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21. Januar 2007, 10:46 Uhr

Somalische Flüchtlinge

Ein bisschen Kat und vielleicht eine Green Card

Aus Dadaab berichtet

Die Heimat liegt für den Somali Mohammud Ahmed eigentlich nur wenige Kilometer weit weg. Dennoch lebt er seit 15 Jahren in Kenia in einem Slum gleich hinter der Grenze. Die neue Lage in Somalia lockt ihn nicht zur Rückkehr. Zu oft schon wurde Frieden versprochen - aber dann kam neuer Krieg.

Dadaab - So kompliziert die Lage am Horn von Afrika auch scheint: Mohammud Ahmed kann sein Schicksal mit ein paar Fingerstrichen im rost-roten Sand auf dem Boden skizzieren. "Hier ist die somalisch-kenianische Grenze", sagt der 34-jährige Familienvater und zieht eine Linie. Gleich dahinter, auf der kenianischen Seite, ritzt er einen Kreis und steckt seinen Finger hinein. "Das sind wir in unserem Gefängnis", sagt er nüchtern, "nach Somalia wollen wir nicht zurück, nach Kenia dürfen wir nicht".

Es ist Mittag im kenianischen Dadaab, die Sonne steht erbarmungslos im Zenit über der Ansammlung von aus Holz zusammen gebastelten Hütten. Der knorrige, stachelige Baum inmitten des kleinen Grundstücks der Familie wirft nur löchrigen Schatten. Der Wind wirbelt den Sand in die Augen und die offenen Münder der Kinder. Wieder reichte es heute nicht für ein Mittagessen. Man habe es "übersprungen", sagt der Vater. Dafür gebe es heute mal ein Abendessen. Ein Brei aus gestampften Bohnen soll die Familie mit acht Kindern satt machen.

Die Behausung der Familie von Mohammud steht am Rand der riesigen Siedlung in der buschigen Steppe an der kenianisch-somalischen Grenze. Zehntausende Hütten, durch deren aus Ästen geflochtenen Wände man hindurch sehen kann, reihen sich aneinander. Um die 130000 Somalier verbringen hier ihr Flüchtlingsdasein von Krieg, Gewalt und Chaos. Ihre Heimat liegt nur einige Kilometer weiter nordöstlich hinter dem Meer aus stacheligen Büschen, Mohammuds Geburtsort, die Hafenstadt Kismayo, ist zwei Stunden entfernt.

Eine Blase zwischen den Ländern, ernährt von der Uno

Der Begriff Flüchtling, er passt hier kaum mehr. Die meisten von ihnen campieren seit vielen Jahren hier. Mohammud kam, er war gerade 19 Jahre, im Jahr 1992. Gerade eben war in Somalia wieder einmal eine Regierung weggeputscht worden. Marodierende Banden plünderten und mordeten sich durch Kismayo. Erinnerungen an diese Zeit gibt es kaum in dem ärmlichen Behausungen Mohammuds. "Mein Bruder gab sein letztes Geld für zwei Autos, in die wir springen sollten", erinnert er sich. Er hat ihn danach nie wieder gesehen.

Als er in Dadaab ankam, erwartete ihn und die vielen anderen nichts. Da sein Bruder offenbar getötet worden war, übernahm er nach muslimischem Brauch die Familie mit den damals schon fünf Kindern. Von Nomaden lernte er, wie man auf Dornbüschen eine Hütte baute. Er war einer der ersten in dem heute unüberschaubaren Ghetto. Doch neue Krisen in Somalia spülten im Abstand von wenigen Monaten weitere Horden von zehntausenden Somalis über die Grenze. Wäre die Grenze nicht versiegelt, kämen dieser Tage wohl noch mehr dazu.

In Dadaab leben die Somalis in einer Blase zwischen den beiden Ländern, die von der Uno und auch von der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) am Leben gehalten wird. Auf der kenianischen Seite stellt die Polizei sicher, dass niemand in Richtung Nairobi ausbüchst. In der anderen Richtung liegt die alte Heimat, die seit mehr als 20 Jahren eine Krise nach der anderen erlebt hat. Augenblicklich ist die Grenze wie versiegelt, im somalischen Süden jagt die äthiopische Armee noch immer aus der Luft die Islamisten.

Zurück will in Dadaab niemand

Das Camp in Dadaab gleicht auf eine unwirkliche Weise einer riesigen Exil-Metropole Somalias im Nachbarland. Auf dem Markt inmitten der Hütten kommt pünktlich um 12 Uhr jeden Tag die Volksdroge Kat an, frisch angeliefert von mehreren Pick-Ups von den kenianischen Feldern. Aus Wellblechhütten heraus wird alles verhökert, was man zum Leben braucht: Lebensmittel, Kleidung oder auch Mobiltelefone, die hier verdächtig günstig sind. Die schäbigen Restaurants servieren somalisches Essen, das sich nur wenige leisten können.

