Slowakischer Präsident Kiska "Wir dürfen die Türen nicht verschließen"

Der slowakische Präsident Andrej Kiska ist ein Außenseiter in Osteuropa: In der Flüchtlingskrise hat er wiederholt zu mehr Solidarität aufgerufen. Auf SPIEGEL ONLINE plädiert er für Menschlichkeit und Gastfreundschaft.
Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: "Wir sind verpflichtet, Menschen zu helfen, die weniger glückliche Lebensumstände haben"

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: "Wir sind verpflichtet, Menschen zu helfen, die weniger glückliche Lebensumstände haben"

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Zur Person
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Andrej Kiska, geboren 1963, studierte Mikroelektronik in Bratislava und arbeitete vor dem Sturz der kommunistischen Diktatur in der Tschechoslowakei als Ingenieur in für Erdöl- und Erdgastechnologie. 1990 ging er als Arbeitsemigrant für anderthalb Jahre in die USA, wo er sich unter anderem als Hilfsarbeiter durchschlug. Ab Mitte der 1990 Jahre war er Mitbegründer und Manager von Firmen, die Kreditfinanzierungen für Haushaltselektronik, Möbel, Sport- und Spielwaren anboten. 2005 verkaufte er seine Anteile an den Firmen für mehrere Millionen Euro. Einen Teil seines Vermögens spendete er der von ihm mitbegründeten Wohltätigkeitsorganisation "Guter Engel", die unter anderem arme Familien und Waisenkinder unterstützt.2014 trat der parteilose Kiska zunächst als Außenseiter zu den Präsidentschaftswahlen an und gewann diese dann im zweiten Wahlgang überraschend mit 60 Prozent der Stimmen. Anlässlich seiner Amtseinführung im Juni 2014 lud er Obdachlose zum Mittagessen ein, sein Gehalt spendet er für wohltätige Zwecke. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Herr Staatspräsident, vor Kurzem haben Sie Ihre Landsleute eindringlich zu mehr Solidarität mit Flüchtlingen aufgefordert und zugleich davor gewarnt, zu rassistischen und xenophoben Parolen zu schweigen. Sie haben demonstrativ auch ehemalige Flüchtlinge, die seit Längerem in der Slowakei leben, in Ihren Amtssitz eingeladen. Was hat Sie dazu veranlasst?

Kiska: Für die Menschen, die nach Europa flüchten, geht es um Leben oder Tod. Für uns in der Slowakei hingegen ist die Frage, wie wir uns gegenüber den Flüchtlingen verhalten, ein Kampf um unsere Herzen und Seelen. Es geht darum, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen und was wir bereit sind, dafür zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie die meisten osteuropäischen, aber auch eine Reihe westeuropäischer Länder, will die Slowakei möglichst wenige Flüchtlinge aufnehmen. Von Regierungschef Robert Fico hört man fremdenfeindliche Sprüche. War es Ihnen wichtig, öffentlich zu zeigen, dass es auch andere Stimmen gibt?

Kiska: Ja. Ich wollte daran erinnern, dass es nicht die einzige und definitiv nicht die beste Option ist, unsere Türen zu verschließen. Dadurch wird alles immer schlimmer. Die andere Option ist, aufgeschlossener zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Türen zu verschließen, ist das feste Vorhaben der slowakischen Regierung.

Kiska: Das Votum der Regierung gegen Flüchtlingsquoten basiert auf einer substanziellen Unterstützung durch das Parlament. Ich respektiere, dass es um eine Entscheidung geht, die Parlament und Regierung zu treffen haben, nicht der Staatspräsident. Doch meiner Ansicht nach ist es ein unhaltbarer Zustand, dass wir nicht in der Lage sind, den Ruf unserer Partner nach mehr Solidarität in der gesamten Europäischen Union zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie letztes Jahr gewählt wurden, versprachen Sie, ein Präsident im Interesse der Bürger zu sein und deren Sorgen ernst zu nehmen. Mit Ihrer Haltung zu Flüchtlingen stellen Sie sich jetzt gegen die Mehrheit der Slowaken. Das bringt Ihnen womöglich einen herben Popularitätsverlust ein.

