Somalia Aufmarsch der neuen Taliban

Nicht wenige Somalier begrüßen die erklärte Machtübernahme durch islamistische Milizen in der Hauptstadt Mogadischu. Nach 15 Jahren Krieg sehnen sie sich nach einer Ordnungsmacht. Doch der Preis des Friedens könnte ein Regime nach Vorbild der Taliban sein.

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Hamburg - Die Hoffnung auf Frieden endete in einem Desaster. "Operation Restore Hope" hatten die Vereinten Nationen 1992 ihre Mission getauft, mit der sie den Menschen in Somalia wieder eine Perspektive geben wollten. Fast zwei Jahre hatte die Welt zugeschaut, wie das ostafrikanische Land nach dem Sturz von Diktator Siad Barre ins Bürgerkriegs-Chaos stürzte. Hunderttausende verhungerten, weil die Milizen verfeindeter Clans nicht zuließen, dass Nahrungsmittel die von Dürre geplagten Somalier erreichten. Dann rollte die Hilfe an - erst die Streitmacht der Amerikaner am Strand von Mogadischu, mit Nachtsichtgeräten im Scheinwerferlicht der Kamerateams, gefolgt von Tausenden Blauhelm-Soldaten.

Nur 27 Monate später kapitulierte die internationale Gemeinschaft. Unter Feuerschutz der Amerikaner flohen im März 1995 die letzten pakistanischen Friedenstruppen mit Luftkissenbooten von dem Ort, wo einst die Hoffnung landete - am Strand der somalischen Hauptstadt. Tausende Somalier und 157 Uno-Soldaten waren tot, zurück blieben ein feixender Kriegsherr Farah Aidid und ein Land ohne Regierung, versunken in Gewalt. Somalia wurde zum Symbol der Ohnmacht der Welt und zum Trauma der Amerikaner, die zusehen mussten, wie ein aufgebrachter Mob die nackten Leichen zweier US-Soldaten triumphierend durch Mogadischu schleifte.

Nach 15 Jahren Bürgerkrieg ist die Hoffnung zurück. Zumindest in den Augen vieler Somalier, die glauben, mit der erklärten Eroberung der somalischen Kapitale durch die Union der Islamischen Gerichte rücke ein Ende der blutigen Anarchie näher. Sie sehnen sich nach einer Ordnungsmacht, und diese Sehnsucht kann ihrer Ansicht nach derzeit nur die radikal-islamische Union erfüllen. Die USA dagegen blicken mit Sorge aufs Horn von Afrika. Der Siegeszug der Islamisten in Mogadischu bedeutet für sie eine herbe Schlappe im Kampf gegen den Terrorismus.

Brückenkopf von al-Qaida

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 geriet das anarchische Somalia ins Visier der US-Geheimdienste, als möglicher Zufluchtsort islamistischer Extremisten. Nun fürchtet Washington eine Talibanisierung des Landes, und die Entwicklung eines starken al-Qaida-Brückenkopfes in Afrika. Somalia dürfe kein Zufluchtsort von al-Qaida werden, warnte US-Präsident George W. Bush. Die Amerikaner gehen davon aus, dass etwa die Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 in Somalia vorbereitet wurden.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die USA die nun geschlagenen Warlords und ihre selbsternannte Allianz für die Wiederherstellung des Friedens und gegen den Terror unterstützt hat. Berichte über direkte Zahlungen an die Kriegsfürsten wurden zwar nie bestätigt, aber US-Außenamtssprecher Sean McCormack erklärte noch gestern, dass die US-Regierung natürlich "mit Leuten in Somalia" zusammenarbeiten wolle, die den Terrorismus bekämpfen. Auch die zwar international anerkannte, aber weitgehend machtlose somalische Übergangsregierung, die aus Sicherheitsgründen im 250 Kilometer nordwestlich von Mogadischu liegenden Baidoa residiert, beklagte sich darüber, dass US-Gelder an ihr vorbei an die Warlords fließen.

