François Hollande Marathon-Mann an der Schwelle zum Sieg

Er sieht die Präsidentschaft zum Greifen nahe und fürchtet vorzeitige Euphorie: François Hollande ruft drei Tage vor der Wahl seine Anhänger zur entscheidenden Anstrengung auf. Amtsinhaber Sarkozy warnt die Wähler vor dem übermächtigen Gegner: Es sei keine Zeit für "irre Experimente".

AP

Von , Toulouse


Für den Triumph ist es noch zu früh. Aber jetzt, am Donnerstagabend in Toulouse, gönnt sich François Hollande einen optimistischen Hinweis auf den Wahlausgang am kommenden Sonntag: "Ich bin hier, um euch zu sagen, dass die Linke bereit ist, das Land zu regieren: Toulouse ist die Stadt, die den Sieg liebt."

Mit heiserer Stimme lobt er seine Mitstreiter, die Partner der Linken und Grünen. "Wir wollen die Macht nicht für uns, sondern für das Volk", ruft er vor mehr als 25.000 Anhängern, die sich auf dem Platz vor dem neoklassizistischen Rathaus drängen. "Wir haben noch drei Tage, aber nichts ist gewonnen. Der Sieg ist in Reichweite, aber noch nicht entschieden. Wir brauchen eine Mobilisierung aller und gerade der Unentschlossenen. Vielleicht hat sie ja die Debatte überzeugt."

Hollande hat Oberwasser. Beim TV-Duell am Abend zuvor hat er dem Präsidenten mit Geschick und Härte Paroli geboten. Der fast dreistündige Schlagabtausch brachte keine neuen Argumente, aber Nicolas Sarkozy reagierte auf den unterschätzten Gegner mit der ihm eigenen, galligen Aggressivität. Und verfiel in den hart-rechten Diskurs, der sogar Mitgliedern der eigenen Partei mittlerweile suspekt erscheint.

"Drei Tage der Anstrengung für fünf Jahre Erfolg"

Jetzt, 24 Stunden später, wird der Schlagabtausch wieder auf Distanz geführt. Sarkozy hat seine Anhänger zur letzten Großkundgebung nach Toulon geladen. Er greift an, beschwört Werte - Autorität, Arbeit, Identität - und schürt Ängste: Er warnt vor der Machtergreifung der Sozialisten, ihrer "verrückten Ausgabenpolitik", ihrem "Programm der Rezession", dem ungebremsten Zustrom der Immigranten. Eine Schicksalswahl steht an, mahnt Sarkozy: "Es ist keine Zeit für irre Experimente." An das "Frankreich der Arbeit" richtet er seinen "Appell von Toulon" für einen "nationalen Aufbruch", für den "schönsten Sieg."

Den hat auch Hollande vor Augen. Und für die PS-Anhänger in Toulouse ist die Entscheidung längst gefallen. Sie bejubeln ihn schon als - nach François Mitterrand - zweiten sozialistischen Präsidenten in der Geschichte der V. Republik.

Für Hollande aber ist der Kampf nicht zu Ende. Die eigenen Sympathisanten in die Wahllokale zu bringen, bleibt für den Sozialisten die wichtigste Aufgabe. Gewiss, Unterstützung kommt an diesem Abend auch von François Bayrou: Der Kandidat der Zentrumspartei Modem stellt am Abend seinen Wählern frei, zu wählen, wen sie wollen - erklärt aber öffentlich, dass er selbst im zweiten Durchgang für Hollande stimmen werde. "Drei Tage der Anstrengung für fünf Jahre Erfolg", fordert Hollande jetzt noch, am Ende einer langwierigen, physisch anstrengenden Kampagne.

Es ist das Finale eines Marathons, der vor mehr als zweieinhalb Jahren begann: Im Dezember 2010 bei einem Besuch in Algier bringt er seine Ambitionen erstmals auf die Formel: "Ich denke, die Zeit für einen normalen Präsidenten ist gekommen." Einen Monat zuvor hat er mit seinem Buch "Bestandsaufnahme" ein Resümee von elf Jahren an der Parteispitze gezogen und unverhohlen sein Ziel vorgegeben: "In welcher Position auch immer ich bin, ich bereite mich vor."

Der Start gerät schwierig: Ohne Führungsposition, ohne Rückhalt in der Partei, gilt Hollande als farbloser Außenseiter. Vor der innerparteilichen Kandidatenkür zur Präsidentenwahl sehen ihn gerade mal 17 Prozent der Franzosen als "guten Anwärter" - letzter unter fünf Mitbewerbern und weit abgeschlagen hinter Weltwährungsfonds-Chef Dominique Strauss-Kahn. "Am Anfang wirkte François unsicher - im Auftreten, wie in der politischen Stoßrichtung", erinnert sich eine enge Freundin. "Es brauchte Zeit, bis er routinierter, sicherer wirkte."

