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Somalias Hauptstadt Mogadischu Geisterstadt des Horrors

Schießwütige Krieger, Vergewaltigungen, überall Ruinen: Mogadischu versinkt in Chaos und Gewalt. Mehr als Hunderttausend Menschen sind auf der Flucht, Tausende ums Leben gekommen - Helfer verzweifeln an der Ignoranz des Westens.

Mogadischu/Nairobi - Geisterstadt Mogadischu: Rußschwarz ragen die Skelette einstiger italienischer Prachtvillen in den blauen Himmel. Tiefe Bombenkrater zerfurchen die staubigen Boulevards. In den Trümmern verbergen sich hier und da noch ein paar verängstigte Bewohner und äugen unsicher hinter Schuttbergen und Rauchsäulen hervor.

Sie sind die letzten, die hier noch ausharren. Zu alt, zu schwach, zu arm, um fortzuziehen und das Inferno hinter sich zu lassen, in das sich Somalias Hauptstadt verwandelt hat - nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte. Es gibt nur noch wenige Gegenden der Stadt, die überhaupt bewohnt sind, die sogenannte K-4-Area in der Innenstadt und ein paar Wohnblocks in der Nähe des Präsidentensitzes "Villa Somalia".

Der Rest der Stadt ist wie ausgestorben. Nur hier und da sichern ein paar unmotivierte ugandische Friedenssoldaten strategische Ziele: den Hafen, den internationalen Flughafen, der kurioserweise immer noch geöffnet ist, die "Villa Somalia". Ansonsten verkriechen sie sich in ihren Kasernen.

Finger am Abzug

"In Somalia gibt es keine sicheren Orte mehr", sagt Colin McIlreavy, Landeskoordinator von "Ärzte ohne Grenzen". In den Armen der Notärzte würden die Verwundeten sterben, weil sie es nicht rechtzeitig durch die von Scharfschützen gesäumten Straßen in die Krankenhäuser schaffen. Gewehrsalven hallen Tag und Nacht aus den hohlen Ruinen, dazu die dumpfen Schläge von Mörsergranaten.

Nur die in der Bevölkerung verhassten äthiopischen Besatzungssoldaten patrouillieren in ihren sandfarbenen Uniformen die zerbombten Wege, nervös, unsicher und aggressiv. Sie haben den Finger am Abzug, und sie schießen schnell, wenn sich jemand in ihren Augen verdächtig benimmt.

In Mogadischu wird oft zuerst geschossen und dann gefragt.

"Die neuen äthiopischen Truppen sind besonders brutal", sagt der 34-jährige Lehrer Abdi Mohammed*, der dieser Hölle vorübergehend ins kenianische Nairobi entkommen konnte. "Sie kamen vor etwa zwei Monaten nach Mogadischu, sie kennen niemanden in der Stadt, und sie töten jeden, den sie auf der Straße sehen."

6000 Tote in einem Jahr

55.000 Soldaten soll Äthiopien in Somalia stationiert haben. Hilfsorganisationen werfen ihnen schwere Menschenrechtsverletzungen vor: Massenexekutionen, Vergewaltigungen. Fast täglich verschwinden Oppositionelle und unliebsame Journalisten. 6000 Zivilisten sollen in diesem Jahr bei Kämpfen ums Leben gekommen sein, schätzt das Elman-Zentrum für Frieden und Menschenrechte.

"Die Kämpfe sind schlimmer als der Bürgerkrieg Anfang der neunziger Jahre"

Die Äthiopier sind nervös. Allein Anfang November wurden mindestens fünf ihrer Soldaten im Norden Mogadischus getötet und anschließend in einem Triumphzug durch die Straßen geschleift.

Ihr Feind ist eine undurchsichtige Koalition aus Warlords und Islamisten, deren Herrschaft die Truppen aus dem Nachbarland vor fast einem Jahr beendet haben. Dieser Feind ist unsichtbar. Er hat keinen Stadtteil, den er kontrolliert; er trägt keine Uniform, die ihn kennzeichnet; er gehört nicht einem bestimmten Klan, einer bestimmten Sippe an.

Er ist nirgends und scheint doch überall zu sein.

Manchmal explodieren ferngezündete Bomben, wenn ein äthiopischer Militärkonvoi vorüberfährt. Manchmal schießen Scharfschützen aus dem Hinterhalt. Manchmal jagen sich Selbstmordattentäter in die Luft. Und immer wieder preschen mobile Einsatztrupps heran, eröffnen das Feuer mit Kalaschnikows und Panzerfäusten.

