Somalia Fußball verboten, Spielfilme auch

Auf die militärische Eroberung Mogadischus folgt der Kulturkampf der Islamisten, auf die Schlacht der kulturelle Feldzug. Das Verbot, die WM zu schauen, wurde jetzt zwar wieder aufgehoben, doch die neuen Machthaber entwerfen einen beklemmenden moralischen Kodex für Somalia.


Hamburg - "Die alten Warlords sind besiegt, Mogadischu ist sicherer - und gefährlicher zugleich", schreibt die "New York Times". Es sei ein fröhlicherer Ort - ein unterdrückter jedoch auch. Die öffentliche Ordnung, die innere Sicherheit mag stabiler sein als zu Zeiten der Warlords, die vor wenigen Wochen vertrieben wurden. Doch hinter den Kulissen, in den Moscheen und in den Häusern der geistigen Führer werden die neuen Regeln bestimmt: Was die Menschen anziehen dürfen und wie sie sich zu verhalten haben.

Islamistische Milizen in einem Stadion in Mogadischu: Neue Hüter der Moral
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Islamistische Milizen in einem Stadion in Mogadischu: Neue Hüter der Moral

Die Folgen der neuen rigiden Gangart werden punktuell sichtbar, je nach dem, ob gemäßigte oder radikale Islamisten das Viertel beherrschen: Vor einer Woche, als Mexiko gegen Iran bei der Weltmeisterschaft in Deutschlands ums Weiterkommen spielte, drangen Bewaffnete, die zu den neuen Machthabern, der "Union der Islamischen Gerichte" (UIC), gehörten, in ein kleines Kino im Norden Mogadischus ein. Sie nannten den Ort gottlos und beendeten die Übertragung des Fußballspiels.

Als die neuen Moralhüter in dem Raum einen Mann erblickten, der ein Muster in seine langen Locken rasiert hatte, fesselten sie seine Hände auf dem Rücken, zückten eine Schere und verpassten ihm einen Militärschnitt. Nachdem er mit einem Gürtel geschlagen und drei Tage eingesperrt worden war, berichtete der 26-Jährige Fußballfan: "Sie sagten, 'Dein Haarschnitt widerspricht unserer Kultur und ist nicht islamisch'." Solche Strafaktionen kannte man vordem aus dem Afghanistan der Taliban.

Bereits Anfang des Jahres wurde ein Fall bekannt, in dem islamistische Milizen eine 18-jährige angehende Schauspielerin anhielten und verlangten, dass sie statt ihres eng anliegenden T-Shirts ein lockerer hängendes Gewand tragen müsse.

Die Richtlinien setzen Scharia-Gerichte durch, die im Sinne der UIC urteilen. Mit je eigener bewaffneter Garde setzen diese Gerichtshöfe ihre Entscheidungen durch. Das geistige Umfeld und den nötigen akademischen Nachwuchs liefern Islam-Schulen, die überall aus dem Boden sprießen und von arabischen Staaten finanziert werden.

Die neue Ordnung wird auch von Leuten wie Mohammed Ali Aden aufrecht gehalten. Der  Fanatiker gehört zur radikalen Fraktion unter den Islamisten. Al-Qaida und Muslim sind für ihn Synonyme. Deren Ziele seien richtig und eines Tages werde die Organisation regieren, zitiert ihn die "New York Times". Während des Vorstoßes der Islamisten kommandierte Aden 350 Mann. Sein Ziel, so der 19-Jährige, sei ein islamischer Staat. "Wir vernachlässigten Gottes Worte so lange. Wir wollen, dass unsere Frauen verschleiert sind und zu Hause bleiben. Männer müssen Bärte tragen", so Aden.

Der junge Gotteskämpfer steht Aden Haschi Ayro nahe. Diesem Milizen-Kommandeur werden enge Bande zu al-Qaida nachgesagt. Er soll seine Kampfestauglichkeit in Afghanistan erworben, seine Männer sollen zahlreiche Somalier und mehrere ausländische Helfer auf dem Gewissen haben. Für die westliche Welt soll er nichts als Verachtung empfinden. Auch sein Jünger, Mohammed Ali Aden, verweigert Nicht-Muslimen die Hand.

Die Gerichtshöfe schrecken vor drastischen Strafen nicht zurück. Mörder werden exekutiert, Dieben werden die Hände abgehackt. Große Teile der Bevölkerung haben nichts gegen die strenge Scharia-Rechtsprechung - für ein bisschen mehr Sicherheit ist vielen jedes Mittel recht. Sie wollen Ruhe in einer Stadt, in der brutale Überfälle, Vergewaltigungen, Morde an der Tagesordnung sind. Der 16-jährige Salad Adam verlor nach Informationen der "New York Times" vor zwei Jahren durch einen Querschläger ein Auge, zuletzt schoss ihn ein Milizionär ins Kinn, weil er Geld haben wollte. Junge Mädchen werden von Bewaffneten aus den Häusern gezerrt und vergewaltigt. Als die Täter Wochen später wiederkommen und sich an der Mutter vergehen wollen, wehrt sich diese und wird erschossen, auch ihr Ehemann, der ihr helfen will, wird getötet.

Mit solcherlei Verbrechen soll nun Schluss sein. Nach 15 Jahren Bürgerkrieg und blutiger Anarchie begrüßen viele Somalis das harte Vorgehen. Früher seien Frauen entführt, vergewaltigt, gefoltert und getötet worden, sagt eine 52-jährige Geschäftsfrau - was soll man da gegen eine striktere Kleiderordnung haben? Shariff Osman, ein in Kanada ausgebildeter Professor für Informatik an der Universität von Mogadischu, nennt es eine "Euphorie nach den Warlords". Was wirklich kommen wird, werde sich erst noch zeigen.

Angesichts des Verbots, die WM schauen zu dürfen, ebbte die Post-Warlord-Euphorie jedoch schnell ab. Die Menschen gingen dagegen auf die Straße. Der öffentliche Protest hatte Erfolg, die radikal-islamistischen Machthaber ruderten zurück: Sie erlauben, dass das Volk die Fußball-WM im Fernsehen oder Kino sehen darf. Die UIC hob das kurz vor Beginn der WM verfügte Verbot wieder auf. Ein Kinobesitzer gab an: "Die islamischen Wächter haben uns erlaubt, für Fußball die Kinosäle zu öffnen. Alles andere ist aber verboten." Selbst harmlose indische Spielfilme sind nicht erlaubt. Doch der Fußballaufstand der Fans zwang die Islamisten immerhin einmal zum Nachgeben - auch wenn zwei Demonstranten ihr Leben lassen mussten.

Alexander Schwabe



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