SNP-Nicola Sturgeon Die schottische Löwin

David Cameron ist der Sieger der britischen Parlamentswahl - und sie hat einen entscheidenden Teil dazu beigetragen: Nicola Sturgeon. Mit ihrer Schottischen Nationalpartei hat sie nahezu alle Sitze in Schottland geholt und Labour gedemütigt.
Heimliche Siegerin Sturgeon: SNP holt nahezu alle Mandate in Schottland

Heimliche Siegerin Sturgeon: SNP holt nahezu alle Mandate in Schottland

Foto: Jeff J Mitchell/ Getty Images

Auf einmal war Nicola Sturgeon da. In den Talkshows, am Rednerpult, auf den Titelseiten. Hartnäckig, angriffsfreudig und strahlend bestimmte sie den britischen Wahlkampf - und ist nun eine der Siegerinnen. 56 Sitze gehen im kommenden britischen Parlament an ihre schottische Nationalpartei SNP. Nur drei schottische Mandate für das Unterhaus gehen an die anderen Parteien: eins an Labour, eins an die Konservativen und eins an die Liberaldemokraten.

Das ist ein Erdrutschsieg: In der vergangenen Legislaturperiode gab es nur sechs SNP-Politiker unter 650 Abgeordneten im Unterhaus. Die Partei ist nun die drittstärkste im britischen Parlament - und hat somit bereits über die künftige Regierung mitentschieden. Und das, obwohl sie nur in Schottland gewählt werden konnte, wo gerade einmal 5,3 Millionen der 64 Millionen Briten leben.

In der Nacht nach der Wahl ist Sturgeon in Feierlaune: "Es gibt einige fantastische Ergebnisse heute Nacht hier in Schottland", sagte Sturgeon dem Guardian. "Wir werden gerade Zeugen von etwas sehr Erstaunlichem." Sie verspricht ihren Wählern, Schottland eine starke Stimme in Westminster zu geben.

Angstkampagne der Konservativen

Sturgeons Erleichterung nach den triumphalen Ergebnissen ist nachvollziehbar. Hatten doch Tories und Labour im Wahlkampf keine Gelegenheit ausgelassen, die SNP als anti-englisch zu dämonisieren.

Die Konservativen schürten die Angst vor einem möglichen Labour-SNP-Bündnis. "Die SNP wird die Labour-Regierung als Geisel nehmen", hatte Cameron gesagt. "McMiliband" tauften sie den sozialdemokratischen Konkurrenten und warben bei den englischen Wählern mit dem Slogan "Englische Stimmen für englische Gesetze". Eine starke Präsenz der schottischen Nationalisten im Unterhaus sei beängstigend, warnte Cameron. "Sie wollen nach Westminster kommen, um unser Land auseinanderzubrechen."

Die Angstmache verfing in England offenbar: Labour erlebte ein Debakel, während Camerons Tories überraschend gut abschnitten. Die Schotten hingegen fühlten sich durch die Attacken aus dem Süden offenbar bestärkt, erst recht SNP zu wählen. Der Durchmarsch der Nationalisten ging komplett zu Lasten der Labour-Partei, die fast alle Mandate in ihrer einstigen Hochburg Schottland verlor.

Sturgeon war der unbestrittene Star des Wahlkampfs. Eloquent legte sie ihre Ziele für das ganze Land dar: Sparkurs beenden, Sozialkürzungen rückgängig machen und die einseitige Nuklearabrüstung einleiten. Das Programm ließ linke Herzen höherschlagen - nicht nur in Schottland. Ähnlich wie der Liberaldemokrat Nick Clegg im Wahlkampf 2010 das Verlangen nach einer neuen Politik verkörperte, projizierten viele Briten nun ihre Hoffnungen auf die dynamische Schottin. Die 44-Jährige ist anders als die anderen Kandidaten - Schottin, Frau, Tochter eines Elektrikers in der Industriestadt Irvine. Vor allem jedoch wirkt sie authentisch.

Ihre Leidenschaft für die Politik ist nicht aufgesetzt. Bereits mit 16 Jahren trat sie in die SNP ein, getrieben von einem Gefühl für soziale Gerechtigkeit und der Wut auf die damalige Premierministerin Margaret Thatcher. "Ich hasste alles, wofür sie stand", sagte Sturgeon einmal.

Zehn Jahre lang war Sturgeon die loyale Stellvertreterin von Alex Salmond, dem charismatischen Chef der SNP, der die Separatisten in Edinburgh an die Macht brachte. Dann führten beide das Königreich mit ihrem Unabhängigkeitsreferendum im Herbst 2014 an den Rand der inneren Spaltung. Nach der knappen Niederlage der Separatisten übernahm Sturgeon den Parteivorsitz von Salmond und wurde die erste Frau an der Spitze der schottischen Regionalregierung.

Das Ziel der schottischen Unabhängigkeit hat die SNP nicht aufgegeben. Ihre starke Präsenz im Unterhaus bedeutet, dass der Wunsch nach mehr Autonomie von der neuen Regierung nicht ignoriert werden kann. Die Föderalisierung Großbritanniens wird voranschreiten. Sturgeons Mentor Salmond zeigte sich zufrieden: "Der schottische Löwe hat gebrüllt."