Spanien rockt Das Ende der 1000-jährigen Isolation

Deutschland träumt von der guten alten reformfreien Zeit, Italien verharrt im Bann eines korrupten Medienzaren, die Briten sind im Irak-Abenteuer gefangen - aber Spanien rockt. Auch die blutigen Attentate vom März dieses Jahres haben das Land nicht in Depression versinken lassen - im Gegenteil. Eine SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Wiederaufstieg einer europäischen Mittelmacht.

Madrid - Das hauchdünne Rechteck sieht aus wie eine Oblate, ist aber getrocknete Milch. Das Ding ist bestreut mit den geheimnisvollen Blüten von Setschuan-Pfeffer. Es zergeht im Mund. Bald beginnen Gaumen und Zunge zu bitzeln, die Lippen vibrieren - eine aufregende Schärfe setzt quasi kleine Stromstöße frei. Mund auf, Augen zu. Das ist der Einstieg ins neue Spanien.

Ferran Adrià, 43, der verrückte Koch in seinem Restaurant hinter den Bergen der katalanischen Küste ist mittlerweile zum Symbol geworden für alles, was duftet und prickelt, gut aussieht und teuer ist. An Adrià kommt keiner mehr vorbei. Der Koch, nicht der Regierungschef oder ein Unternehmer, ist dem Nachrichtenmagazin "Time" als einziger Spanier wichtig genug, um ihn in den exklusiven Kreis der 100 einflussreichsten Menschen weltweit aufzunehmen.

Inzwischen hat der Adrià-Virus ganz Europa angesteckt. Selbst in Italiens Norden, wo man bislang so tat, als habe man das Kochen überhaupt erfunden, versuchen sterneheischende Jünger sich an Kreationen in der Art seines El Bulli-Restaurants.

Und die ganze Welt schraubt sich die Serpentinenstraße vom Ferienort Rosas an der Costa Blanca zur Montjoi-Bucht durch die Klippen, um Adriàs elektrische Milch zu verkosten. Der magische Keks erscheint als kulinarische Essenz all dessen, was den Reisenden dieser Tag im Land des Zauberkochs erwartet. So ein verwirrend beglückendes Prickeln hat ganz Spanien erfasst, es elektrisiert wie Adriàs Kekse.

Mode aus Barcelona

Filmemacher, Maler, Musiker, Architekten und Modedesigner befinden sich auf dem Siegeszug durch Europa und in Übersee. Sie führen eine neue "movida" an, stärker noch als die Bewegung, die das Erwachen der Künstler in den Jahren nach dem Tod des Diktators Franco 1975 auslöste.

Wer in ist trägt heute Mode von Custo aus Barcelona statt von Prada aus Mailand. Gerade hat das Filmfestival in Venedig den spanischen Kinostar Javier Bardem mit der Copa Volpi und den Regisseur Alejandro Amenábar mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet. Städte in aller Welt wetteifern um die Ehre, einen Bau der neuen spanischen Architektengeneration zu beherbergen.

Santiago Calatravas Dach für das Athener Olympia-Stadion galt als Signum der Spiele. Flamenco-chill-out beruhigt die Herzschläge nach einer Disco-Nacht, und Madrid bietet mit seinen drei spektakulär erweiterten Tempeln der Museumsmeile Kunst im Megapack. Im Prado wird als erster lebender Künstler Miquel Barceló, 47, ausstellen, nachdem er diesen Sommer im Pariser Louvre triumphierte. Vergesst Rom und Florenz: Europa macht sich auf den Weg in das Land, in dem die Orangen blühen - dreimal im Jahr.

"Spain rocks" titelte Time vor den Wahlen, die, ganz gegen die vorherrschende Tendenz anderswo in Europa, eine Partei unverbrauchter Sozialisten an die Macht brachte. Und selbst die Attentate der Quaida vom 11. März auf vier Vorortzüge in der Hauptstadt, durch die 191 Menschen starben, haben die Spanier nicht in Depressionen sinken lassen.

