Sorgerecht in den Vereinigten Arabischen Emiraten Wenn die Scharia Männer diskriminiert

Hunderte ausländische Väter in den Vereinigten Arabischen Emiraten kämpfen seit Jahren vergebens um das gemeinsame Sorgerecht für ihre Kinder. Ihre Fälle zeigen, wie die Scharia auch Männer benachteiligt.
Futuristische Fassaden, überkommene Ansichten: Dubai

Futuristische Fassaden, überkommene Ansichten: Dubai

Foto: Kamran Jebreili/ AP

Die Scharia benachteiligt Frauen gegenüber Männern, gibt ihnen etwa in Erbschaftsfragen und als Zeugin vor Gericht weniger Rechte. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Das islamische Recht diskriminiert nämlich auch Männer. Diese Erfahrung haben in den vergangenen Jahren viele ausländische Männer in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) machen müssen.

Sie alle lebten als sogenannte Expats in Dubai oder Abu Dhabi. Sie lernten Frauen kennen, heirateten, gründeten Familien, bekamen Kinder. Irgendwann gingen die Ehen in die Brüche. Und damit begann für Hunderte Männer ein persönlicher Albtraum.

Patrick Hoenicke ist einer von ihnen. Der gebürtige Berliner heiratete im September 2015 eine indische Stewardess. Im März 2017 kam sein Sohn in Dubai zur Welt. Das Kind hat die deutsche und die indische Staatsbürgerschaft. Kurz nach dem ersten Geburtstag zog die Mutter mit dem Jungen aus der gemeinsamen Wohnung aus. Im ersten halben Jahr nach der Trennung konnte Hoenicke seinen Sohn noch ungefähr zehn Stunden pro Woche zu sich nach Hause holen. Dann wollte die Frau den Kontakt zwischen Vater und Sohn unterbinden. Hoenicke musste sich einen Besuch pro Woche einklagen. In einem Spielzimmer im Wohnhaus der Mutter durfte er in ihrer Anwesenheit seinen Sohn für zwei Stunden sehen. Zuletzt im März. Die nächsten Besuche muss er nun wiederum per Gerichtsverfahren einklagen.

Patrick Hoenicke und sein Sohn

Patrick Hoenicke und sein Sohn

Foto: privat

Noch schlechter erging es Iradj El-Qalqili. Vor sieben Jahren heiratete der Berliner eine Kanadierin, die er in den VAE kennengelernt hatte. 2013 brachte die Frau einen Sohn zur Welt, ein Jahr später eine Tochter. Vor zwei Jahren zog die Frau mit beiden Kindern aus, seit mehr als einem Jahr hat er Sohn und Tochter nicht gesehen.

Iradj El Qalqili mit seinen Kindern

Iradj El Qalqili mit seinen Kindern

Foto: privat

Die Ursache dafür liegt im Familienrecht, das in den Emiraten auf der Scharia basiert. Dieses sieht starre Altersgrenzen vor: Für Jungen unter 11 und Mädchen unter 13 bekommt im Regelfall die Mutter das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Danach erst kann das Sorgerecht zum Vater wechseln. Ungefähr in diesem Alter werden Kinder in der emiratischen Gesellschaft in das öffentliche Leben eingeführt, dafür ist in der konservativen islamischen Kultur des Golfstaats der Vater verantwortlich - so erklärt sich diese Regelung. Ein geteiltes Sorgerecht gibt es nicht. Der Vater muss für den Unterhalt der Kinder aufkommen, für die Schulgebühren, die Nanny. Sehen darf er seine Kinder nur wenige Stunden pro Woche - oder, wenn die Mutter es verhindern will, oft gar nicht.

Das liegt daran, dass sich die Rechtslage in den Emiraten fundamental vom deutschen Recht unterscheidet. "Ein deutsches Gericht muss sich in Sorgerechtsstreitigkeiten immer am Kindeswohl orientieren. Die VAE weichen davon maßgeblich ab, weil sie ohne Einzelfallprüfung die Mutter für besser geeignet erklären, das alleinige Sorgerecht zu übernehmen", erläutert Professor Christian Majer, Direktor des Instituts für internationales und ausländisches Privat- und Verfahrensrecht in Ludwigsburg. "Das ist offene Geschlechterdiskriminierung. Väter haben keine Möglichkeit darzulegen, dass sie besser geeignet sind, sich um das Kind zu kümmern. Väter werden also generell benachteiligt."

Ein Teil des Problems liegt auch auf deutscher Seite

Was insbesondere die jungen Kinder wollen, spielt vor Gericht in den Emiraten häufig keine Rolle. Sie werden wohl meist nicht einmal angehört. Stattdessen wird in der Urteilsbegründung regelmäßig lediglich auf das Alter der Kinder verwiesen, berichtet Jana-Maria Wernitzki. Die Berliner Anwältin hat sich auf internationales Familien- und Kindschaftsrecht spezialisiert und betreut auch die Fälle Hoenicke und El-Qalqili .