Kiska: Popularität macht nur dann wirklich Sinn, wenn man bereit ist, das Richtige zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren selbst ein Emigrant - 1990 gingen Sie für anderthalb Jahre in die USA, um dort Geld zu verdienen. Trägt diese Erfahrung zu Ihrer Haltung in der Flüchtlingsfrage bei?

Fluchtrouten in Europa

Fluchtrouten in Europa

Foto: SPIEGEL ONLINE

Kiska: Natürlich, denn das war eine sehr nachdrückliche Erfahrung. Ich kam als junger Ingenieur in die USA, meine Frau und mein Sohn waren zu Hause geblieben. Ich arbeitete auf dem Bau, wurde aber nach ein paar Wochen gefeuert. Dann bekam ich einen Job an einer Tankstelle. Ich arbeitete dort mehrere Monate ohne einen freien Tag, hundert Stunden pro Woche. Später erhielt ich das Angebot, die slowakische Filiale einer US-Firma zu leiten und Anteile an ihr zu kaufen. Sechs Wochen nach meiner Rückkehr ging die Firma pleite, und ich verlor fast alles, was ich in den USA verdient hatte. Ich war kein wirklich gutes Beispiel für den amerikanischen Traum.

SPIEGEL ONLINE: Als Manager von slowakischen Finanzierungsgesellschaften wurden Sie dann doch Millionär. 2006 allerdings verkauften Sie all Ihre Firmenanteile und gründeten eine Wohltätigkeitsorganisation. Warum?

Kiska: Ich glaube, es ist die Pflicht jeder erfolgreichen Person, ihren Erfolg zu teilen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ich glaube auch, dass wir verpflichtet sind, Menschen zu helfen, die weniger glückliche Lebensumstände haben. Das gilt auch in der jetzigen Flüchtlingskrise.

SPIEGEL ONLINE: Viele europäische Regierungen, gerade in Osteuropa, werfen Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, sie habe diese Krise mitverursacht, indem sie Flüchtlinge eingeladen habe. Sehen Sie das auch so?

Kiska: Ich glaube, all die Menschen, die vor Krieg und Gewalt flüchten, wissen schon lange, dass Europa der Ort ist, an dem sie Frieden und Schutz finden können. Flüchtlinge kommen seit vielen Jahren nach Europa, weil wir, die Europäer, in der Lage sind, offene, friedliche und prosperierende Gesellschaften aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr deutscher Amtskollege Joachim Gauck hat gerade auf die Grenzen der Aufnahmemöglichkeiten von Flüchtlingen hingewiesen. Haben Sie Lösungen für die Flüchtlingskrise parat?

Kiska: Ich behaupte nicht, dass ich Geheimrezepte aus dem Ärmel schütteln kann. Zunächst muss man jetzt schnell eine Infrastruktur errichten, um zu verhindern, dass Flüchtlinge im kalten Winter durch Europa irren. Längerfristig sehe ich Parallelen zur Eurokrise. In ihr wurde klar, dass wir statt starrer Normen mehr fein abgestimmte Regeln der Haushaltsdisziplin und Notfallmechanismen brauchen. Dasselbe gilt für Schengen und Dublin.

SPIEGEL ONLINE: Unter allen Staats- und Regierungschefs der EU sind Sie einer der ganz wenigen, die auf Solidarität mit Flüchtlingen pochen. Ein Kampf gegen Windmühlen?

Kiska: Das ist nicht meine Betrachtungsweise. Ich denke ganz einfach, wenn wir die Flüchtlingskrise lösen und zugleich den Werten der Europäischen Union treu bleiben wollen, dann sind wir zu Solidarität, Menschlichkeit und Gastfreundschaft verpflichtet.

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