Die Union der Islamischen Gerichte bestreitet laut "New York Times" in einem Brief an US-Regierungsvertreter, Terroristen Unterschlupf zu gewähren. Der Anführer der Milizen, Scheich Scharif Ahmed, habe stattdessen den Wunsch nach "freundlichen Beziehungen mit der Außenwelt" geäußert.

Jetzt gilt die Scharia

Wahrscheinlich ist jedoch, dass die radikale Gruppe die Bildung eines islamischen Staates nach den Prinzipien der Scharia anstrebt. Bis heute hat die Union in ihrem Herrschaftsbereich in Mogadischu elf Scharia-Gerichte eingerichtet. Gerade diese sind es, die den Menschen die Hoffnung geben, dass mit der Kontrolle der Islamisten über ganz Mogadischu endlich ein stabiler Frieden greifbar ist. Sie konnten einflussreiche Geschäftsleute und Clan-Führer als Unterstützer gewinnen, weil sie hart gegen Kleinkriminelle, Alkoholismus und die Verbreitung von Pornografie vorgingen. Später wuchs der Einfluss radikaler Kräfte, auch aus dem arabischen Ausland. Beobachter beschreiben, wie sich heute in Mogadischu immer mehr Frauen nur noch komplett verschleiert auf die Straße trauen.

Als besonders mächtig gilt nach wie vor Hassan Dahir Aweis, 61, der als Mitbegründer der Islamisten-Armee al-Itihaad al-Islamija auf der Terror-Liste der USA steht. Aweis hat angebliche Kontakte zu al-Qaida und Osama bin Laden nie abgestritten, er behauptet jedoch, al-Itihaad existiere heute nicht mehr. Seine extremistischen Ansichten hat er deswegen nicht abgelegt: Noch im vergangenen Jahr schwor er in einem Interview allen, die sich in die Belange Somalias einmischen, den heiligen Krieg.

Verbindungen zu al-Qaida werden auch dem jungen, einflussreichen Milizen-Kommandeur Adan Haschi Ayro nachgesagt, der in Afghanistan zum Kämpfer ausgebildet worden sein soll. Ayro, ein Schützling Aweis', und seine Männer sollen in die Ermordung zahlreicher Somalier und mehrerer ausländischer Helfer verwickelt sein.

Regierung im Wartestand

Die islamistische Eroberung Mogadischus markiert in den Augen des im US-Exil lebenden somalischen Politologen Omar Jamal einen Wendepunkt in der Geschichte des Landes. "Es passiert genau das gleiche wie bei der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan", sagt Jamal. Die Extremisten nutzten aus, dass die Menschen genug von "Gewalt, Vergewaltigung und Bürgerkrieg" haben, um eine Regierung auf der Grundlage islamischer Gesetze zu errichten, so Jamal.

Viel hängt nun davon ab, ob die Übergangsregierung von Premierminister Ali Mohammed Gedi die Islamisten zu einer Zusammenarbeit überreden kann. In einer ersten Reaktion beeilte sich Gedi, unmittelbar nach dem Sieg der Scharia-Milizen vier der gegnerischen Warlords aus ihrem Ministeramt zu entlassen. Die Eroberung der Hauptstadt bezeichnete er im Radio als "einen exzellenten Schritt vorwärts", weil die Warlords nicht zum Frieden fähig gewesen seien. Eine islamische Republik lehnte der Regierungschef bisher allerdings stets ab.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete heute über Gerüchte, die Islamisten hätten bereits eine Schattenregierung gebildet, die eingesetzt werden solle, sobald der letzte Widerstand der Warlords gebrochen sei. "Wenn die islamischen Führer wollen, könnten sie die Übergangsregierung in Baidoa sehr einfach aus dem Amt treiben", dämpft Somalia-Experte Jamal denn auch zu großen Optimismus. Die derzeitige Regierung sei nicht nur militärisch, sondern auch politisch äußerst schwach. Die Extremisten seien ihr weit voraus, wenn es darum gehe, die Menschen für sich zu gewinnen, so Jamal. Seine Warnung: "Dieser Krieg ist in Mogadischu nicht zu Ende."



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