Dabei sollte eigentlich alles ganz anders sein: Die Expats in den VAE können nämlich beantragen, dass ihr jeweiliges Heimatrecht angewandt wird. Dann würden die Richter in Dubai nach den Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches auch über Umgangsrecht und Sorgerecht urteilen. Darauf hatte sich auch El-Qalqili verlassen. In der Realität wird gleichwohl von den Richtern bevorzugt die Scharia angewandt. Emiratische Anwälte sagen, dass dies der Fall ist, wenn das fremde Gesetz den Richtern nicht ganz klar ist oder im Widerspruch zur Scharia zu stehen scheint.

Einen Teil des Problems sieht Rechtsanwältin Wernitzki auch auf deutscher Seite. Die Normen des deutschen Rechts seien für die ausländischen Gerichte nicht klar und eindeutig genug.

So wird der in dem Bürgerlichen Gesetzbuch genannte unbestimmte Rechtsbegriff des "Kindeswohls" von den Gerichten in den Emiraten oftmals einfach mit der starren Altersgrenze der Scharia ausgefüllt. Eine wie von den deutschen Gerichten vorgenommene ausgiebige Kindeswohlprüfung unterbleibt dabei regelmäßig.

Insbesondere jedoch führt die deutsche Rechtsordnung in anderen Ländern zu Verständnisproblemen, als dass eine nicht mehr zeitgemäße und damit unglückliche Differenzierung zwischen ehelichen und nichtehelichen Kindern vorgenommen wird. So erklärt Rechtsanwältin Wernitzki: "Nach unserem Rechtsverständnis entspricht es grundsätzlich dem Wohl des Kindes, dass die Eltern gemeinsam die elterliche Sorge ausüben und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um eheliche oder nichteheliche Kinder handelt. Es wäre jedoch wünschenswert, wenn unser Gesetz diesen Grundsatz klarer zum Ausdruck bringen würde."

Das spanische Recht formuliert da im Vergleich zum deutschen Recht schon jetzt klarer und knapper - so hat Borja Brananova vor einigen Monaten Historisches geschafft. Als erster Expat überhaupt hat er vor einem Gericht in Dubai das gemeinsame Sorgerecht für seine beiden vier und sechs Jahre alten Kinder erstritten, die er gemeinsam mit seiner südafrikanischen Ex-Ehefrau hat.

Sein Fall hatte sowohl in der Expat-Gemeinde am Golf als auch in Spanien für Aufsehen gesorgt. Die spanischen Behörden hatten sich eingeschaltet, nachdem das Regionalparlament von Asturien eine Resolution verabschiedet und mehr als 25.000 Menschen eine Petition unterzeichnet hatten, die den Kindern das Recht geben sollte, zur Familie des Vaters nach Spanien zu reisen.

Der Fall Brananova gibt auch den deutschen Vätern in Dubai Hoffnung: Er zeigt nämlich, dass die Behörden in den Emiraten sehr wohl ausländische Gesetze anwenden, wenn die Regierung eines Expats interveniert. Denn Dubai hat gerade jetzt ein ökonomisches Interesse daran, Familien anzuziehen und im Emirat zu halten. Die teuren Privatschulen sind dort zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Je weiter sich jedoch herumspricht, welche Familiendramen im Trennungsfall drohen, könnte das zu einer Gefahr für den Standort Dubai werden, in dem 85 Prozent der Einwohner Ausländer sind.

Die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, die Wirtschaft wächst nicht wie erwartet - um die Abwanderung von Kapital zu begrenzen, haben die VAE gerade im Mai einen historischen Schritt unternommen: Expats können erstmals ein permanentes Bleiberecht erwerben. Das zeigt, dass sich die Regierung anstrengt, Expats zum Bleiben zu bewegen.

El-Qalqili sieht für die VAE und Kinder in Scheidungssituationen mehrere Optionen: "Entweder die Gerichte nutzen das sehr liberale Element im derzeitigen VAE-Gesetz, dass Expats ihre Gesetze anwenden können, tatsächlich konsequent, wie erstmals im Brananova-Fall. Oder es werden getrennte Gerichte für VAE-Bürger und Expats eingesetzt, vielleicht sogar mit importierten Richtern. Eine andere Lösung wäre, die Gesetze der VAE so zu modernisieren, dass gar kein Expat-Recht nötig ist. Die VAE haben hier in auf jeden Fall eine Chance, durch aufgeklärte Familiengerichte zu einer Art Leuchtturm in der Region zu werden."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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