Soldat in Israel "Entweder überleben sie oder wir"

Mit zwölf stand er im Schützengraben, mit 18 war er Fallschirmjäger, mit Anfang 30 Major im Sechs-Tage-Krieg: Amos Neeman erlebt die Geschichte seiner Heimat als Serie von Kriegen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt er: "Wir hatten nur eine Alternative: in diesem Land zu leben oder zu sterben."


Was Krieg ist, lernt Amos Neeman bereits als Kind. Im zarten Alter von zwölf Jahren steht er im Schützengraben der Siedlung "Bet Haschita" im Norden des Landes. Seine Aufgabe: Die Durchgänge sauber halten, Erde herausschaufeln, Unkraut jäten.

Kriegsveteran Neeman: "Wir glaubten, das Ende sei gekommen"
Pierre Heumann

Kriegsveteran Neeman: "Wir glaubten, das Ende sei gekommen"

Anschließend werden er und seine rund hundert Altersgenossen auf das Feld und in den Stall abkommandiert: Getreide einholen, Kuhmist wegschaufeln, so lautet ihr Auftrag. Die Söhne der Siedlung sind eingezogen worden, um den Ansturm arabischer Armeen abzuwehren. Wer wie Amos noch zu jung ist, um Waffen zu tragen, ersetzt die Erwachsenen zu Hause.

Es ist Mitte Mai, 1948. Der Staat Israel wurde eben ausgerufen. Seit der Unabhängigkeitserklärung befindet sich die junge Nation im Krieg. Sechs Monate wird dieser dauern, zehn Prozent der Bevölkerung des Landes wird er töten. Zeitweise erscheint es fraglich, ob Israel siegen kann. "Wir glaubten, das Ende sei gekommen", berichtet Neeman heute.

Die Siedlung ist von arabischen Dörfern umgeben, deren Bewohner immer wieder angreifen. Einmal erwischt es Haim Bruck, einen Einwanderer aus Düsseldorf, der die Genossenschaftssiedlung bewacht hatte. Neeman erinnert sich noch genau, wie er neben der Leiche einen mit Blut beschrieben Zettel fand. "Es ist schlimm, so jung zu sterben. Die Schmerzen sind schrecklich. Ich kann nicht mehr. Kameraden kämpft weiter." So lautet die letzte Botschaft von Bruck.

Einmal, erinnert sich Neeman, fuhr ein Lastwagen mit Leichen in den Kibbuz. Die Toten, allesamt Mitglieder der Siedlung, sind zugedeckt. Die Leichen sind verstümmelt, auf sadistische Weise unkenntlich gemacht. "Schaut nicht hin", sagt man den Kindern. "Da begriff ich intuitiv, entweder überleben sie oder wir", sagt Neeman.

Die Erfahrungen aus jener Zeit haben ihn geprägt. "Wir haben damals gelernt, wie wichtig es ist, am Land festzuhalten", sagt Neeman heute, "und wie zentral der Stellenwert der Verteidigung ist. Sonst wären wir hingemetzelt worden." Doch die Erziehung im Kibbuz ist nicht ausschließlich martialisch: Die Kids büffeln jüdische Tradition und Geschichte, lesen moderne Poeten ebenso wie Marx und Engels, hören Mozart, spielen Flöte und Klavier, treiben Sport. "Wir bauten eine moderne Gesellschaft auf", erinnert sich Neeman.

Mit 18 zu den Fallschirmspringern

Mit 18 wird Amos in die Armee eingezogen. Ihn treibt der Ehrgeiz, sein Land zu beschützen, und er lässt sich in eine Eliteeinheit einteilen: bei den Fallschirmspringern.

Als in den fünfziger Jahren arabische Guerilla aus Jordanien und Ägypten in israelische Dörfer eindringen, ist Soldat Amos Neeman stets zur Stelle, die Terroristen zu verfolgen. Seinen ersten Kriegseinsatz hat er 1956, während des Sinai-Feldzugs. Er landet mit seinen Bataillon 890 am Mitla-Pass, 260 Kilometer von Israel entfernt. Er erinnert sich noch genau: "Es war der 29. Oktober, 17 Uhr. In der Nacht erhielten wir Verstärkung durch Bodentruppen."

Neeman macht eine steile Militärkarriere. Vor dem Ausbruch des Sechs-Tage-Kriegs von 1967 - er ist inzwischen Major - ist er verantwortlich für das Gebiet westlich von Jerusalem. "Verteidigen, nicht angreifen", lautet sein Auftrag.

