Soldatenmangel US-Militär will Immigranten rekrutieren

Das gab es seit dem Vietnamkrieg nicht mehr: Der Mangel an geeigneten Soldaten zwingt die U.S. Army zu einem Traditionsbruch. Laut "New York Times" möchte sie künftig auch Einwanderer verpflichten, die erst seit zwei Jahren in den USA leben - Gegenleistung könnte eine beschleunigte Einbürgerung sein.


Washington - Dem US-Militär geht das Personal aus: Nun sollen Immigranten mit befristeter Aufenthaltserlaubnis rekrutiert werden, berichtet die "New York Times". Dafür müssen sie zwei Jahre in den USA gelebt haben. Die so geworbenen Armeeangehörigen sollen allerdings nicht in Kampfeinsätze geschickt werden. Dem Bericht zufolge will die Armee Engpässe in der medizinischen Versorgung oder beim Dolmetschen ausgleichen.

Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums sagte, er habe Kenntnis von dem Programm, aber keine Details.

US-Soldaten in Bagdad: Beschleunigte Einbürgerung?
AFP

US-Soldaten in Bagdad: Beschleunigte Einbürgerung?

Wenn das Projekt so erfolgsversprechend ist wie die Militärführung vermutet, soll es auf alle Bereiche innerhalb der Armee ausgeweitet werden, so die Zeitung. Das könnte bedeuten, dass sich pro Jahr 14.000 Immigranten freiwillig melden. Jeder sechste Rekrut könnte damit kein gebürtiger Amerikaner sein. Es wäre das erste Mal seit dem Vietnamkrieg, dass das US-Militär Immigranten mit befristeter Aufenthaltserlaubnis aufnehmen will.

Statistiken belegen, dass nur 82 Prozent von 80.000 Rekruten der US-Armee einen Schulabschluss haben. Erfahrene Rekrutenanwerber gehen davon aus, dass Einwanderer mehr Bildung, Fremdsprachenkenntnisse und fachliche Kompetenz mitbringen als so mancher gebürtiger Amerikaner, der zur Armee will.

Verantwortlich für das geplante Pilotprojekt ist Generalleutnant Benjamin C. Freakley. Die Anzahl der Rekruten mit Migrationshintergrund soll im ersten Jahr auf 1000 Soldaten beschränkt werden. In den zwei Jahren ihres Aufenthalts in den USA dürfen sie das Land nicht länger als 90 Tage am Stück verlassen haben. Zudem müssen sie sich einem intensiven Englischtest unterziehen.

Haben Immigranten und US-Bürger dieselbe Vaterlandstreue?

Die Ankündigung, Immigranten mit befristeter Aufenthaltserlaubnis zu rekrutieren, wird von einem Teil der Soldaten wütend kommentiert. Auf der Internet-Seite Military.com bezweifeln sie, dass Rekruten mit Migrationshintergrund den USA die gleiche Treue entgegenbringen wie Soldaten amerikanischer Herkunft.

Das Pilotprojekt soll zunächst mit 550 Bewerbern starten, die mindestens eine von 35 Fremdsprachen wie Arabisch, Chinesisch, Kurdisch oder Tamil beherrschen. Zudem werden rund 300 medizinische Fachkräfte rekrutiert.

Ausländer mit einer unbefristeten Erlaubnis - der sogenannten Green Card - können sich bereits beim Militär melden. Einem Pentagon-Bericht zufolge treten dementsprechend rund 8000 von ihnen jährlich der Armee bei. Mehr als 29.000 Green-Card-Besitzer sind bereits für die USA in militärischem Einsatz. Sie verfügen folglich nicht über die US-amerikanische Staatsbürgerschaft; Präsident George W. Bush hat ihnen jedoch in der Vergangenheit als Gegenleistung für ihren Einsatz im Irak die beschleunigte Gewährung der Staatsbürgerschaft zugesagt.

Eben jene Aussicht würde Tausende Immigranten reizen, glauben Pentagon-Mitarbeiter. Man rechne mit einem regelrechten Ansturm an Bewerbungen, wenn sich das Pilotprojekt bewähre. Denn Einwanderer, die zum Studium in die USA kommen und ein befristetes Visum haben, müssen im Durchschnitt länger als zehn Jahre auf ihre Einbürgerung warten. Die 675 Dollar Gebühren für den Verwaltungsaufwand übernimmt im Fall einer Rekrutierung das Militär.

jjc



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