Somalia Regierung rechnet mit neuen Kämpfen im Süden

Jubel und Wut in Mogadischu: Nach der Rückeroberung der Hauptstadt sind viele Menschen erleichtert, den Einmarsch äthiopischer Truppen sehen sie jedoch skeptisch. Friedensverhandlungen mit den Islamisten lehnt der somalische Premier Ghedi ab. Neue Kämpfe im Süden des Landes drohen.


Mogadischu - Nach all dem Blutvergießen können wir nicht von Frieden sprechen, sagte Ministerpräsident Mohamed Ali Ghedi. Einen Tag nach der Einnahme Mogadischus durch Regierungs- und äthiopische Truppen traf er heute wieder in der Hauptstadt ein. Menschenmassen am Straßenrand jubelten dem Ministerpräsidenten zu, als er in die einst elegante und nun schwer zerstörte Küstenstadt einfuhr.

Jubelnde Menschen beim Einzug Ghedis: "Jetzt werde ich für immer bleiben. Hier ist die Hauptstadt"
AFP

Jubelnde Menschen beim Einzug Ghedis: "Jetzt werde ich für immer bleiben. Hier ist die Hauptstadt"

Der Regierungschef begab sich zum Flug- und zum Seehafen. Dank der Unterstützung der Bevölkerung sei die Regierung Sieger in dem Konflikt, sagte er. "Jetzt werde ich für immer bleiben. Hier ist die Hauptstadt." Die Regierung könne nun ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Einheiten schwer bewaffneter somalischer und äthiopischer Soldaten bezogen Stellungen an Schlüsseleinrichtungen wie Flughafen und Hafen. "Heute fängt ein neues Leben an, neue Stabilität und eine neue Zukunft für Somalia", rief Ghedi seinen Anhängern zu. Seine Regierung wolle Recht und Ordnung wiederherstellen.

Die Freude war jedoch geteilt: Im Norden der Stadt warfen Hunderte Demonstranten Steine auf äthiopische Armee-Fahrzeuge. Äthiopische Panzer gaben Warnschüsse ab. Die Demonstranten verliehen mit ihren Protesten ihrem Ärger über die ausländischen Truppen in Somalia Ausdruck - Äthiopien unterstützt seit Tagen die Regierungstruppen und hat den Krieg damit maßgeblich beeinflusst.

Die Flucht der Islamisten aus Mogadischu stellt ein Umschwung in dem Konflikt am Horn von Afrika dar, nachdem sie die somalische Übergangsregierung bis vor zwei Wochen noch in die Provinzstadt Baidoa zurückgedrängt und im Süden des Landes eine streng islamistische Herrschaft aufgebaut hatten. Ministerpräsident Ghedi hatte angekündigt, das Parlament werde das Kriegsrecht verhängen. So solle das Land unter Kontrolle bleiben, das seit dem Sturz des Machthabers Mohammed Siad Barre im Jahr 1991 keine funktionierende Zentralregierung mehr kannte und in Chaos und Anarchie versank.

Im Süden des Landes kündigten sich unterdessen weitere Kämpfe an. Ein Soldat der Regierungstruppen sagte, mehr als 15 äthiopische Panzer rückten auf die südlichen Ortschaften Jilib und Buale vor. Nicht weit von dort haben sich die Islamisten in der Stadt Kismayu zurückgezogen. Aus Regierungskreisen hieß es, es sei damit zu rechnen, dass am Samstag Kämpfe ausbrächen. Die staatlichen äthiopischen Medien hingegen riefen für morgen eine eintägige Feuerpause aus.

Die aus Mogadischu vertriebene Union der islamischen Gerichte erklärte, sie werde ihren Kampf gegen die von Äthiopien unterstützte Übergangsregierung fortsetzen. "Wir werden Somalia nicht verlassen", sagte der Vorsitzende der Miliz, Sheik Sharif Sheik Ahmed, in der südsomalischen Stadt Kismayo. Dort waren heute mehrere hundert ausländische Kämpfer zu sehen, aus arabischen wie aus südasiatischen Staaten.

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Nach dem Abflauen der Gewalt wollen die Vereinten Nationen ihre Hilfe für die notleidende Bevölkerung Somalias am Wochenende wieder aufnehmen. Bereits heute startete ein Hilfsflug aus Nairobi nach Somalia, nachdem die Lieferung von Hilfsgütern aus der Luft wegen der jüngsten Kämpfe gestoppt worden waren. Gestern hatte die somalische Übergangsregierung wieder grünes Licht für die Wiederaufnahme der Flüge gegeben. Somalia habe den Luftraum für geöffnet erklärt, sagte eine Sprecherin des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in New York. Die Uno versorgt rund zwei Millionen Somalier, die wegen des militärischen Konflikts sowie nach Dürre und Überschwemmungen auf Hilfe angewiesen sind.

Deutschland hatte im Rahmen seiner anstehenden EU-Ratspräsidentschaft eine Vermittlung angeboten, um die Konfliktparteien wieder zu einem Dialog zu bringen .

anr/Reuters/AP



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