Bis heute ist umstritten, ob Neeman damals richtig gehandelt hat. Er interpretiert lokale Verschiebungen jordanischer Verbände in seinem Gebiet als Angriff. Die jordanische Armee verändere den Status quo zu ihren Gunsten und schaffe an einem strategisch wichtigen Ort eine neue Realität, meldet er dem Hauptquartier. Die Wohngebiete in Südwestjerusalem seien in Gefahr, urteilt er. "Wir müssen reagieren", empfiehlt er. Dass offenbar parallel Verhandlungen mit Jordanien über einen Waffenstillstand stattfinden, weiß er nicht. Er gibt den Befehl, einzugreifen.

Und so beginnt die Schlacht um Jerusalem, eine Schlacht, die den Nahen Osten verändern soll.

"Defensivstrategie können wir uns gar nicht erlauben"

Viele Verhaltensweisen der israelischen Militärs haben ihre Wurzeln im Sechstagekrieg. Im Frühjahr 1967 herrscht in Israel Untergangsstimmung. Das Land sieht sich umzingelt von überlegenen Feinden, die Israel vernichten wollten: Jordanien, Syrien und Ägypten. Im Mai 1967 stationiert Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser sechs Divisionen auf dem Sinai, schickt die Uno-Friedenstruppen weg und sperrt die Meerenge von Tiran. Jordanien und Syrien schließen sich Nassers Kriegstreiberei an.

Dass Israels Armee oft als aggressiv gelte, liege an der fehlenden strategischen Tiefe des kleinen Landes, sagt der Militärhistoriker Meir Pail. Von der Mittelmeerküste bis zum Jordanfluss sind es weniger als hundert Kilometer, zur Westbank, wo bis 1967 Jordaniens Truppen stehen, nur wenige Kilometer. "Eine Defensivstrategie können wir uns deshalb gar nicht erlauben", sagt Pail.

Für Israel sei jeder große Militäreinsatz eine Frage des Überlebens. "Wenn wir einen Krieg verlieren, ist es mit uns vorbei", sagt Pail, der einst eine der bedeutendsten Offiziersschulen des Landes leitete. "Wir sind deshalb auf eine Armee angewiesen, die effizienter und schlagkräftiger ist als diejenigen unserer vielen Gegner."

Schneller sein. Besser sein. Israels Armee setzt, um diese Ziele zu erreichen, auf Hochtechnologie. Dazu gehören modernste Kampfjets, die, wie vieles in Israels Arsenal, aus den USA stammen und teils von Washington bezahlt werden.

Atom-Szenarien sind mehr als eine Trockenübung

Obwohl es dies nie offiziell zugegeben hat, dürfte Israel über Atomwaffen verfügen, dazu über von Deutschland gelieferte und großzügig finanzierte U-Boote, die in der Lage sein sollen, Marschflugkörper mit nuklearen Sprengköpfen abzuschießen. Damit könnte Israel im Fall eines atomaren Angriffs per U-Boot zurückschlagen. Seit Iran offen das Existenzrecht Israels in Frage stellt, betrachten Israelis dieses Szenario nicht mehr nur als Trockenübung.

Der Erfolg der israelischen Armee ist auch beste Werbung für deren Offiziere und deren Waffenschmieden. So erhält Amos Neeman nach dem Sechs-Tage-Krieg einen Job in Singapur. Zusammen mit rund drei Dutzend Landsleuten hilft er dem Stadtstaat beim Aufbau eines Verteidigungskonzepts.

Doch 1973 steht Neeman wieder and der Front. Während des Jom-Kippur-Kriegs ist er in der Division von Ariel Scharon zuständig für "Spezialaufgaben und -Operationen". Er leitet am Suezkanal den Brückenkopf. Es ist eine blutige Schlacht: "200 tote israelische Soldaten werden an mir vorbei gekarrt, wir werden ununterbrochen bombardiert. Es ist der schwierigste Einsatz meines Lebens", berichtet er.

Seit Neeman in der Siedlung "Bet Haschita" seine ersten Kriegserlebnisse hatte, habe sich vieles positiv verändert, sagt er. Die heutige Generation Israels habe wesentlich mehr Optionen als in den Gründerjahren. "Europa, die Welt stehen ihnen offen", sagt er.

"Wir hatten damals nur eine Alternative: in diesem Land zu leben oder zu sterben."

Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.