Über die Lage in der Heimat informiert ein improvisiertes Kino, eine Holzhütte mit einer kleinen Satelliten-Schüssel auf dem Dach. Je nach Tageszeit läuft hier al-Dschasira, BBC oder abends illegal gebrannte Hollywood-DVDs. Gerade berichtet ein Korrespondent aus der Küstenstadt Mogadischu, dass ein Vertreter der Uno vor Ort sei und sich recht optimistisch zeigte. Mohammud lacht spöttisch auf. "So oft habe ich diese Nachricht schon gehört", sagt er so laut, dass sich die anderen Zuschauer umsehen, "doch gekommen ist er nie der Frieden".

Wie der Familienvater denken hier viele. "Wir haben von niemandem gehört, der bisher in die Heimat zurück gekehrt ist", sagt die Uno-Koordinatorin Nemia Temporal. Sie sitzt in einer Siedlung nahe des Camps, in der so gar nichts temporär wirkt. Die Funktionäre sitzen in Steinhäusern mit Air-Condition und Internet. Mit großem Aufwand bringen sie Lebensmittel und medizinische Versorgung in die Steppe. "Ziel ist es, das Camp irgendwann aufzulösen", sagt Temporal, "doch in den nächsten Jahren ist das überhaupt nicht abzusehen".

"Spätestens, wenn die Äthiopier abziehen, geht es wieder los"

Wer Männer wie Mohammud über Somalia reden hört, versteht, dass die gewaltsame Machtübernahme der so genannten Regierung für Somalis nur eine weitere Episode einer schier endlosen Serie von Putschen und vor allem der alleinigen Herrschaft der Bewaffneten wirkt. "Somalis können nichts anderes, als sich gegenseitig zu bekriegen, egal um welch kleine Vorherrschaft es geht", sagt er. Statt zur Schule zu gehen, würden schon Kinder an Maschinengewehren geschult, das gelernte Handwerk würde dann nur noch umgesetzt.

Auch der Ruhe, die die Islamisten in den letzten Monaten brachten, traute Mohammud nicht eine Minute, sagt er. "Sie haben den Glauben vorgeschoben, um sich ihrer Feinde zu entledigen und sich zu bereichern", zürnt der gläubige Muslim. Die neue Regierung sei ebenfalls dem Untergang geweiht. "Spätestens, wenn die Äthiopier abziehen, werden die Krieger ihre gerade versteckten Waffen wieder ausgraben und erneut um die Macht in den Städten kämpfen", glaubt er. Für eine afrikanische Schutztruppe hat er nur ein Lächeln übrig.

Auch wenn die Lage in Dadaab auf den ersten Blick erbärmlich wirkt, hat die Uno für die Flüchtlinge viel getan. Schulen wurden gebaut und ein Krankenhaus, in dem sich Mohammud mit Nachtschichten 100 Dollar im Monat dazuverdient. Eine Perspektive jedoch hat sein Sohn, gerade 18 geworden, nicht. Die Schule hat er fertig, doch Jobs gibt es nur bei den Hilfsorganisationen. "Umso besser wir arbeiten", gesteht auch Uno-Frau Temporal ein, "umso mehr ausgebildete Chancenlose züchten wir heran". Bei diesem Satz wirkt auch sie frustriert.

"In Somalia würden wir alle nicht lange leben"

Das Wort Perspektivlosigkeit schreckt Vater Mohammud nicht. "Ich sehe das simpler", sagt er, "hier haben wir zwar keine Aussicht aber Frieden, Essen und bleiben am Leben". In Somalia hätte sein Sohn und auch er vielleicht Möglichkeiten, sich etwas aufzubauen. "Das Problem ist, dass wir alle nicht lange leben würden", sagt er und lächelt merkwürdig schräg, "dann hätten wir sozusagen gar nichts mehr". Sein Sohn Mohammed Jama nickt bei den Worten des Vaters. Er hofft verzweifelt, bei der Lotterie um einen US-Pass Glück zu haben.

Mohammud hingegen hat andere Visionen. Aus dem kleinen Kino im Slum jedoch weiß er, dass sich so manches Flüchtlingscamp zu einer richtigen Stadt entwickelt hat. Genug helfende Hände gebe es hier, meint der Familienvater, es fehle nur am Startkapital. Hauptsache ist für den Flüchtling auf Lebenszeit, nie mehr nach Somalia zurück zu müssen.

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