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09. November 2019, 14:29 Uhr

Wahl in Spanien

Gespaltene Linke

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Spanien wählt zum zweiten Mal in diesem Jahr ein neues Parlament. Die Sozialisten von Premier Sánchez liegen zwar in Umfragen vorn, aber das linke Lager ist zerstritten.

Pablo Iglesias ist ein fanatischer Wahlkämpfer. Im Endspurt bei Auftritten vor Anhängern, in Debatten mit dem politischen Gegner und in Interviews setzt der Politologe aus Madrid, den seine langhaarige Pferdeschwanzfrisur von allen anderen Parteiführern Spaniens unterscheidet, sein Charisma ein.

Bevor die Spanier am Sonntag zum zweiten Mal in diesem Jahr die Abgeordneten für das Parlament wählen, strengt sich der 41-jährige Iglesias besonders an, den Sozialisten mit seiner 2014 gegründeten Formation "Podemos" Wähler abzujagen. Seine Botschaft:

"Nur wenn wir stark sind", so versucht Iglesias die Unentschiedenen für sich zu mobilisieren, würde der Sozialist Sánchez gezwungen, mit UP eine linke Regierungskoalition einzugehen.

Das hätte Iglesias schon im Sommer haben können. Aus der Parlamentswahl Ende April war die PSOE als Sieger hervorgegangen:

Neu ist diese Situation nicht. Schon im Frühling 2016 hatte Sánchez vom König einen Auftrag zur Regierungsbildung erhalten, auch damals stimmten Iglesias' Leute gegen ihn - und verlängerten damit die Amtszeit der PP unter Rajoy.

Pedro Sánchez hat sich wohl verzockt

Weil Iglesias bis zum Stichtag im September bei seiner Forderung einer Regierungsbeteiligung blieb, riskierte Sánchez nun lieber die Wahlwiederholung. Der amtierende Ministerpräsident setzte darauf, eine noch deutlichere Mehrheit holen zu können - auch auf Kosten von Iglesias, der als Schuldiger an der Blockade abgestraft würde. Doch Pedro Sánchez hat sich wohl verzockt.

Nicht nur die wirtschaftliche Lage hat sich seit dem Frühjahr eingetrübt, was den Konservativen von der PP nutzt. Auch die Rechtsradikalen von der Vox-Partei profitieren, seitdem die Proteste in Katalonien wieder eskalieren.

Im linken Lager wird es zudem immer enger: Íñigo Errejón, einer der Gründer von Podemos, tritt mit seiner Bewegung "Más País" (auf Deutsch: "Mehr Land") in 18 von 52 Wahlkreisen an. "Wir wollen die enttäuschten Progressiven auffangen", sagt Errejón.

Die würden sonst aus Verbitterung über die Blockade durch PSOE und UP keine Stimme abgeben. "Nach dem 10. November werden wir einer fortschrittlichen Regierung ins Amt verhelfen", hofft Errejón.

Beginnt in Spanien die Ära der Koalitionen über Lagergrenzen hinweg?

Die Umfragen sehen die PSOE gegenwärtig als stärkste Partei, aber mit weniger Abgeordneten als bisher. Auch UP und die neue Bewegung von Errejón zusammen würden demnach die Verluste nicht wettmachen. Und die katalanischen Separatistenparteien können nach den harten Urteilen gegen ihre ehemaligen Führer wohl nicht mehr so einfach eine sozialistische Regierung tolerieren.

Ginge es nach Sánchez und Iglesias, glaubt der 35-jährige Politologe Errejón, steuert Spanien womöglich auf eine weitere Wahlwiederholung zu. In der einzigen Fernsehdebatte ließen beide keinerlei Annäherung erkennen - ganz im Gegenteil. Sánchez hob die Differenzen mit Iglesias hervor, die eine Koalition unmöglich machten - die ungelöste Katalonien-Frage:

Offen ist, ob Iglesias am Sonntag noch einmal die Chance erhält, einer linken Regierung ins Amt zu helfen - oder ob auch in Spanien die Ära der Koalitionen über die Lagergrenzen hinweg beginnt.

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