SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. Mai 2013, 09:03 Uhr

Bluttat in London

Behörden fürchten Nachahmer nach Soldatenmord

Die britischen Sicherheitsbehörden sind alarmiert: Nach der brutalen Attacke auf einen Soldaten in London fürchten die Ermittler Trittbrettfahrer. Die Deutsche Polizeigewerkschaft sieht auch hierzulande die Gefahr von Nachahmern.

London/Hamburg - Der britische Premierminister David Cameron hat beunruhigende Informationen von den Sicherheitsdiensten MI5 und Scotland Yard erhalten. Die Chefs der beiden Behörden erläuterten während eines Treffens des Sicherheitskabinetts Cobra die Gefahr von Nachahmern des Anschlags auf den jungen Soldaten Lee Rigby in London. Der 25-Jährige war am Mittwoch von zwei mutmaßlichen Islamisten auf offener Straße getötet worden. Die Sicherheitsvorkehrungen an Kasernen und militärischen Einrichtungen wurden daraufhin erhöht.

In dem Meeting erläuterten die Sicherheitsexperten der britischen Regierung nun ihre Sorge, dass die Tat kopiert werden könne, berichtet die britische "Times". "Ein solches Vorhaben kann in Windeseile umgesetzt werden."

Beim Scotland Yard haben die entsprechenden Abteilungen dem Bericht zufolge die Gefahr durch eventuelle Trittbrettfahrer intensiv diskutiert. Die Leitung der Anti-Terror-Einheit arbeite eng mit dem Militär zusammen, um die Sicherheit der Soldaten zu gewährleisten. Allein in London sind der "Times" zufolge 1200 Polizeibeamte zusätzlich im Einsatz, um mögliche Angriffe zu verhindern.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hält auch hierzulande extremistisch motivierte Angriffe auf Soldaten der Bundeswehr für möglich. "Auch deutsche Soldaten sind ein potentielles Anschlagsziel. Durch die Tat mit dem Fleischerbeil in London wächst die Gefahr von Nachahmern hierzulande", sagte der stellvertretende DPolG-Vorsitzende Hermann Benker der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Einzelne Täter könnten das Engagement deutscher Soldaten im Ausland als Begründung für brutale Attacken missbrauchen.

Das Verteidigungsministerium gab inzwischen Details zu dem getöteten Soldaten bekannt. Rigby war unter anderem in Celle und in der afghanischen Provinz Helmand stationiert. Der 25-Jährige hinterlässt einen zweijährigen Sohn.

Mutmaßliche Täter liegen im Krankenhaus

Die britische Polizei arbeitet noch immer an der Aufklärung der Hintergründe der schockierenden mutmaßlichen Terrorattacke. "Dies sind komplexe Ermittlungen, die sich schnell verändern können", hieß es von Scotland Yard. Man verfolge zahlreiche Spuren. Am Donnerstagabend wurden zwei weitere Verdächtige festgenommen, ein Mann und eine Frau, beide 29 Jahre alt. Sie wurden von der Polizei verhört. Mehrere Wohnungen in verschiedenen Teilen Londons und in der Grafschaft Lincolnshire wurden durchsucht.

Die beiden Hauptverdächtigen, die 22 und 28 Jahre alt sein sollen, liegen unter strenger Bewachung weiter im Krankenhaus. Die Polizei hatte sie am Mittwoch angeschossen, nachdem sie mit den mutmaßlichen Tatwaffen in der Hand bei dem ermordeten Soldaten angetroffen worden waren. Beide Männer hätten keine lebensgefährlichen Verletzungen, hieß es. Die Männer waren der Polizei bekannt. Der Sender BBC berichtete, einer von ihnen sei 2007 bei einer islamistischen Demonstration in Luton bei London dabei gewesen.

Die beiden mutmaßlichen Täter hatten bei dem Mord islamistische Parolen ausgerufen. Bei den Männern soll es sich um britische Staatsbürger mit Wurzeln in Nigeria handeln.

Mehrere muslimische Gruppen in Großbritannien verurteilten den mutmaßlichen Terrorangriff scharf. Eine solche barbarische Tat habe keinerlei Basis im Islam, hieß es am Donnerstag vom britischen Muslimrat. Alle Menschen und Gruppen, egal ob muslimisch oder nicht, müssten nun zusammenhalten. Die Polizei müsse dafür sorgen, dass keine Spannungen hochkochten. Der Rat betonte zudem, dass Muslime seit langem als Soldaten in der britischen Armee arbeiteten und dies mit Stolz täten.

ler/AFP/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung