Solidarität in Kunduz "Bleibt lieber in euren Panzern!"

Mit einer Großdemonstration wollten die Bewohner von Kunduz heute der Bundeswehr nach dem Terroranschlag Mut machen. Doch der Solidaritätszug wurde in letzter Minute abgeblasen - afghanische Behörden vermuten noch immer Selbstmordattentäter in der Stadt.

Kunduz - Für afghanische Verhältnisse war für den großen Tag alles recht gut vorbereitet. In der beigen Baracke des ehemaligen und in Nordafghanistan legendären 6. Militärkorps mitten in Kunduz waren etwa tausend blaue Plastikstühle ordentlich in Reihen aufgebaut. Eine Mikrophonanlage stand bereit, für jeden Gast war etwas zu Trinken herbeigeschafft worden.

Bundeswehrsoldat auf Patrouille (Archivbild): "Germany must stay - we need you"

Bundeswehrsoldat auf Patrouille (Archivbild): "Germany must stay - we need you"

Foto: AP

Vor dem Militärgelände sammelten sich am Morgen die ersten Busse und Mini-Vans mit Vertretern der Regionen um Kunduz, die extra für die sorgsam organisierte Großveranstaltung angereist waren.

"Germany must stay - we need you" - diesen markanten Spruch hatten sich der Gouverneur und der Polizeichef von Kunduz ausgedacht, um der Bundeswehr nach dem tödlichen Anschlag vom Samstag Mut zu machen. Bei dem Selbstmordanschlag waren drei Soldaten ums Leben gekommen, andere schwer verletzt worden.

Mit Tausenden Bürgern wollten die Afghanen durch die Stadt ziehen und so ihre Trauer und Solidarität zeigen. Viel wichtiger aber war und ist den Stadtoberen, dass die deutsche Truppe in ihrem Camp nahe des Flughafens bleibt und nach dem Anschlag nicht abzieht.

Wer dem Gouverneur von Kunduz in den letzten Tagen zuhörte, erlebte einen Mann, der die Mechanismen der deutschen Politik genau verstanden hatte. "Es wäre schrecklich", sagte Mohammed Omar, "wenn die Angehörigen der deutschen Opfer zum Parlament gehen und die Politiker überzeugen, die deutschen Soldaten von hier abzuziehen."

Doch aus dem Marsch für die fremde Truppe wurde nichts. Obwohl Hunderte Polizisten seit dem frühen Morgen die Hauptstraße von parkenden Autos befreit hatten und jeden Wagen nach Bomben untersuchten, sagte die Polizei die Veranstaltung spontan ab. Die Bundeswehr und die afghanischen Sicherheitsbehörden hatten sehr konkrete Hinweise erhalten, dass die Demonstration wiederum Ziel eines Selbstmordanschlags werden sollte. Die lokalen Behörden sind sich sicher, dass noch zwei potentielle Attentäter in der Stadt sind.

In der Militärbaracke ließen sich die Stadtobersten und Clan-Chefs ihre Solidaritätsadressen nicht kaputt machen. Hinter hohen Mauern, die von Dutzenden teils mit Raketenwerfern bewaffneten Polizisten bewacht wurden, sprachen sie den Deutschen ihr Mitgefühl aus und baten sie, zu bleiben. In langen Reden, die immer wieder in Gebete übergingen, versicherten sie, dass Kunduz mit den Terroristen nichts zu tun hätte. "Wir sind gegen Terroristen, denn sie töten auch uns", rief Qarie Ebadullah, der dem lokalen Provinzrat angehört, "wir sind ebenso Opfer wie ihr."

Gleichsam aber gaben die Redner der Bundeswehr vor rund 300 Zuhörern auch sehr konkrete Tipps, wie sie ihre Mission in Zukunft erfüllen sollte. "Wir bitten die deutschen Truppen, nicht mehr zu Fuß in den Basar zu gehen, denn das wollen die Terroristen", sagte Maulawi Nasaar, "bleibt lieber in euren Panzern, das ist sicherer." Bei einer solchen Fußstreife waren die Soldaten angegriffen worden. Auch der lokale Polizeichef, General Abdul Aymac, forderte die Deutschen auf, sich vorerst sehr bedeckt zu halten. "Im Moment können wir für nichts garantieren", sagte er.

Die Bundeswehr selber nahm an der Veranstaltung nicht teil. Zum einen hatten die Sicherheitsexperten der Truppe noch am Morgen sehr eindringlich gewarnt, dass der Zug durch die Stadt ein geradezu ideales Ziel für einen neuen Anschlag sein könnte. Ebenso aber wollten die Soldaten durch ihre Präsenz nicht den Eindruck vermitteln, dass sie die Solidaritätsadresse möglicherweise inszeniert hätten. Aus dem Camp hieß es, man habe das Signal gesehen. "Wir sind froh, dass sich Kunduz hinter uns stellt, denn auch wir wollen weiter hier bleiben", sagte ein Sprecher.

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