Flüchtlinge im kroatisch-slowenischen Grenzland Furchtbare Funkstille

Tausende Flüchtlinge drängen von Kroatien nach Slowenien. Aber wie viele genau? Auf welchen Wegen? Dazu bekommt die slowenische Polizei keine Informationen, klagt sie. Die Folge: Chaos. Die Leidtragenden sind die Menschen auf der Flucht.

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Aus Rigonce, Slowenien, berichtet


Eine matschige, vermüllte Wiese im kroatisch-slowenischen Grenzland. Mindestens eintausend Flüchtlinge warten hier seit Stunden. Es gibt keine Zelte, nur ein paar Dixie-Klos, einen Wassertank, ein weißes Absperrband.

Vor dem Band steht der Mann, der für die rund 50 Polizisten verantwortlich ist, die an diesem Morgen an der Grenze in Rigonce im Einsatz sind. Er hat blaue Augen, ergrautes Haar, trägt eine dunkelblaue Kappe. Der Polizeichef lehnt an einer Motorhaube, er telefoniert, sein Funkgerät plärrt.

Er bekommt die politische Krise zwischen Slowenien und dem Nachbarland Kroatien, die sich in diesen Tagen zuspitzt, unmittelbar zu spüren. "Die Kroaten geben uns keine Informationen darüber, wie viele Menschen zu uns unterwegs sind", sagt der Polizeichef.

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Flüchtlinge in Slowenien: Versteckspiel an der Grenze
Dabei seien Beamte aus beiden Ländern ja sogar persönlich befreundet. Man kennt sich - und trotzdem: "Meine Kollegin hat einen Bekannten bei der kroatischen Polizei auf seiner privaten Nummer angerufen. Er hat nur gesagt, dass er nichts sagen kann." Warum? Der Polizeichef, der seinen Namen nicht sagen will, zuckt ratlos mit den Schultern.

Viel mehr hat auch Sloweniens Ministerpräsident Miro Cerar nicht zu bieten, als er sich am Nachmittag ein Bild von der Lage macht: "Kroatien hält sich nicht an die Abmachungen", sagt er. Er hoffe, dass sich die Beziehung zu den Kroaten verbessern lasse. "Aber im Moment sind sie dafür nicht sehr empfänglich."

Die Polizisten auf der kroatischen Seite wissen vielleicht mehr - aber sie sagen nichts. An der Grenzbrücke über den Fluss Sutla, nur ein paar Hundert Meter von Rigonce entfernt, steht auch ein Polizeichef. Auch er trägt eine dunkelblaue Kappe, will seinen Namen nicht nennen, und keine Fotos, bitte. Von ihm nicht, von der Grenzbrücke auch nicht und erst recht nicht von den fünf Flüchtlingen, die darauf stehen, von den Nachzüglern.

Vor ein paar Minuten sind mehrere Hundert Flüchtlinge über diese Brücke gelaufen, sie kamen mit dem Zug an, gehüllt in Jacken und graue Decken. Die Polizei hat sie durchs Dorf geleitet, hat ihnen den Weg nach Slowenien gezeigt. An der gelben Dorfkirche vorbei, an den Himbeerhecken und den alten Frauen, die hinter ihren Zäunen stehen und schauen. Einige Dutzend Polizisten sind hier im Einsatz, am Bahnhof parken Mannschaftswagen, eine Ambulanz ist auch da.

Ob jemand den slowenischen Beamten durchgefunkt habe, wie viele Flüchtlinge auf sie zukommen? "Nein", sagt der kroatische Polizeichef. Warum nicht? "Mehr kann ich wirklich nicht sagen." Die slowenische Regierung möchte pro Tag höchstens 2500 Flüchtlinge ins Land lassen, mehr könne man nicht registrieren, heißt es.

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Die Kroaten allerdings bringen deutlich mehr Menschen an die Grenze. Das ist offensichtlich, aussprechen will es dort aber offenbar niemand. Das verschärft die ohnehin schon sehr schwierige Lage. Denn die slowenischen Behörden können sich auf die Menschen kaum vorbereiten. Man behilft sich mit Hubschraubern, die pausenlos über den Feldern an der Grenze kreisen, um Flüchtlinge wenigstens aus der Luft auszumachen.

Sawsan Chaikhani, 26, trägt ihre fünf Monate alte Tochter an einem Maisfeld entlang. Wenn sie nicht mehr kann, übernimmt ihr Mann Khaled. Das Baby ist in eine rosafarbene Decke gewickelt. Khaled hat die Milchflasche unter seine Daunenjacke gesteckt, um sie anzuwärmen. Die Familie kommt aus dem Norden Syriens und will nach Deutschland, wo Sawsans Brüder leben. Dann hält die Polizei den Tross an, etwa tausend Menschen sitzen auf einem Feldweg an den Bahngleisen. "Wo müssen wir lang?", fragt Sawsan. "Wann geht es weiter?"

Wo es hingeht, weiß der Polizist am Wegesrand auch nicht. Ins überfüllte Camp in Brezice, wo am Mittwoch mehr als die Hälfte der Zelte abgebrannt sind? Zum Bahnhof in Dobova, wo Flüchtlinge in einer verlassenen Unterwäschefabrik campieren?

Am Ende wird es doch das neue Lager am Ortseingang von Dobova. Zwar haben die Arbeiter es noch nicht geschafft, das große weiße Zelt fertig zu errichten. Doch immerhin verteilt das Rote Kreuz Lebensmittel und Wasser. Man ist auf die Neuankömmlinge vorbereitet. Wenigstens hier.



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