Smolensk-Unglück Standpauke vor dem Absturz

Wollte der Pilot der Unglücksmaschine von Smolensk nicht starten? Experten untersuchen ein Video, das einen Streit auf dem Rollfeld zeigt. Augenzeugen zufolge klagte der Pilot, er habe keine aktuellen Wetterdaten vom Zielort -   und musste sich eine Standpauke vom Luftwaffenchef anhören.

Absturz im Wald: Wrack der Unglücksmaschine bei Smolensk
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Absturz im Wald: Wrack der Unglücksmaschine bei Smolensk

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Polnische Experten untersuchen ein Video, das die Maschine des am 10. April 2010 abgestürzten Präsidenten Lech Kaczynski zeigt. Das Flugzeug steht noch auf dem Rollfeld in Warschau und im Vordergrund sind zwei Uniformierte zu erkennen: Arkadiusz Protasiuk, der erste Pilot, und Andrzej Blasik, der Chef der Luftwaffe. Sie gestikulieren, sie streiten sich. Es hat den Anschein, als verpasse der General seinem Untergebenen eine Standpauke.

Der Mitschnitt ist von sehr schlechter Qualität und hat keine Tonspur. Er liegt nur der Regierungskommission und der Militärstaatsanwaltschaft vor, die das Unglück untersucht.

Ein Fernsehsender will nun erfahren haben, was Zeugen unter dem Flughafenpersonal ausgesagt haben. Danach zankten sich die beiden Männer ums Wetter. Pilot Protasiuk habe den Start verweigern wollen, weil er keine aktuellen Informationen über das Wetter am Zielort erhalten hatte. Wenig später fährt die Limousine von Lech Kaczynski vor. Das Staatsoberhaupt wird vom Luftwaffenchef Blasik begrüßt - und nicht wie üblich vom ersten Pilot.

Um 8.41 Uhr zerschellt die Tupolew-Maschine im Wald vor Smolensk. Kaczynski, seine Frau und 94 hohe Militärs, Politiker und Geistliche sterben. Unter den Toten sind auch Angehörige der Opfer des Massakers von Katyn. Der Präsident und seine Entourage waren auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung für rund 20.000 polnische Offiziere, die der sowjetische Geheimdienst 1940 ermordet hat.

Sicher ist, das Protasiuk während des ganzen Fluges tatsächlich keinen aktuellen genauen Wetterbericht erhalten hatte. Die Wetterwarte von Smolensk war an dem Tag nur mit einem Meteorologen, statt wie sonst mit dreien besetzt. Protasiuk riskierte den Anflug, obwohl die Sichtweite wegen Nebels weit unter 500 Metern lag. Er ignorierte mehrere Warnungen des Towers und eines elektronischen Meldesystems. Dann streifte sein Flugzeug eine Birke, überschlug sich und stürzte im Wald kurz vor der Landebahn ab.

Der Tower in Smolensk hat ebenfalls einige eklatante technische Fehler gemacht und hätte - so meinen polnische Experten - der Präsidentenmaschine die Landeerlaubnis von vornherein versagen müssen. Sicher ist aber auch, dass sowohl auf der Besatzung im Cockpit als auch der im Tower hoher Druck lastete - schließlich sollte die Gedenkveranstaltung von Katyn das jahrzehntelang angespannte russisch-polnische Verhältnis verbessern.

Protasiuk saß die Obrigkeit beim Landeanflug buchstäblich im Nacken: Blasik hatte - gegen alle Vorschriften - während des Fluges im Cockpit hinter ihm Platz genommen.

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fritzehü 25.02.2011
1. Piloten unter sich
Naja, so'n Luftwaffenchef ist nun aber kein Politker sondern Militär. Eigentlich müßte der wissen, was man so alles zum Fliegen braucht und was zu beachten ist. Allerdings kann auch er nicht physikalische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen: Wenn der Pilot nix sieht, wird's meist gefährlich und wenn ein Flugzeug abstürzt, ist es meistens kaputt.
derflieger 25.02.2011
2. -
Zitat von sysopWollte der Pilot der Unglücksmaschine von Smolensk nicht starten? Experten untersuchen ein*Video, das einen Streit auf dem Rollfeld zeigt. Augenzeugen zufolge klagte der Pilot,*er habe keine*aktuellen Wetterdaten vom Zielort -** und musste sich eine Standpauke vom*Luftwaffenchef anhören. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747704,00.html
Druck jedweder Art, ohne auf genug Resourcen zur Bewältigung eines Problems zurückgreifen zu können ist wohl die häufigste Ursache menschlicher Katastrophen. Hier war es die vollangetretene Staatsmacht auf dem Weg zu einem der wichtigsten Termine des Jahres. Dem schimpfenden General sass mit Sicherheit genauso eine noch höhere Autorität im Nacken, aber er hatte genauso wenig Rückgrad wie am Ende der Pilot. Umso wichtiger ist es wieder mal zu betonen, das einem Piloten immer, ich betone immer, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, die letzte Entscheidung überlassen werden muss, ob er fliegt oder nicht. Anders geht es nicht. Egal, ob hinten ein schimpfender Präsident oder 300 fluchende Passagier sitzen. Aber selbst dann ist es manchmal der Pilot selbst und nur er allein, der sich einen unzumutbaren Druck macht. So ist z.B. 1977 die schlimmste Katastrophe der Zivilluftfahrt entstanden.
waldschrat, 25.02.2011
3. t.t.t.
Zitat von fritzehüNaja, so'n Luftwaffenchef ist nun aber kein Politker sondern Militär. Eigentlich müßte der wissen, was man so alles zum Fliegen braucht und was zu beachten ist. Allerdings kann auch er nicht physikalische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen: Wenn der Pilot nix sieht, wird's meist gefährlich und wenn ein Flugzeug abstürzt, ist es meistens kaputt.
Im Normalfall ist es aber so, dass der "Entscheidungsträger" ab einer bestimmten hierarchischen Höhe für seine Entscheidung die Verantwortung nur bei positivem Ausgang übernehmen muss. In diesem speziellen Fall hatte er (der Luftwaffenchef) wohl vergessen, dass er seine Anweisung nicht ins Telefon brüllt sondern selbst Opfer seiner Befehlsgewalt wird.
Demokrator2007 25.02.2011
4. Wenn Größenwahn das Handeln bestimmt
Zitat von sysopWollte der Pilot der Unglücksmaschine von Smolensk nicht starten? Experten untersuchen ein*Video, das einen Streit auf dem Rollfeld zeigt. Augenzeugen zufolge klagte der Pilot,*er habe keine*aktuellen Wetterdaten vom Zielort -** und musste sich eine Standpauke vom*Luftwaffenchef anhören. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747704,00.html
Das kommt dabei raus wenn Größenwahn das Handeln bestimmt. Leider trifft es die Unschuldigen meist am Härtesten. Ob daraus irgendwann mal die richtigen Lehren gezogen werden? Ciao DerDemokrator
jujo 25.02.2011
5. Smolensk Unglück: Standpauke vor dem Absturz
Meist ist ja so, dass die Nötiger selbst davon kommen. Ging es schief, halten sie sich raus und geben die Schuld an den, in diesem Fall verantwortlichen Piloten, weiter. Pech für den Big Boss das er selber draufging!
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