Das Selbstbewusstsein nach den Attentaten

Sie haben die Wahl, drei Tage danach, zum Neuanfang gemacht, das alte, verknöcherte Spanien mit seinen alten, verkniffenen Repräsentanten abgeschüttelt. Italien verharrt noch immer im Bann des korrupten Medienzaren Silvilo Berlusconi. But Spain rocks. Jetzt erst recht. Eben mal eine Regierung abgewählt - y qué, na und? Wo hat man das schon, in Europa? Die islamistischen Attacken nicht anders als die Wende-Wahl danach haben in aller Welt die Neugier auf diese Leute dort hinter den Pyrenäen erst richtig wach werden lassen.

Irgendetwas ist passiert mit diesen Spaniern. Übermut geht durchs Land, nachdem das Volk sich so plötzlich der Macht des Aufbegehrens bewusst geworden ist. Die ganze Gesellschaft fühlt sich empor getragen von einem neuen Lebensgefühl.

"Die Menschen sind glücklich. Wir haben das Korsett gesprengt", jubelte die neue Infrastrukturministerin Magdalena Álvarez. Aus "einem Albtraum erwacht" sei das Land, sagte der Regisseur Fernando Trueba, der zusammen mit anderen Intellektuellen die Gruppe "Demokratische Intervention" gegen die Regierung Aznar in den Wahlkampf einführte. "Wir haben den Glauben wieder gewonnen, dass wir Bürger etwas verändern können."

Denn der Konservative José María Aznar hatte zwar in seinen acht Regierungsjahren einen nach außen strahlenden wirtschaftlichen Aufschwung gut gemanagt. Doch durch die absolute Mehrheit zu Präpotenz verleitet, hatte er versucht, sein den Franquismus verharmlosendes Geschichtsbild und seinen miefigen, verklemmten Kunstgeschmack dem ganzen Volk aufzuzwingen, so der Publizist José María Ridao, der unlängst zum Botschafter Spaniens bei der Unesco in Paris ernannt wurde.

Euphorische Intellektuelle

Dieses "kulturelle Unwohlsein über Aznars Autoritarismus, der keine Andersdenkenden tolerierte," hat ein neues "Bürgerbewusstsein in einem mutigen demokratischen Akt abgeschüttelt", beschreibt der galizische Schriftsteller Manuel Rivas, 46, die Freude und Hoffnung, die seine Kollegen in diesem Frühling und Sommer verspüren. "Selbst nach Francos Tod fühlten wir uns nicht so befreit wie jetzt", sagt der Gründer einer frechen politischen Aktionsgruppe.

Die Wahl der Sozialisten, so der Politologe Fernando Vallespín, hatte den Charakter einer kollektiven Reinigung. Nach der Katharsis "sind wir endlich Herrn unseres Schicksals. Die Demokratie wurde gestärkt". Jetzt setzt die neue sozialistische Regierung in Spanien unter Hochdruck ihr Projekt für eine moderne Gesellschaft in Kraft. Die finster rückständige katholische Kirche verliert an Einfluss.

Frauen und Männer, Homos und Heteros, Junge und Alte bauen gleichberechtigt eine Bürgergemeinschaft auf. Spanien sei der am hellsten leuchtende Stern der europäischen Sozialisten, lobte dieser Tage der schwedische Premier Göran Persson.

So schnell wird man natürlich nicht zum Star. Künstler und Intellektuelle, Köche und Designer hatten ja schon seit Jahren versucht, aus der tausendjährigen iberischen Isolation auszubrechen, die konservative Hälfte der Gesellschaft endlich aufzumischen. Nun der große Bums, der ähnlich starke Schockwellen in die Welt sandte und internationale Aufmerksamkeit weckte wie das Erdbeben von Lissabon 1755: ¡Vamos! Die Spanier gehören plötzlich zu den Trendsettern Europas.

