Kuciak ist das anders. Die Arbeit des Toten will er fortsetzen - die moralische Schuld an der Tat trage die Regierung.
Demonstration in Bratislava, Plakat für die Ermordeten Ján Kuciak und Martina Kusnirova

Demonstration in Bratislava, Plakat für die Ermordeten Ján Kuciak und Martina Kusnirova

Foto: Ronald Zak/ AP

Der Mord an dem Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová in der Slowakei hat europaweit für Erschütterung gesorgt. Das Paar war Ende Februar tot in seinem Haus aufgefunden worden. Es ist nicht das erste Mal, dass Journalisten in der Slowakei Gewalt erfahren oder unter Druck geraten. Bereits in der Vergangenheit gab es Angriffe auf Medienschaffende.

Der 27-jährige Kuciak hatte vor seinem Tod über den Filz in der Politik recherchiert und war dabei auf mögliche Verbindungen italienischer Mafiaclans zu slowakischen Politikern und Regierungsmitarbeitern gestoßen. In der EU ist man nach dem Doppelmord besorgt. Vor wenigen Tagen war eine Delegation des EU-Parlaments in die Slowakei gereist, um den Tod von Kuciak und seiner Verlobten zu untersuchen.

Auch eine Gruppe von slowakischen und ausländischen Journalisten will die Spuren zum Mord an dem Paar verfolgen. Außerdem wollen sie die Arbeit des getöteten Kuciak weiterverfolgen. Teil des Teams ist der slowakische Journalist Árpád Soltész. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über den Tod seines Kollegen und einen brutalen Angriff, dem er selbst vor Jahren zum Opfer gefallen ist.

Zur Person
Foto: TV JOJ

Árpád Soltész, Jahrgang 1969, ist einer der bekanntesten Journalisten der Slowakei und war Mitte der Neunzigerjahre einer der ersten investigativen Reporter im Land. Wegen der antikommunistischen Einstellung seines Vaters durfte er unter der Diktatur kein Abitur machen, sondern musste als Maschinenschlosser arbeiten. Nach der samtenen Revolution in der Tschechoslowakei im November 1989 studierte Soltész zunächst Germanistik und wurde dann Journalist. Im Zusammenhang mit einer Recherche prügelte ein Unbekannter ihn 1998 krankenhausreif. Seit einigen Jahren arbeitet Soltész überwiegend als politischer Kommentator, derzeit für den Fernsehsender TV JOJ.

SPIEGEL ONLINE: Herr Soltész, Sie selbst haben vor einigen Monaten noch geschrieben, die Slowakei sei kein Mafia-Staat, sondern im Großen und Ganzen ein Rechtsstaat auf einem guten Weg. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Soltész: Ja, ich lag falsch.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie empfunden, als sie vom Mord an Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová erfahren haben?

Árpád Soltész: Es war es ein riesiger Schock für mich. Wirklich im physischen Sinne. Als ich die Nachricht erhielt, begann ich regelrecht zu zittern. Inzwischen empfinde ich einfach nur noch eine sehr große Traurigkeit und große Wut.

SPIEGEL ONLINE: Ján Kuciak war 27 Jahre alt und gehörte zur jungen Generation von Investigativjournalisten im Land, so wie Sie. Wie war das damals, als Sie anfingen?

Soltész: Investigativjournalismus hatte es in der Slowakei wegen der Diktatur vierzig Jahre lang nicht gegeben. Niemand wusste, wie man investigativ arbeitet. Wir haben das alles selbst erlernt, vor allem durch unsere eigenen Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden selbst schon einmal wegen Ihrer Arbeit angegriffen.

Gedenken an Kuciak vor der slowakischen Botschaft in Budapest

Gedenken an Kuciak vor der slowakischen Botschaft in Budapest

Foto: BERNADETT SZABO/ REUTERS

Soltész: Ja, 1998 wurde ich während einer Recherche zu einem betrügerischen Privatiserungsfall furchtbar zusammengeschlagen. Eines Abends, während eines Teffens in einem Restaurant, ging ich auf die Toilette. Kurz nach mir kam jemand herein und verprügelte mich, ohne irgendein Wort zu sagen. Er zerschlug mir das Gesicht, brach mir einige Rippen, und während ich halb bewusstlos am Boden lag, ging er ganz ruhig und schweigend aus der Toilette. Das war absolute Profiarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Fall aufgeklärt worden?

