Somalia Amerikaner sprengt sich für al-Schabab in die Luft

Abdisalan Hussein Ali wollte eigentlich Medizin studieren, doch 2008 verschwand er aus seiner Heimatstadt  Minneapolis - nun starb der 22-Jährige als Selbstmordattentäter der Schabab-Miliz. Er ist bereits der zweite US-Bürger, der sich in Somalia in die Luft sprengte.

Selbstmordattentäter Ali: Aus Minneapolis in den Krieg
FBI

Selbstmordattentäter Ali: Aus Minneapolis in den Krieg

Von Yassin Musharbash


Liest man die Lebensgeschichte von Abdisalan Hussein Ali nach, die vor allem die "New York Times" rekonstruiert hat, dann deutet wenig darauf hin, dass der Tod des 22-Jährigen als Selbstmordattentäter in irgendeiner Weise vorhersehbar war.

Wenige Monate war Ali alt, als seine aus Somalia stammende Familie den Kriegswirren im Land per Boot entfloh; über Kenia gelangte sie schließlich in die USA, genauer gesagt nach Minneapolis, wie viele andere somalische Flüchtlinge auch. Da war Ali schon zwölf Jahre alt, ein Flüchtlingskind, unter schwersten Bedingungen aufgewachsen. Doch er schien genügend Energie und Talent zu haben, um die Chance zu ergreifen, die ihm das Leben in Amerika bot: Er arbeitete als Sachbearbeiter bei einer angesehenen Rechtsanwaltskanzlei, machte einen Uni-Abschluss in Chemie, plante ein Medizinstudium. In seinem Facebook-Profil weist er sich als Fan des Rappers Ludacris aus.

Doch dann geschah etwas in seinem Leben. Vielleicht war es die (nachweislich falsche) Unterstellung, er habe eine Filiale der Fast-Food-Kette Subway ausgeraubt, der er sich 2008 plötzlich ausgesetzt sah, und die ihn, wie Freunde der "New York Times" sagten, sehr traf. Am 3. November jedenfalls setzte er sich ab - nach Somalia. Mit seinen Freunden in den USA kommunizierte er zwar weiter via Facebook, doch es war bald klar, dass er sich der islamistischen Schabab-Miliz angeschlossen hatte. Zuletzt suchte das FBI nach ihm.

Die Milizen rekrutieren gezielt Ausländer - auch im Westen

Am vergangenen Samstag endete Alis kurzes Leben - als Selbstmordattentäter. Am Sonntag verbreitete die Schabab-Miliz per Radio seine Abschiedsbotschaft auf Englisch. Sie ist knapp sieben Minuten lang, die "New York Times" hat sie verlinkt. Ali wirkt atemlos, aufgeregt, immer wieder wiederholt er darin, dass "der Dschihad eine Pflicht" sei.

Die Schabab selbst veröffentlichte zwar bisher nicht seinen Namen, wohl aber ein Bekennerschreiben zu dem Anschlag auf Truppen der Uno-Mission der Afrikanischen Union. Angeblich seien bei dem Doppel-Selbstmordanschlag 80 ugandische Soldaten getötet worden, heißt es in dem Dokument, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Das ist höchstwahrscheinlich stark übertrieben.

Aber sicher scheint, dass die beiden Attentäter sich als somalische Regierungssoldaten verkleidet hatten, um keinen Verdacht zu erregen, und dann ihre Sprengsätze zündeten. Der Anschlag fand in der Hauptstadt Mogadischu statt.

Wenn sich diese Berichte bestätigen, dann wäre Ali bereits der zweite, möglicherweise sogar der dritte US-Somalier, der sich für die Schabab-Milizen in die Luft sprengte. Die mit al-Qaida paktierenden Dschihadisten, denen weite Teile im Süden Somalias unterstehen, haben in den vergangenen Jahren viel Energie darauf verwendet, sogenannte foreign fighters nach Somalia zu locken. Bis zu 30 Rekruten aus den USA sollen sich in ihren Reihen befinden, aber auch Schweden sind darunter und Engländer. Fast alle haben somalische Wurzeln.

Hunderte Ausländer kämpfen für die Schabab

Laut dem Fachmagazin "Jane's" verfügt die Schabab längst über Unterstützernetzwerke im Westen, "die seit Januar 2009 Rekruten und Geld an die Gruppe geschickt haben". Die Milizen seien wegen ihrer Kontrolle großer Landstriche in der Lage, Trainingslager zu betreiben. Das Magazin zitiert einen Sprecher der Schabab mit der Aussage, dass "Gott uns mit einer Handvoll Auswanderer" versorgt habe.

Bereits im März 2008 sprengte sich ein Brite für die Schabab in die Luft. Im Oktober desselben Jahres folgte mit Shirwa Ahmed ein US-Somalier. Im Dezember 2009 tat ein Somalier aus Dänemark es ihnen gleich. Im Mai dieses Jahres scheiterte ein weiterer US-Somalier mit seinem Selbstmordanschlag. Ein weiterer Fall aus dem Jahr 2009 ist noch nicht aufgeklärt, soll aber auch einen US-Somalier als Selbstmordbomber betreffen.

Auch Shirwa Ahmed stammte aus Minneapolis - er war Teil einer ganzen Gruppe, die in mehreren Wellen aus der US-Metropole nach Somalia reiste. Seit August 2010 läuft ein Verfahren gegen ein Unterstützernetzwerk in der Stadt im Bundesstaat Minnesota. Ähnliche Entwicklungen gibt es in Schweden - hier konzentrieren sich die Problemfälle offenbar auf einen Stadtteil Stockholms, der auch "Little Mogadischu" genannt wird. Laut "Jane's" gibt es keine verlässlichen Zahlen über "foreign fighters" bei der Schabab-Miliz, aber die Schätzungen schwankten zwischen einigen hundert oder einigen tausend - nicht alle stammen freilich aus westlichen Staaten.

Am Wochenende wurde bekannt, dass die USA vom benachbarten Äthiopien aus Drohneneinsätze über Somalia fliegen. Allerdings handelt es sich Medienberichten zufolge um unbewaffnete Flugkörper.

Laut dem Bericht in der "New York Times" haben Angehörige und Freunde mittlerweile die Abschiedsbotschaft von Abdisalan Hussein Ali angehört und ihn anhand der Stimme identifiziert. Die Zeitung "Star Tribune" aus Minneapolis berichtete auf ihrer Web-Seite, dass einige Bekannte Alis ihn identifiziert hätten, andere sich aber keineswegs sicher seien. Seine Familie habe berichtet, dass Ali sich vor sechs Monaten zuletzt gemeldet habe: Seine Frau, die er in Somalia geheiratet hatte, erwarte ein Baby.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es fälschlicherweise, Ali sei vorgeworfen worden, eine U-Bahn ausgeraubt zu haben. Dabei handelt es sich um einen kuriosen Übersetzungsfehler. Die Rede war nicht von einer "subway", sondern von einer Filiale der Fast-Food-Kette "Subway". Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.



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