Der Duft der Orangenblüten lockt. Spanien ist weltweit zum zweitwichtigsten Reiseziel aufgestiegen, an Besucherzahlen wie Einkünften. Über 52 Millionen Touristen kamen im vergangenen Jahr, darunter fast zehn Millionen Deutsche, die zweitgrößte Gruppe hinter 16 Millionen Briten. Auch in diesem Sommer sollen die meisten Auslandsreisen aus Deutschland wieder nach España führen.

Lesen Sie in Teil 2: Wie sich Spanien in den Augen deutscher Urlauber wandelt

Doch für geizgeile Schnäppchenjäger zwischen Schleswig und Garmisch sind Malle, die Kanaren und die Costas inzwischen oft zu teuer. In Osteuropa oder in der Türkei kosten Ferien nur ein Drittel. An Stelle der wilden teutonischen Horden, die nichts als Ballermann, Sonne, Sangría und Mar wollen, sind in diesem Sommer die Trendsetter aus der Wellness-Generation gekommen, die den Süden nicht nur mit der Seele, sondern mit allen Sinnen suchen.

Die Bulli-Generation fühlt sich magisch angezogen von der flimmernden Lebensart, der Fortschrittlichkeit und auch von den noch weithin unentdeckten Spuren einer Jahrhunderte alten mediterranen Kulturen-Melange. Diese neue España-Fraktion löst jetzt die Toskana-Fraktion ab: Selbst deren wichtigster Repräsentant, Außenminister Joschka Fischer, ließ sich zu Ostern von seiner trendigen Freundin auf eine spanische Insel locken. Und dank seiner Empfehlung in einer literarischen Talkshow wurde ein spanischer Roman von Carlos Ruiz Zafón, 40, auch in Deutschland zum Bestseller.

Immer mehr Deutsche haben ihren Süden endgültig hier gefunden. Als Residenten bei den Behörden gemeldet sind zwar nur 68 000 Bundesbürger. "Wer in Spanien war, sehnt sich nach Spanien zurück", befand der Schriftsteller Wolfgang Koeppen schon 1958. "Doch welcher Fremde möchte in Spanien sterben?"

Inzwischen sind das nicht wenige. Aufgrund von Erhebungen der Landesbausparkassen und gemessen an dem regen Besuch der Sprechtage, die von der Bundesversicherungsanstalt in Katalonien, Alicante und Andalusien abgehalten werden, verbringen schätzungsweise bis zu 800.000 Rentner ihren Lebensabend in Spanien. Eine Million Häuser und Wohnungen gehören inzwischen Ausländern.

Für die Urlauber-Elite, die Bildungsanspruch mit gutem Geschmack verbindet, war Spanien lange Zeit ein weißer Fleck auf der Reise-Karte. Während Adelige und reiche Bürger ihre Bildungsreisen seit dem 18. Jahrhundert meist nach Frankreich und Italien lenkten, blieb das Land jenseits der Pyrenäen weithin unbekannt, es galt mehr als Teil Afrikas denn als Zipfel Europas. Johann Jacob Volkmann aus Leipzig, mit dessen Führer in der Tasche sich Goethe auf seine italienische Reise begab, kanzelte 1785 die Unterkünfte und Wirtshäuser der spanischen Hauptstadt ab und fügte für abenteuerlustige Fremde, die sich dorthin durchgeschlagen haben, warnend hinzu: "Von Wein- und Kaffeehäusern weis man vollends gar nichts."

Unergründliches Spanien

Fast hundert Jahre später gerieten endlich die Romantiker besonders über der Orientwelt Andalusiens ins Schwärmen. Nur die wenigsten, wie der Däne Hans Christian Andersen, kannten die Metropolen aus eigener Anschauung. "Granada ist mir, wie Rom, eine der interessantesten Städte der Welt gewesen, ein Ort, wo ich glaubte festwachsen zu können", schrieb der Dichter aus dem kalten nieseligen Norden 1862 in sein Tagebuch. Und der Essayist Alfred Kerr ließ sich dort angesichts der Alhambra, dem Schloss des 1492 von den Katholischen Königen vertriebenen Kalifen Boabdil, genauso hinreißen zu einem hymnischen Preisen der maurischen Zivilisation. "Wachskerzendünne Säulchen. Letzte Lieblichkeit. Nicht Wucht - ein Schweben."

