Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Der Obama-Schock

Wo sind eigentlich die Leute geblieben, die in der Wahlnacht 2012 Obama-Buttons trugen? Alle sind plötzlich furchtbar enttäuscht vom US-Präsidenten. Dabei ist die amerikanische Rundum-Spionage nur die Kehrseite seines Friedensversprechens.
US-Präsident Obama: Die Enttäuschung ist riesig

US-Präsident Obama: Die Enttäuschung ist riesig

Foto: BRENDAN SMIALOWSKI/ AFP

Was denkt wohl das Nobel-Komitee in Oslo über seinen Friedenspreisträger von 2009? Ich habe gestern noch einmal die Begründung für die Vergabe des Nobelpreises an Barack Obama gelesen. "Als US-Präsident hat Obama ein neues Klima in der internationalen Politik geschaffen", heißt es dort. Man verleihe ihm den Preis, "für seine außergewöhnlichen Bemühungen zur Stärkung der internationalen Diplomatie" und zur Zusammenarbeit zwischen den Völkern: "Es kommt nur selten vor, dass eine einzelne Person es in dem Maße wie Obama schafft, den Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu geben."

Selbst das Nobel-Komitee hat nicht immer in der Hand, welchen Weg die Preisträger nach der Auszeichnung gehen. Arafat war auch nach der Salbung zum Friedensbringer nur schwer von der Idee abzubringen, dass Bomben auf israelische Straßencafés der beste Weg zum Palästinenserstaat seien. Henry Kissinger machte unverdrossen den Diktatoren in südamerikanischen Folterparadiesen den Hof, bevor ihn der Wahlsieg des Abrüstungsevangelisten Jimmy Carter seines Amtes als Außenminister beraubte.

Aber wahrscheinlich ist man auch in Norwegen ein wenig konsterniert, wie wenig sich der US-Präsident um die Hoffnung der Menschen auf eine bessere Zukunft schert - beziehungsweise welch eigenwillige Vorstellung er davon hat, wie das Klima in der internationalen Politik aussehen sollte, für dessen Neugestaltung er prämiert wurde. Da ist es nicht einmal mehr ein Trost, dass er eine Krankenversicherung für alle eingeführt hat.

Die Enttäuschung ist riesig

Man muss zur Ehrenrettung der guten Menschen von Oslo sagen: Sie waren in ihrer Anhimmelungs- und Verehrungsbereitschaft nicht allein. Als Obama im November zur Wiederwahl anstand, war ich auf den Wahlpartys in Berlin einer von drei Leuten, die keinen Obama-Button trugen. Ich hatte Glück, dass die meisten dachten, ich hätte einen schlechten Scherz gemacht, weil ich mich stattdessen zu Romney bekannte. Jetzt ist die Enttäuschung natürlich riesig. Der "Stern" verlangt die Aberkennung des Nobelpreises. Bei der "Zeit", wo man traditionell Leute schätzt, die viel von globaler Verantwortung reden, sitzt der Schock so tief, dass man sich vor Schreck selber der Blauäugigkeit bezichtigt ("Wir waren zu naiv").

Es ist aber alles andere als ein Zufall, dass Obama die Spionage zur Chefsache gemacht hat. Der Bush-Nachfolger hat versprochen, Amerika aus Kriegen herauszuhalten und seine Soldaten wieder vorzugsweise dort zu stationieren, wo sie die Europäer am liebsten sehen, nämlich zu Hause.

Dafür wurde er von allen geliebt, vorneweg von den Deutschen, die am liebsten Frieden ohne Waffen schaffen. Weil Obama aber nicht der rehäugige Bürgerrechtler ist, für den ihn viele hierzulande hielten, sondern ein Machtpolitiker aus Chicago - einer der kältesten, härtesten und übrigens auch korruptesten Städte der USA -, hat er sein Versprechen mit dem Sicherheitsbedürfnis seiner Landsleute in Einklang gebracht.

Wer die Sicherheit Amerikas ohne Truppeneinsätze garantieren will, muss sich andere Formen des Heimatschutzes überlegen. Deshalb schickt Obama Drohnen mit einer solchen Häufigkeit, dass man mit deren Flugplan einen eigenen Airport unterhalten könnte, und lässt seine Späher den halben Globus belauschen. Die Totalüberwachung ist die Kehrseite seines Friedensversprechens, das ihm den Nobelpreis eintrug. Gut möglich, dass auch ein Mitt Romney den Abhörexperten der NSA freie Hand gelassen hätte. Aber die Republikaner rennen auch nicht durch die Gegend und lassen sich dafür feiern, wie sie die Welt verbessern wollen.

Die Sprachlosigkeit der amerikanischen Administration

Zu Recht wird jetzt die Frage gestellt, warum es ein besonderer Skandal sein soll, wenn sich herausstellt, dass auch das Handy der Kanzlerin nicht sicher ist. Merkel selber ist stinksauer, wie man hört - aber nicht darüber, dass man erfahren will, mit wem sie den ganzen Tag telefoniert. Da sie ohnehin davon ausgeht, dass die Russen und die Chinesen mithören, redet oder simst sie immer so, dass man ihr daraus keinen Strick drehen kann, sollte es öffentlich werden. Merkel ist sauer, dass sie auf so kaltschnäuzige Weise an der Nase herumgeführt wurde. Es ist auf der obersten Staatsebene wie im normalen Leben: Man will von Leuten, mit denen man öfter zu tun hat, nicht angelogen werden.

Schlimmer als der Zugriff auf das Handy der Kanzlerin ist die Sprachlosigkeit der US-Regierung. Ausgerechnet der Mann, der für seine Eloquenz gelobt wurde, findet keine Worte. Es gibt noch nicht einmal eine vernünftige Erklärung seines neuen Botschafters in Berlin.

Alles, was es gibt, ist der Auftritt des Alt-Atlantikers John Kornblum, der bei "Günther Jauch" zu erklären versucht, warum die Amerikaner nicht Freunde, sondern Partner der Deutschen sein. Abgesehen davon, dass es immer eigenartig ist, in der Diplomatie in Kategorien von Liebesbeziehungen zu reden, sind das semantische Feinheiten.

Vielleicht ist es Obama auch einfach egal, was die Deutschen von ihm halten. Das wäre dann die ultimative Kränkung seiner Anhänger.

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Foto: SPIEGEL ONLINE