Soltész: Nein. Nachdem ich im Krankenhaus gewesen war, ging ich am nächsten Tag zur Polizei. Sie sagten nur, das Ganze sei sicher eine gewöhnliche Kneipenprügelei gewesen. Ich habe noch nicht einmal irgendetwas Schriftliches bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Geschichte ging damals durch die Medien der Slowakei und Sie wurden recht bekannt.

Soltész: Das war vielleicht das Gute an diesem schlimmen Vorfall. In dem Jahr wurde gewählt, und einigen hohen Leuten und Insidern ging die politische Entwicklung unter dem autoritären Meciar-Regime längst zu weit - Entführungen, Autobomben, das Ausschalten von Zeugen und unliebsamen politischen Gegnern. Aber viele vertrauten Journalisten nicht. Nachdem ich verprügelt worden war, glaubten sie wohl, dass ich verlässlich sei und sie kamen mit ihren Geschichten zu mir. Das war der Ausgangspunkt für viele Artikel, die ich schreiben konnte.

Im Video: Besuch in einer schockierten Redaktion

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Nun ist zum ersten Mal ein slowakischer Journalist ermordet worden. Manche Ihrer Kollegen glauben, darin die Handschrift der italienischen Mafia zu erkennen. Gibt es dafür Beweise?

Soltész: Vorläufig gibt es keine gesicherten Informationen. Allerdings sind wir zusammen mit einigen Kollegen bestimmten Spuren nachgegangen. All diese Spuren führen letztlich in eine Richtung, und zwar dorthin, wo auch Jan recherchiert hat, nämlich zu mutmaßlichen Mitgliedern der italienischen Mafia, die Verbindungen zur Regierung haben sollen. Daher halte ich auch die gegenwärtige Regierung für mitverantwortlich an diesem Mord, denn sie hat dieses korrupte System, über das Jan recherchiert hat, ja erst ermöglicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Slowakei hat sich in den letzten beiden Jahren durchaus ein positives Image aufgebaut. Regierungschef Robert Fico hat seinen rechtspopulistischen Diskurs zurückgeschraubt und sich proeuropäisch geäußert. War es ein Fehler, ihm zu glauben?

Soltész: Ich denke, Fico hat immer ein Doppelspiel betrieben. Jetzt sieht man in gewisser Weise sein wahres Gesicht.

SPIEGEL ONLINE: Fico beschuldigt nun seine innenpolitischen Gegner, sie handelten im Auftrag ausländischer Kräfte, unter anderem des US-Börsenmilliardärs George Soros. Wie beurteilen Sie diese Aussage?

Soltész: Fico begibt sich damit auf das Niveau von Viktor Orbáns antisemitischer Rhethorik, wonach immer "der böse Jude" Soros schuld sein soll. Fico ist nicht dumm, er weiß, dass er jetzt kaum noch von demokratischen Parteien unterstützt wird. Wenn er politisch überleben will, dann muss er sich ganz rechts Unterstützung holen. Außerdem will er von dem Wesentlichen ablenken, nämlich von der Verbindung zwischen der Mafia und der Politik.

Im Video: Mord an slowakischem Journalisten

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Sie werden selbst gerade wieder bedroht, diesmal geht es um Rechtsextreme.

Soltész: Ich äußere mich immer wieder entschieden gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Chauvinismus in der Slowakei. Bei uns ist es üblich zu sagen: "Ich bin kein Rassist, aber..." Nach dem "aber" kommt dann etwas gegen Roma, gegen Juden wie mich und so weiter. Dazu habe ich auf meiner Facebook-Seite geschrieben: "Ich bin kein Rassist, aber ich kann den weißen Abschaum nicht ausstehen." Das war ironisch gemeint, doch einige Neonazis haben es an die Polizei geschickt, die wiederum ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Das Verfahren wird höchstwahrscheinlich eingestellt, aber jetzt bekomme ich massenweise Hassmails von Neonazis.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den letzten Jahren ausschließlich als politischer Kommentator gearbeitet und einen Roman veröffentlicht. Werden Sie jetzt, nach dem Mord an Ján Kuciak, wieder investigativ arbeiten?

Soltész: Ich bin Teil einer Gruppe von slowakischen und ausländischen Journalisten, die alle Spuren zum Mord an Ján Kuciak und seiner Verlobten verfolgt. Das Portal aktuality.sk  hat diese Gruppe organisiert und mich sozusagen "reaktiviert". Wir werden auch Jáns Arbeit zu Ende bringen. Wenn diejenigen, die Ján und Martina ermordet haben, glauben, dass sie damit ein Problem gelöst hätten, dann sollen sie eines wissen: Jetzt bekommen sie ein wirkliches Problem.