Toter Journalist Kuciak in der Slowakei Mörder gefunden, Auftraggeber unbekannt

Der Mord am Journalisten Ján Kuciak hat die Slowakei erschüttert - nun sind vier Verdächtige in Haft. Doch Informationen zum Auftraggeber fehlen weiterhin. Kollegen des Toten bleiben deshalb skeptisch.

Polizisten führen Tatverdächtigen Zoltán A. ab
AFP

Polizisten führen Tatverdächtigen Zoltán A. ab


Fotos auf seiner Facebook-Seite zeigen ihn beim Kampfsport, bei der Ausbildung als Söldner an einer privaten Security-Akademie und schwerbewaffnet auf einem Schiff bei einem Antipirateneinsatz im Indischen Ozean: muskulös, kahlgeschoren, teils in martialischen Posen. Sein Lieblingsmotto: "Never forget, never forgive".

Tomas Sz. soll der mutmaßliche Mörder des slowakischen Investigativ-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová sein, die Ende Februar in ihrem Wohnhaus nordöstlich von Bratislava regelrecht hingerichtet wurden - ein Fall, der die Slowakei in eine politische Krise stürzte und international für große Betroffenheit sorgte.

Zusammen mit zwei weiteren mutmaßlichen Komplizen wurde Tomas Sz. am vergangenen Donnerstag in der südslowakischen Stadt Kolárovo verhaftet. Einen Tag später nahm die Polizei im Grenzort Komárno außerdem eine Frau namens Alena Zs. fest, die für den Mord 70.000 Euro gezahlt haben soll. Der slowakische Generalstaatsanwalt Jaromír Ciznár bezeichnete die Beweislage gegen die vier Verhafteten am Montag auf einer Pressekonferenz in Bratislava als "sehr stark", der Fall nähere sich der Aufklärung.

Foto des Ermordeten Kuciak
DPA

Foto des Ermordeten Kuciak

Sollte das stimmen, wäre es eine spektakuläre Wende in dem Mordfall. Er hatte zwar zu weitreichenden politischen Konsequenzen geführt: Unter anderen mussten nach dem Mord der Premierminister Robert Fico, der Innenminister Robert Kalinák und der Landespolizeichef Tibor Gaspar zurücktreten. Verbindungen zwischen der Regierung und der italienischen Mafia, über die Kuciak recherchiert hatte, waren bekannt geworden.

Doch bei den konkreten Mordermittlungen tat sich monatelang anscheinend nichts. Viele Kollegen Kuciaks wie auch die Angehörigen des ermordeten Paars mutmaßten, dass die Täter womöglich nie gefunden werden würden, weil es politisch nicht gewollt sei. Nun äußern sich einige von Kuciaks Kollegen vorsichtig optimistisch.

"Die Beweise wirken relativ eindeutig", sagte Peter Bárdy, Chefredakteur des Portals aktuality.sk, bei dem Ján Kuciak arbeitete, dem SPIEGEL. "Allerdings scheint auch klar, dass Alena Zs. nicht die wirkliche Auftraggeberin ist, sondern nur das Geld überbrachte. Wir müssen aber wissen, wer der Auftraggeber war, sonst endet es wie im Fall des Mordes an Daphne Caruana Galizia in Malta. Die Mörder sind gefunden, die Hintermänner bleiben im Dunkeln."

"Der erste Schritt zur Aufklärung"

Als "angenehme Überraschung" bezeichnet der slowakische Investigativ-Journalist Árpád Soltész vom TV-Sender JOJ die Verhaftungen. Schließlich habe es lange Zeit so ausgesehen, als gebe es überhaupt keine Spuren. "Es ist allerdings nur der erste Schritt zur Aufklärung", sagte Soltész dem SPIEGEL. "Bis die Auftraggeber gefunden werden, scheint es noch ein weiter, schwieriger Weg."

Der mutmaßliche Mörder Tomas Sz. betrieb bis zu seiner Verhaftung ein Lebensmittelgeschäft in Kolárovo und war immer wieder auch als Security-Mann und Personenschützer tätig. Er soll zudem zeitweise als Polizeibeamter in Komárno gearbeitet haben und laut slowakischen Medienberichten zudem in einen Mordfall an einem Geschäftsmann aus seinem Heimatort im Dezember 2016 verwickelt gewesen sein.

Bei den beiden Mittätern handelt es sich um Tomas Sz.s Cousin Miroslav M., der während der Mordaktion als Fahrer fungiert haben soll, sowie um Zoltán A., der die Geldtransaktion mit Alena Zs. abgewickelt haben soll.

Alena Zs. wiederum hatte enge Verbindungen zu dem bekannten slowakischen Geschäftsmann Marián Kocner, der Kuciak im Herbst 2017 persönlich bedroht hatte, weil dieser über seine Geschäftspraktiken recherchiert hatte. Die Polizei war nach einer Anzeige Kuciaks gegen Kocner jedoch untätig geblieben.

Ungereimtheiten und Schlampereien bei Ermittlungen

Seit Juni sitzt Kocner wegen des Verdachts auf Betrug, Dokumentenfälschung und Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft. Kocner ist der Pate von Alena Zs.s Tochter, Alena Zs. soll für ihn zudem als Italienisch-Dolmetscherin gearbeitet haben. Die slowakischen Ermittlungsbehörden haben nach eigenen Aussagen bisher keine Indizien dafür, dass Kocner der Auftraggeber sein könnte. Kocner selbst hat jegliche Tatbeteiligung bestritten.

Für die slowakische Regierung und die Ermittlungsbehörden bedeuten die Verhaftungen erst einmal eine Atempause. In den vergangenen Wochen hatte sich in der slowakischen Öffentlichkeit zunehmend Unmut über die anscheinend mangelhaften Ermittlungen breitgemacht.

Rund um den Tod von Kuciak/Kusnírová hatte es in den ersten Wochen Ungereimtheiten und Schlampereien gegeben. Fragen der Öffentlichkeit dazu hat die Polizei bis heute nicht plausibel beantwortet. Der aktuality.sk-Chefredakteur Peter Bárdy bleibt deshalb erst einmal skeptisch. "Die Polizei steht immer noch unter politischer Kontrolle der Regierungspartei", sagt er. "Deshalb bleibe ich misstrauisch."

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