Weihnachtsansprache von Edward Snowden "Ein heute geborenes Kind weiß nicht mehr, was privat ist"

Weihnachtsansprachen halten der Papst, der Bundespräsident, die Queen - und jetzt auch Edward Snowden. Im britischen TV fordert der US-Whistleblower ein Ende der Massenüberwachung. Die Lage sei schlimmer als in Orwells Roman "1984".
Weihnachtsansprache von Edward Snowden: "Ein heute geborenes Kind weiß nicht mehr, was privat ist"

Weihnachtsansprache von Edward Snowden: "Ein heute geborenes Kind weiß nicht mehr, was privat ist"

Foto: AFP/ Channel 4

London - Um 17.15 Uhr wird sich Edward Snowden über den klassischen Übertragungsweg an die Zuschauer des britischen TV-Senders Channel 4 wenden - im Internet ist die Weihnachtsansprache des US-Whistleblowers schon jetzt zu sehen. Darin fordert Snowden die Bürger auf, der Massenüberwachung durch Geheimdienste ein Ende zu setzen.

"Wir haben Detektoren in unseren Taschen, die uns folgen, wo immer wir hingehen", sagte Snowden mit Blick auf die Möglichkeit, mobile Geräte wie Smartphones oder Tablets zu überwachen. "Denken Sie darüber nach, was das für den Durchschnittsmenschen bedeutet."

"Gemeinsam können wir eine bessere Ausgewogenheit finden, der Massenüberwachung ein Ende setzen und die Regierung daran erinnern, dass sie, wenn sie wissen will, wie es uns geht, uns lieber fragt, als uns auszuspionieren", appelliert Snowden in der Aufzeichnung. Die Videobotschaft des in Großbritannien durchaus umstrittenen Whistleblowers ist das Kontrastprogramm zur Weihnachtsansprache der Queen, die auf allen anderen britischen Kanälen gezeigt wird.

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Channel 4 hatte in den vergangenen Jahren bereits mit Weihnachtsansprachen des damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, einer Muslimin mit Gesichtsschleier oder der Comic-Figur Marge Simpson provoziert.

Orwells Vision "nichts im Vergleich zur heutigen Situation"

"Vor kurzem haben wir erfahren, dass die Regierungen gemeinsam ein System der weltweiten Massenüberwachung geschaffen haben, das alles sieht, was wir machen", beginnt Snowden seine Ansprache. Der Autor des Science-Fiction-Romans "1984", George Orwell, habe "die Menschen vor den Gefahren dieser Art von Informationen gewarnt", fährt Snowden fort. Die von Orwell dargestellten Überwachungsmethoden durch Kameras und Mikrofone seien jedoch "nichts im Vergleich mit der heutigen Situation", ergänzte Snowden.

"Ein heute geborenes Kind wird nicht mehr wissen, was Privatleben ist", fügte Snowden hinzu. "Es wird nicht mehr wissen, was ein Moment Privatsphäre bedeutet, einen Gedanken zu haben, der weder aufgenommen wurde, noch analysiert. Das ist ein Problem, denn das Privatleben ist wichtig, das Privatleben hilft uns zu bestimmen, wer wir sind und wer wir sein wollen."

Der frühere Angestellte des Beratungsunternehmens Booz Allen Hamilton war für den US-Geheimdienst NSA tätig und hatte Zugriff auf vertrauliche Informationen über die Spähprogramme des Geheimdienstes. Ende Mai setzte er sich mit den Geheimdokumenten von seinem damaligen Dienstort Hawaii in die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong ab. Dort begann er Anfang Juni damit, Unterlagen über die systematische Überwachung des Internets und das Ausspähen von Telefonverbindungen an Medien weiterzugeben.

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Edward Snowdens Weihnachtsansprache: Appell aus Moskau

Foto: AFP/ Channel 4

Snowdens Enthüllungen sorgten weltweit für Empörung. Die US-Justiz erließ gegen Snowden einen internationalen Haftbefehl wegen Spionage. Er floh nach Russland. Am 1. August gewährte ihm Moskau vorläufig für ein Jahr Asyl. Dort entstand laut dem "Guardian"  auch die Aufzeichnung der Weihnachtsansprache in Zusammenarbeit mit der Filmemacherin Laura Poitras, die bereits bei den NSA-Enthüllungen eng mit Snowden kooperierte. Es handelt sich um den ersten TV-Auftritt des Whistleblowers seit Mai.

fdi/AFP/dpa
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