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26. Februar 2014, 18:42 Uhr

Soldatenmord-Prozess in London

Rigby-Mörder zu lebenslänglich verurteilt

Von , London

Ihre Tat schockierte die Briten, nun wurden die beiden Mörder des Soldaten Lee Rigby in London zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Die Angeklagten verpassten die Urteilsverkündung - sie wurden nach wüsten Schimpftiraden gegen den Richter aus dem Saal entfernt.

Die Bilder und Videos gingen um die Welt: Michael Adebolajo, blutverschmiert, ein Fleischerbeil in der Hand, erklärte am 22. Mai 2013 vor laufender Handykamera, warum er soeben mitten in London einen britischen Soldaten niedergemetzelt hatte. Großbritannien führe Krieg gegen Muslime, sagte der junge Mann erregt. Er habe sich im Namen Allahs gerächt: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die öffentliche Hinrichtung des Infanteristen Lee Rigby vor seiner Kaserne im Londoner Stadtteil Woolwich schockierte die britische Öffentlichkeit und befeuerte im vergangenen Sommer die Debatte um radikalisierte Muslime im Land. Rechtsradikale Gruppen forderten Vergeltung, Moscheen wurden angegriffen, Premierminister David Cameron rief besorgt zur Ruhe auf. Zur Beerdigung des jungen Familienvaters erschienen Tausende, darunter auch Cameron und Londons Bürgermeister Boris Johnson.

Angeklagte beschimpfen den Richter

Am Mittwoch nun wurden die beiden Mörder Adebolajo, 29, und Michael Adebowale, 22, vor dem Londoner Strafgerichtshof zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Adebolajo wird das Gefängnis für den Rest seines Lebens nicht mehr verlassen. Beim jüngeren Täter setzte Richter Sweeney die Mindesthaftzeit auf 45 Jahre fest.

Die beiden Verurteilten waren bei der Verkündung des Strafmaßes schon nicht mehr im Saal. Sie hatten die Ausführungen des Richters mehrfach unterbrochen ("Lügen", "Allahu akbar"), Widerstand gegen Sicherheitsbeamte geleistet und waren schließlich aus dem Saal gebracht worden.

Die Verteidigung hatte bis zuletzt versucht, die Höchststrafe abzuwenden. Eine lebenslange Haftstrafe ohne die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung sei unmenschlich und würde aus dem Verurteilten einen Märtyrer machen, sagte Adebolajos Anwalt. Sein Mandant sei nicht so verkommen, dass man nicht auf Besserung in der Zukunft hoffen könne.

Doch die Einwände waren vergebens. Der Mord sei "barbarisch" gewesen, sagte Richter Sweeney zu den Angeklagten. Sie hätten in aller Öffentlichkeit ein "Blutbad" angerichtet, "auf eine Weise, die maximale Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen würde".

Er betonte auch: "Ihre Handlungen waren ein Betrug am Islam und allen friedlichen Muslimen, die so viel zu unserem Land beitragen".

Vor dem Strafgerichtshof Old Bailey demonstrierten erneut einige Dutzend Anhänger der rechtsradikalen English Defence League und British National Party. Sie schwenkten Nationalfahnen und forderten die Todesstrafe für die beiden Verurteilten.

Drinnen wurden unterdessen Statements der Angehörigen des Opfers verlesen. Rigbys Witwe Rebecca ließ mitteilen, ihr dreijähriger Sohn müsse nun mit Bildern seines Vaters aufwachsen, die kein Kind sehen sollte. Als Soldatenfrau habe sie damit gerechnet, dass ihr Mann möglicherweise bei einem Afghanistan-Einsatz ums Leben komme, aber nicht in London. "Wir werden ihn jeden Tag vermissen."

Adebolajo und Adebowale waren bereits im Dezember von einer Jury des Mordes für schuldig gesprochen worden. Doch der Richter wollte erst den Ausgang eines Rechtsstreits um die lebenslange Haft abwarten, bevor er nun das Strafmaß verkündete. Der Europäische Gerichtshof hatte eine Lücke im britischen Gesetz bemängelt: Straftäter müssten grundsätzlich Aussicht auf Entlassung haben, selbst wenn sie zu lebenslang verurteilt würden. Ein britisches Berufungsgericht hatte die Kritik aus Straßburg vergangene Woche zurückgewiesen: Die Möglichkeit einer Entlassung sei im britischen Recht ausreichend berücksichtigt.

Die Jury hatte das Duo aufgrund der Fülle an Beweisen schuldig gesprochen. Nicht nur war der Angriff vor zahllosen Augenzeugen am helllichten Tag geschehen: Sie fuhren Rigby zunächst mit dem Auto an und stachen dann mit Messern auf ihn ein. Die Täter hatten sich auch filmen lassen und ihre Motive vor der Kamera erklärt.

Im zweiten Anklagepunkt, dem versuchten Mord an Polizisten, waren die beiden jedoch freigesprochen worden. Die Geschworenen akzeptierten ihre Erklärung, dass sie nur deshalb mit Waffen in der Hand auf die Beamten am Tatort zugegangen waren, weil sie als Märtyrer sterben wollten. Adebolajo hatte während des Prozesses ausgesagt, zu seinem Bedauern habe die Polizei ihn nicht in den Kopf geschossen.

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