Abneigung gegen den "Mieter im Élysée-Palast"

Hollande bleibt auf Kurs. Und beginnt 2011 seinen "langen Marsch" durch die Tiefen der Provinzen. "Jeden Tag verschlingt er die Kilometer", schreibt L'Express seinerzeit, "mit dem Ziel die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen" und um "in Kontakt mit den PS-Genossen zu treten, als ginge es um eine Kampagne für einen Parteikongress."

Die Kärrnertour durch Kneipen, Märkte und Mehrzweckhallen zahlt sich aus, als Strauss-Kahn, Favorit der Umfragen, wegen seiner Sex-Affäre im Mai 2011 als Kandidat erledigt ist. Plötzlich zieht der blasse Präsident des Regionalrats aus der ländlichen Region Corrèze an seinen Mitstreitern vorbei - die Demoskopen sehen ihn gegenüber dem amtierenden Staatschef sogar vorn: Der Außenseiter wird zum Liebling der Parteimitglieder, die ihn im November vergangenen Jahres mit 56 Prozent zum PS-Kandidaten wählen.

Ein vergleichbares Resultat kann er am kommenden Sonntag kaum erwarten. Doch während der gesamten Kampagne lag Hollande stets vor Nicolas Sarkozy: Ein Votum, das sich mehr aus der verbreiteten Abneigung gegen den "Mieter im Élysée-Palast" speiste, als aus der Entscheidung für den Sozialisten und sein Projekt. Deswegen wirbt Hollande auch bei diesem letzten Auftritt in Toulouse um die Stimmen "aller Patrioten, aller Franzosen".

Und wünscht sich den Einsatz seiner Anhänger für den 6. Mai. "Die Zeit des Wechsels ist gekommen", sagt Hollande, "nach Jahren des unerträglichen Wartens. Der Sieg ist in der Hand jedes Bürgers, der den Stimmzettel in der Hand hat." Und warnt, dass der Wahlkampf nicht zu Ende ist, bevor nicht der letzte Stimmzettel im letzten Wahllokal in die Urne gefallen ist.

"Ich rufe auf zum Einsatz aller", appelliert er deshalb an die Menge. Und verspricht: "Wenn die Franzosen mir das Vertrauen aussprechen, dann wird der Präsident so sein, wie es der Kandidat war. Ein normaler Präsident."



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Seite 1
reihenfolge 03.05.2012
1.
Zitat von sysopAPEr sieht die Präsidentschaft zum Greifen nahe und fürchtet vorzeitige Euphorie: François Hollande ruft drei Tage vor der Wahl seine Anhänger zur entscheidenden Anstrengung auf. Amtsinhaber Sarkozy warnt die Wähler vor dem übermächtigen Gegner: Es sei keine Zeit für "irre Experimente". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831244,00.html
Mal sehen, ob es uns gelingt, von Deutschland aus Hollande zum Wahlsieger zu kommentieren, so wie es bei Obama auf jeden Fall vom Ergebnis her geklappt hat. Mal sehen, ob Hollande dann in einem Jahr die gleiche lahme Ente wird wie Obama, dessen Anhänger seit vier Jahren nichts anderes mehr zu sagen haben als zu jammern, dass am Versagen ihres Präsidenten die bösen Blockierer in der Opposition schuld seien.
bayrischcreme 03.05.2012
2.
Zitat von sysopAPEr sieht die Präsidentschaft zum Greifen nahe und fürchtet vorzeitige Euphorie: François Hollande ruft drei Tage vor der Wahl seine Anhänger zur entscheidenden Anstrengung auf. Amtsinhaber Sarkozy warnt die Wähler vor dem übermächtigen Gegner: Es sei keine Zeit für "irre Experimente". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831244,00.html
Die armen Franzosen. Haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zwischen einem hyperaktiven, unsympathischen Möchtegern-Napoleon und einem dümmlichen Sozialisten der die Wirtschaft gegen die Wand fahren wird.
Jom_2011 03.05.2012
3.
Zitat von bayrischcremeDie armen Franzosen. Haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zwischen einem hyperaktiven, unsympathischen Möchtegern-Napoleon und einem dümmlichen Sozialisten der die Wirtschaft gegen die Wand fahren wird.
Ist das bei uns anders ? :-)
zweibein 03.05.2012
4. Da haben Sie wohl recht,
Zitat von bayrischcremeDie armen Franzosen. Haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zwischen einem hyperaktiven, unsympathischen Möchtegern-Napoleon und einem dümmlichen Sozialisten der die Wirtschaft gegen die Wand fahren wird.
wie aber bewerten Sie die Situation im Fall einer Bundestagwahl hier?
bayrischcreme 03.05.2012
5.
Zitat von zweibeinwie aber bewerten Sie die Situation im Fall einer Bundestagwahl hier?
Na mir wären sowohl die Merkel als auch ein Steinbrück oder sogar Steinmeier lieber als die beiden Franzosen. Man vergleiche nur mal u.a. Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Neuverschuldung...
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