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Somalische Flüchtlinge in Rom Endstation Via dei Villini

Sie wollten Frieden und verließen dafür Familien und Freunde. In Rom haben somalische Bootsflüchtlinge in der früheren Botschaft des zerfallenen Staates Unterschlupf gefunden. Inmitten von Nobelhotels leben sie in totaler Armut - Hoffnung haben nur noch die wenigsten von ihnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rom - In der Via dei Villini 9 liegt ein vergessenes Stück Somalia. Das Fenster der Verandatür ist zersplittert, die Markisen hängen schief, der orangefarbene Putz schält sich in großen Fetzen vom Haus. Hinter der hohen Hecke der alten Villa sitzt ein alter, somalischer Mann mit verschlissener Strickjacke auf einem Campingstuhl. Er hält ein Radio, der Ton rauscht und wummert abwechselnd. "Hören Sie, ich kann Ihnen nichts sagen. Weg hier. Raus." Er wedelt mit einem Stock und knallt die Pforte zu.

Mitten in Roms Diplomaten- und Hotelviertel nahe der Porta Pia steht die verfallene Botschaft des zerfallenen Staates Somalia - offiziell ist die Vertretung seit dem Sturz des somalischen Diktators Siad Barre 1991 geschlossen. An die Zeit als Somalia noch ein Staat war, erinnert einzig ein Messingschild: "Ambasciata Repubblica Democratica Somala" - Botschaft der somalischen demokratischen Republik. Ein verblichenes somalisches Landeswappen hängt an der Balustrade. Die Villa, in der früher Politiker und Diplomaten ein und aus gingen, ist heute ein Flüchtlingslager.

Es ist Mittag, Touristen mit Stadtplänen ziehen durch die Straßen. Aus der gusseisernen Pforte neben dem Botschaftsschild treten Muse, Mahmoud und Ali - drei abgerissene Gestalten. Ein paar Jahre ist es her, dass die drei aus Somalia geflohen sind. In Italien erhofften sie sich ein besseres Leben, Frieden, ein paar Stunden Arbeit vielleicht, ein Zimmer oder eine kleine Wohnung, saubere Kleidung, genug zum Essen - das Nötigste eben.

Muse, Mahmoud und Ali sind vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet und haben den heruntergekommenen Palazzo in der Via dei Villini gefunden. "Unser Leben hier ist schlecht", sagt der 23-jährige Muse. "Aber hier in der Botschaft werden wir wenigstens in Ruhe gelassen. Und auch wenn es nachts sehr kalt ist, wir haben ein Dach überm Kopf."

"Der alte Botschafter ist tot, der neue Botschafter lebt in England"

Der alte, knorrige Somalier mit dem Radio will nicht, dass Journalisten in das Haus gehen. Nur einen kurzen Blick gewährt er. "Was soll das schon, wir wollen unsere Ruhe." Die Fußböden sind mit Matratzen ausgelegt, eine Katze streunt herum, durch die Fenster pfeift der Wind, ein verrostetes Auto steht in der Einfahrt. Es gibt keinen Strom, nur einen Wasserhahn für all die Männer. Vor vielen Jahren, erzählen Muse, Mahmoud und Ali, sei der Alte einmal Angestellter der Botschaft gewesen.

Damals gab es Somalia noch - heute gibt es von dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land vor allem noch Somalier. Tausende von ihnen leben in Italien, in dem Land der ehemaligen Kolonialherren. Mindestens 3000, sagt Yusuf, der seinen Nachnamen nicht nennen will und sich als Vize-Konsul des zerfallenen Staates ausgibt. Aber genau wisse das niemand. Genauso wenig wie hier jemand weiß, wer für das Botschaftsgebäude in der Via dei Villini verantwortlich ist. "Der alte Botschafter ist tot, der neue Botschafter lebt in England", sagt Yusuf und steckt sich ein Stück Kautabak in den Mund. Statt der Botschaft gibt es nun ein Konsulat in Rom. Aber wo der Konsul ist, weiß auch niemand. Die einzige offizielle Vertretung Somalias besteht derzeit aus einem Vize-Konsul, der seinen Namen nicht verrät.

"Schlafen und um Geld bitten - das ist alles, was wir tun"

Viele Somalier sind in den letzten Jahren nach Italien gekommen. Muse hat seine Heimat im Jahr 2003 verlassen. Zu Fuß und auf der Ladefläche von Pick-up-Trucks hat er sich durch die Sahara bis nach Libyen durchgeschlagen. Von Libyen brachten ihn Schlepper mit einem kleinen, überladenen Boot bis nach Lampedusa, wo ein Großteil aller Bootsflüchtlinge ankommt. Zumindest derer, die überleben. Hunderte erreichen das rettende Ufer nie.

