Umbettung der Franco-Gebeine "Ein Triumph der spanischen Demokratie"

TV-Sender berichten live, Sondersendungen sind geplant: Die Überführung der Gebeine des Diktators Francisco Franco nach Madrid ist ein Spektakel. Dabei will Premier Sánchez den Franco-Kult endlich beenden.
Umbettung an einen bescheideneren, unauffälligen Ort: Francos Gebeine werden am Donnerstag exhumiert

Umbettung an einen bescheideneren, unauffälligen Ort: Francos Gebeine werden am Donnerstag exhumiert

Foto: Jeff J Mitchell/ Getty Images

Der Diktator ist schon fast 44 Jahre lang begraben. Aber diesen Donnerstag richten sich in Spanien noch mal die Blicke auf ihn. Mit 22 Kameras will der öffentlich-rechtliche Fernsehsender RTVE filmen, wie Francisco Francos Überreste um 10.30 Uhr aus seiner prunkvollen Basilika im "Tal der Gefallenen" exhumiert - und dann per Hubschrauber zur neuen Ruhestätte auf dem Madrider Friedhof Mingorrubio geflogen werden. Mindestens fünf spanische TV-Kanäle werden die Überführung der Franco-Gebeine live übertragen, stundenlange Sondersendungen sind geplant.

Es soll, so will es Premierminister Pedro Sánchez, der letzte öffentliche Akt rund um Franco werden, den "Generalísimo", der Spanien 36 Jahre lang mit eiserner Faust beherrschte. Franco unterdrückte Minderheiten brutal, ließ Widersacher deportieren, foltern und umbringen. Tausende politische Gefangene zwang er dazu, für ihn im "Valle de los Caídos" eine kolossale Kathedrale in den Fels zu hauen.

Hier, nordwestlich von Madrid, liegt seit 1975 auch sein Leichnam, neben dem Hauptaltar, unter einer Grabplatte, auf der sich oft die Blumen türmten. So hat es der Diktator wohl gewollt.

Ein "Pilgerort für die Ewigkeit" sollte die Begräbnisstätte werden - in deren Seitenkapellen auch die Knochen von Tausenden seiner Gegner ruhen. Das Valle de los Caidos mit seinem 155 Meter hohen Betonkreuz wurde tatsächlich zum Pilgerort für Veteranen, Altfaschisten, neue Rechtsextremisten. Sie huldigten ihrem "Führer", beteten für ihn, feierten Messen. Manche ließen sich hier sogar verheiraten.

Pedro Sánchez will Schluss machen mit der Franco-Verherrlichung

Das demokratische Spanien tolerierte den Totenkult nicht nur, der Staat finanzierte sogar einen Teil des Unterhalts der von Benediktinermönchen verwalteten Stätte. Schließlich spielten einstige Weggefährten Francos eine tragende Rolle beim Übergang Spaniens zur Demokratie - und die Linke scheute stets davor zurück, sich mit der Rechten wegen der Vergangenheit anzulegen.

"Tal der Gefallenen": Pilgerstätte für Veteranen, Altfaschisten, neue Rechtsextremisten

"Tal der Gefallenen": Pilgerstätte für Veteranen, Altfaschisten, neue Rechtsextremisten

Foto: Javier Barbancho/ REUTERS

Pedro Sánchez will nun endlich Schluss machen mit der Franco-Verherrlichung. Schon bei seiner Regierungsübernahme im Sommer 2018 hatte der Sozialist versprochen , die Gebeine exhumieren und an einen weniger spektakulären Ort überführen zu lassen - schnellstmöglich. Doch Francos Familie wehrte sich, der Oberste Gerichtshof stoppte die Umbettung kurz vor dem anvisierten Termin. Und genehmigte sie Ende September schließlich doch.

"Die Exhumierung von Franco wird ein Triumph der Würde, der Erinnerung, der Wiedergutmachung und der Gerechtigkeit", twittert Sánchez jetzt. "Ein Triumph der spanischen Demokratie."

Sánchez selbst braucht auch dringend einen Triumph. Es läuft nicht gut im Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 10. November. Den vierten Urnengang Spaniens in nicht einmal vier Jahren hat Sánchez selbst zu verantworten: Er wollte sich nicht auf eine Koalition mit der linkalternativen Podemos einigen. Seither haben seine Sozialisten in den Umfragen an Boden verloren: Die Regierungsunfähigkeit der Linken demobilisiert offenbar Sympathisanten. Und die Eskalation in Katalonien, wo sich Anhänger verurteilter Separatisten und Polizisten Schlachten lieferten, nützt bislang nur dem politischen Gegner.

Die Nation ist gespalten, wie immer, wenn es um Franco geht

Die konservative Volkspartei, die rechtsliberalen Ciudadanos und die Rechtsaußen-Parteien scharen ihre Wähler mit Forderungen nach noch mehr Härte gegen Separatisten und Krawallmacher um sich. Dem gemäßigteren Sánchez indes schaden die Bilder der wechselseitigen Gewalt. "Sie zeigen eine Ausweglosigkeit des Konflikts und eine dauerhafte Beschädigung des spanischen Staates", sagt Günther Maihold, stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Und die Madrider Regierung kann wenig dagegen tun."

Diktator Franco: Beherrschte Spanien von 1939 bis zu seinem Tod 1975

Diktator Franco: Beherrschte Spanien von 1939 bis zu seinem Tod 1975

Foto: epa efe/ dpa

Francos Exhumierung kommt da gerade recht. "Sánchez versucht, ein neues emotionales Element in den Wahlkampf zu bringen, das die Identität in seinem politischen Lager stärkt und die Wählerschaft mobilisiert", sagt Maihold. Schließlich ist die Umbettung seit Langem ein Herzenswunsch vieler Anhänger der Sozialisten.

Die Fans von Franco bringt sie allerdings auf die Barrikaden. Sie beleidigen und bedrohen das Unternehmen, das die zwei Tonnen schwere Grabplatte entfernen soll, laut der Zeitung "El País" so massiv, dass die Eigentümer bereits die Polizei um Hilfe baten.

Die Nation ist gespalten, wie immer, wenn es um Franco geht. Laut einer Umfrage der Zeitung "El Mundo" sind 43 Prozent der Bürger für die Exhumierung - und 35 Prozent dagegen. Der Rest ist unentschieden oder hat keine Meinung.

Sobald Francos Gebeine in Mingorrubio angekommen sind, soll das öffentliche Ereignis ganz privat werden. Exakt 22 Angehörige dürfen zur Trauerfeier in die Familienkapelle der Francos, in der auch die Ehefrau des Diktators ruht - so hat es die Regierung mit dem Clan vereinbart. Medienberichten zufolge darf die Familie angesichts des intimen Charakters der Kapelle eine Messe für den "Generalísimo" feiern. Danach wird der Prior des Benediktinerklosters aus dem "Tal der Gefallenen" die Gebeine segnen. Sogar Fahnen und politische Symbole dürfen die Francos mitbringen.

Nur filmen oder fotografieren dürfen sie den Akt nicht. In die Kapelle gelangt nur, wer ein Durchleuchtungsgerät und einen Metalldetektor passiert. Alle Handys und Kameras müssen draußen bleiben. Bilder von einem neuen Franco-Kult kann Pedro Sánchez gerade gar nicht gebrauchen.

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