Das Land steht vor einer neuen Tragödie

"Technicals" werden diese Pick-ups genannt, auf deren Ladefläche fünf, sechs Krieger thronen und ein laffettiertes Maschinengewehr bedienen. "Diese mobilen Gruppen haben immer noch die Macht in der Stadt, sie kämpfen verbissen", sagt Abdi. "Die Kämpfe sind schlimmer als der Bürgerkrieg Anfang der neunziger Jahre."

Obwohl die Äthiopier ganze Gruppen vermeintlicher Aufständischer erschießen oder festnehmen, wird immer deutlicher, dass sie damit keinen Erfolg haben werden. Somalia, ein Land doppelt so groß wie die Bundesrepublik, steht vor einer neuen Tragödie.

In Kenia sitzt der Däne Christian Balslev-Olesen auf der Terrasse des Hotels "Holiday Inn Nairobi", wo die Unicef-Sektion für Somalia Hilfsstrategien besprechen will. Balselev-Olesen ist der Uno-Koordinator für die humanitäre Lage in Somalia, er trägt einen dunklen Anzug und ein rotweißkariertes Hemd. Er schaut freundlich durch das dicke Glas seiner Hornbrille - und er wirkt unendlich hilflos.

Vor einigen Wochen hat er einen ziemlich deutlichen offenen Brief an alle Kriegsparteien geschrieben. Er hat sie aufgefordert, das Morden zu beenden, und vor Menschenrechtsverletzungen und Massenvertreibungen gewarnt. Geändert hat sich nichts.

Es werde Zeit, dass die Welt endlich aufwacht, sagt Balslev-Olesen und nippt an einer Cola. Wenn sich nicht bald etwas ändere, "dauert es nicht mehr lange, und wir sehen Bilder von verhungernden Kindern wie 1992. Schon jetzt raffen Cholera-Epidemien Tausende Kinder dahin".

In ganz Somalia befänden sich derzeit 800.000 Menschen auf der Flucht, allein vor den Toren Mogadischus vegetierten 150.000 Vertriebene in einfachen Lagern dahin und könnten kaum versorgt werden. Schlechte Ernten hätten die Lebensmittel verknappt. Die Menschen sind ausgezehrt von 17 Jahren Bürgerkrieg und Anarchie, nur eskalieren die Kämpfe wieder - wie sollen sie die neuerliche Tragödie überleben?

Die westliche Welt ignoriert Somalia weitgehend, seit die Uno-Mission zu Beginn der neunziger Jahre kläglich gescheitert ist, seit amerikanische Black-Hawk-Hubschrauber mit Stinger-Raketen abgeschossen wurden, seit aufgebrachte Somalis die Leiche eines geschändeten GIs durch die Straßen schleiften. "Somalia ist leider nicht Darfur, wo man die Aufmerksamkeit der Welt hat, wo man all die Spenden hat und all die Hilfsorganisationen", klagt Balslev-Olesen. "Wir können nicht einmal die einfachsten Grundbedürfnisse der Menschen stillen. Deshalb sind wir so verzweifelt."

Straßen voller Bettler

Längst haben sich die Händler aus Mogadischu zurückgezogen. Lebensmittelpreise steigen in astronomische Höhen, Einnahmequellen versiegen. Nur die mit der deutschen Diakonie-Katastrophenhilfe kooperierende Hilfsorganisation "Daryeel Bulsho Guud" verteilt ein bisschen Trinkwasser, und ab und zu schaut eine Uno-Delegation im Flüchtlingslager von Afgooye vorbei. Dort wird wenigstens nicht geschossen.

Lehrer Abdi Mohammed hatte bisher in einer kleinen, privat organisierten Schule Französisch und Englisch unterrichtet. Die Schüler sind längst geflüchtet, die Schule ist geschlossen. Seine Familie aber, die Frau und der sechs Monate alte Sohn, befindet sich immer noch in jener umkämpften Stadt, die der große somalische Schriftsteller Nuruddin Farah einmal als "Gefilde des Wahnsinns" bezeichnet hat.

Bald muss auch Abdi wieder zurück. Wovon er dann leben soll, weiß er nicht. "Die Straßen sind voller Bettler", sagt er, "und diese Bettler waren vor kurzer Zeit noch angesehene Bürger." Vielleicht wird er versuchen, sich mit seiner Familie nach Hargeisa durchzuschlagen, in die abtrünnige Republik Somaliland - und sich in die Schlange der Bittsteller einzureihen, die dort die Büros der internationalen Hilfsorganisationen belagern.

*Name von der Redaktion geändert

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