Von Lampedusa habe er sich "irgendwie" bis nach Rom durchgeschlagen. "Ich hatte Glück", sagt er, "ein paar meiner Gefährten haben die Fahrt durch die Sahara nicht überstanden." Sie seien ohne Wasser in der glühenden Hitze auf dem überfüllten Pick-up verdurstet. Als das passierte, musste sich Muse schon an den Tod gewöhnt haben - sozialisiert und aufgewachsen im Krieg, in Gewalt und Schrecken. Viele seiner Verwandten seien von den Warlords umgebracht worden, sagt er.

"Glücklich bin ich hier nie"

"Nur deshalb bin ich geflohen, aus Angst", sagt Muse. "Man muss nur den Fernseher anschalten. Wie soll ich in so einem Land leben?" Gerade habe er gehört, dass die äthiopischen Truppen 300 Menschen umgebracht haben. "Erst waren es die Warlords, jetzt sind es die Äthiopier." Dabei wollten die meisten Menschen doch nur Frieden.

Ist es besser, sein Leben in Rom? Muse muss nicht lange überlegen - es ist genauso schlecht: "In Somalia musste ich um mein Leben fürchten, aber ich hatte eine Arbeit als Automechaniker, meine Familie und Freunde. Hier lebe ich in Frieden, aber ich habe keine Aufgabe, kein Geld, bin alleine." Er drückt den Schirm seiner Baseballkappe tief in die Stirn. "Glücklich bin ich hier nie." Immer wenn er kann, sagt er, versuche er zu schlafen.

Jeden Tag gehen Muse, Mahmoud und Ali von der somalischen Botschaft die paar Straßen zum römischen Hauptbahnhof Termini. Sie gehen zu den Parkplätzen, weisen die Ankommenden zu einem freien Platz. "Manchmal kriege ich dafür 50 Cent, manchmal sogar einen Euro." Muse drückt den Rücken gerade, hebt den Kopf - er will wenigstens nicht aussehen wie ein Bettler.

Hier am Hauptbahnhof verbringen viele der ehemaligen "Boat-People" ihren Tag. Sie warten bis die Stunden um sind. "Schlafen und um Geld bitten, das ist eigentlich alles, was wir machen", sagt Muse. Neben ihm steht Adam, 27, und steckt sich eine Zigarette an. Er hat vorstehende Zähne, ein knochiges Gesicht. Wenn er alle seine Träume erzählen sollte, es würde zu lange dauern, sagt er. "Eigentlich ist mein Traum, etwas lernen zu können. Zur Schule zu gehen." Das konnte er in Somalia nie. Einmal hatte er in Italien einen Job als Erntehelfer. "Aber jetzt habe ich seit drei Jahren keinen einzigen Tag etwas zu tun." Und Adam hat noch einen Traum: "Eine Frau finden."

"Es war ein riesiger Fehler"

Die meisten, die mit dem Boot aus Somalia übers Mittelmeer gekommen sind, sind junge Männer. Männer, die in Somalia eine Arbeit hatten, die an Geld für die Schlepper gekommen sind. Aber auch die 26-jährige Fatima hat den Weg durch die Sahara gemacht. Sie steht in einem kleinen ostafrikanischen Geschäft in Roms Bahnhofsgegend, hat ebenmäßige Gesichtszüge und ein buntes Tuch um die Haare gewickelt. Fatima war Krankenschwester in Mogadischu, ihren Sohn hat sie bei ihren Eltern zurückgelassen, ihr Mann ist tot. Getötet im Krieg, sagt sie. Würde sie es noch mal machen? "Nein, es war ein riesiger Fehler, hierher zu kommen", sagt sie. Auch wenn in Somalia Krieg herrsche, in Italien fühle sie sich ohne Wert und müsse bei der Caritas oder auf der Straße schlafen.

Mahmoud, Muse, Ali und Adam sprechen nicht von einem Fehler. Sondern davon, dass sie keine andere Wahl hatten. Alle drei hatten es schon bis nach Skandinavien geschafft. "Ich hatte in Norwegen eine Wohnung, genug zu essen und konnte die Sprache lernen", sagt Muse. Nach sechs Monaten schickten ihn die Behörden zurück - wer bereits in einem europäischen Land Antrag auf Asyl gestellt hat, muss dort die Entscheidung abwarten. So sagt es eine europäische Asylrechtsregelung. "Es ist unsere größte Hoffnung, irgendwann wieder nach Skandinavien zu können", sagt Muse.

Vier Jahre nach ihrer Flucht aus Somalia, warten die jungen Männer aus der somalischen Botschaft in der Via dei Villini wieder auf ein neues Leben.