Somalia Deutsche Fregatte soll vor Küste Ostafrikas Piraten jagen

Ein Deutscher und seine somalische Frau gekidnappt, zwei Schiffe gekapert: die Hiobsbotschaften aus Somalia von diesem Wochenende. Gegen die Piraten will die EU jetzt militärisch vorgehen. Spanien hat Aufklärer geschickt, Verteidigungsminister Jung plant den Einsatz einer deutschen Fregatte.


Mogadischu - Ein Deutscher und seine somalische Frau sind weiterhin in den Händen von Kidnappern. "Sie wurden am Samstagabend von Bewaffneten entführt und offenbar in die Berge um Bosasso verschleppt ", sagte ein Sprecher der Polizei vor Ort. Der Berater des Präsidenten von Puntland, Bile Mohamoud Qabowsade, berichtete später, der Deutsche habe sich bereits mehrere Wochen in Somalia aufgehalten. Er habe die Familie seiner Frau besuchen wollen. "Uns wurde gesagt, dass er ein Muslim ist, dessen somalische Ehefrau aus Bosasso stammt."

Die deutsche Fregatte "Emden" in ihrem Einsatzgebiet im Golf von Aden (Archivfoto vom März 2008)
DPA

Die deutsche Fregatte "Emden" in ihrem Einsatzgebiet im Golf von Aden (Archivfoto vom März 2008)

Es heißt, dass Truppen zur Rettung der Entführten entsandt worden seien, aber wie viel sind solche Ankündigungen in Somalia tatsächlich wert? Seit Ende des Bürgerkriegs 1991, der das Land am Horn von Afrika in zwei Teile spaltete, hat die amtierende Übergangsregierung nicht mehr die vollständige Kontrolle über das Land. Warlords herrschen über weite Landesteile, Chaos und Gewalt regieren.

Und so hat die Zahl der Entführungen von Ausländern in den vergangenen Monaten stark zugenommen. Meist verlangen die Entführer Lösegeld. Seit Ende August werden in dem Land am Horn von Afrika eine kanadische Journalistin, ein australischer Fotograf und ein somalischer Journalist sowie deren somalischer Fahrer festgehalten. Sie waren in der Nähe der Hauptstadt Mogadischu von Bewaffneten verschleppt worden, die angeblich 1,75 Millionen Euro Lösegeld verlangen.

Die meisten Entführungen in Somalia gehen jedoch auf das Konto von Piraten, die immer wieder ausländische Schiffe und Boote im Indischen Ozean und im Golf von Aden angreifen. Am Sonntag erklärte das griechische Handelsmarineministerium in Athen, dass vor Somalia das zweite griechische Schiff binnen einer Woche von Piraten attackiert worden sei. Ob es sich um eine Entführung handelte, war zunächst unklar. An Bord des unter der Flagge der Bahamas fahrenden Schiffes "Captain Stephanos" der Reederei ChartWorld Shipping waren den Angaben zufolge 17 Seeleute von den Philippinen sowie ein Chinese und ein Ukrainer. Das Schiff war mit Kohle beladen.

Erst am Donnerstag hatten Piraten den griechischen Frachter "Centauri" mit 25 philippinischen Besatzungsmitgliedern in ihre Gewalt gebracht. Zwei deutsche Segler, die vor der Küste Somalias von Piraten entführt worden waren, kamen im August nach fast zwei Monaten wieder frei.

Spanien verlegt Aufklärer nach Dschibuti

So dramatisch ist die Lage vor der Küste Ostafrikas, dass die EU jetzt erwägt, in einer großangelegten Aktion gegen die Piraten vorzugehen, um die Sicherheit der Schifffahrt in diesen Gewässern zu gewährleisten.

Während Brüssel noch plant, ist Spanien schon einen ersten Schritt weiter gegangen. Am Samstag hat Madrid ein Aufklärungsflugzeug und 90 Soldaten in das Seegebiet vor Ostafrika geschickt. Die Maschine sowie zwei weitere Transportflugzeuge hoben am Morgen vom Luftwaffenstützpunkt Morón nahe Sevilla in Südspanien ab, wie das Verteidigungsministerium mitteilte. Die Soldaten werden von einem Stützpunkt im Kleinstaat Dschibuti aus operieren. Die Mission ist zunächst auf drei Monate befristet, könnte aber verlängert werden. In den internationalen Gewässern vor der Küste Somalias gehen nach Angaben des Ministeriums derzeit 17 spanische Kutter auf Fischfang.

Auch die Deutsche Marine wird sich vermutlich mit einer Fregatte an der geplanten EU-Mission vor der Ostküste Afrikas beteiligen. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagte der "Stuttgarter Zeitung" am Sonntag, er erwarte eine grundsätzliche Verständigung auf der politischen Ebene der EU, "so dass wir zum Ende des Jahres einen derartigen Einsatz realisieren können". Geplant sei die Mission mit insgesamt drei Fregatten samt Beibooten. "Ich gehe davon aus, dass von uns der Einsatz einer Fregatte erwartet wird", sagte Jung.

Der Minister hob hervor, die Piraterie vor den Küsten Somalias und Kenias gefährde den freien Seehandel und sei nicht mehr hinzunehmen. "Mehr als 80 Prozent unseres Handels gehen über See", betonte Jung. Wenn die EU ein Mandat beschließe, "sollten wir unseren Beitrag leisten."

Die Bundesmarine ist schon jetzt im Rahmen der Anti-Terror-Operation "Enduring Freedom" am Horn von Afrika eingesetzt. Dies gestattet deutschen Soldaten die Bekämpfung der Piraterie bislang aber nur in Fällen von Nothilfe.

Reeder kritisieren schleppende Reaktion der Politik

Für die Reeder geht das alles zu langsam, die Hilfe kommt zu spät. Schwere Vorwürfe macht der Politik etwa der von einer Schiffsentführung durch Piraten betroffene Bremer Reeder Niels Stolberg. "Die Piraten schlagen immer schneller, härter und aggressiver zu", sagte Stolberg der Nachrichtenagentur dpa, "und die nationale und internationale Politik reagiert darauf einfach zu träge".

"Gebetsmühlenartig Verständnis für die Probleme der Handelsschifffahrt zu bekunden, ist zu wenig, um Seeleute und Schiffe wirksam zu schützen", sagte Stolberg. "Gefragt ist unverzügliches Handeln." Die schlimmsten Prognosen zur Entwicklung der Piraterie würden derzeit sichtbar übertroffen. "Aus mehreren Seegebieten an der afrikanischen und südamerikanischen Küste sowie aus Ostasien werden zunehmend dreistere Kaperungen gemeldet", sagte der Bremer Reeder. "Was die nationale und internationale Politik derzeit dagegen unternimmt, ist in meinen Augen einfach zu wenig."

Seine eigene, 57 Schiffe umfassende Flotte will Stolberg Schritt für Schritt mit sogenannten Frequenzkanonen ausrüsten. "Diese Schallgeneratoren gehen Angreifern mächtig auf die Ohren und können einen gewissen Schutz bieten. Aber man darf keine Illusionen hegen: das ist keine dauerhafte Lösung."

oka/AP/AFP/dpa



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