Doch im 20. Jahrhundert schreckte Spanien - wie so oft in seiner bewegten Geschichte - mit Grausamkeit und Barbarei. Im spanischen Bürgerkrieg, den General Francisco Franco als christlichen Feldzug gegen die Getreuen der als kommunistisch verteufelten Zweiten Republik führte, kämpften Deutsche auf beiden Seiten. Das Francoregime igelte sich nach der Niederlage der befreundeten Faschisten in Deutschland und Italien wieder hinter den Bergen ein. Zunächst galt es als politisch nicht korrekt, dem autoritären Regime Einkünfte zu verschaffen. Ähnlich wie das Griechenland der Junta mieden viele die iberische Halbinsel.

Abriss der Bausünden

Erst mit der Abschaffung der strengen Devisenbewirtschaftung Ende 1953 und der Visapflicht 1959 schaffte die Diktatur die Bedingungen für den massenhaften Zustrom von Touristen. 140.000 Pioniere aus Deutschland erkundeten 1955 das exotische iberische Land, fünf Jahre später waren es schon weit mehr als doppelt so viele. Und der Zustrom wuchs stetig, bis das einst exklusive Mallorca zur Putzfraueninsel verkam, Costa Blanca wie Costa del Sol von Hotelkästen förmlich zubetoniert waren und der italienischen Riviera den Rang abgelaufen hatten.

Damit soll jetzt Schluss sein. Der Massentourismus nach dem Muster Sonne-Strand-Drinks, so der Politologe Fernando Vallespín, 50, neu ernannter Chef des staatlichen Amts für Sozialforschung, ist in Spanien an seine Grenzen gestoßen. "Viele Küstenorte werden die hässlichen Bausünden der Boomjahre abreißen müssen." Arenal, Inbegriff all dessen, was auf Mallorca schief gegangen ist, soll demnächst gesprengt und als Park neu errichtet werden. "Der Pauschaltourismus ist ein Auslaufmodell und steckt in Schwierigkeiten", glaubt Tourismusminister José Montilla.

Andere machen die alten Sünden zu Tugenden. So wirbt das von Wolkenkratzern bespickte Benidorm mit glamourösen Plakaten um die Massentouristen. Die neue Werbekampagne "Mucho más que New York", viel mehr als New York, soll das Image der 5th Avenue an die Levante übertragen.

Trotz seiner Millionen Besucher ist das Land noch immer die geheimnisvolle Unbekannte. Das Kulturerbe arabischer Kunst und Wissenschaft ist mindestens ebenso wichtig wie die Etrusker-Reliquien in Italien. Die Zukunft, so hofft die Regierung, gehört den Qualitätstouristen, die bereit sind Zeit und Anstrengung zu investieren, um dies zu entdecken.

Mehr als ein Italienersatz

Ein Beispiel dafür ist der niederländische Autor Cees Nooteboom. Er trampte 1954 erstmals in das iberische Land. Seit über 30 Jahren verbringt er seinen Sommer auf der kleineren Baleareninsel Menorca. Denn er hat die Bekehrung vom Italienfan zum Spanien-Liebhaber, die jetzt immer mehr deutsche Bildungsbürger vollziehen, früh selbst durchlebt.

Nachdem er sich in den Bann von Bella Italia hatte ziehen lassen, war Spanien auf den ersten Blick einen Enttäuschung. "Unter derselben mediterranen Sonne schien die Sprache hart, die Landschaft dürr, das Leben derb, ... es war auf eine widerspenstige Weise alt und unnahbar, musste erobert werden", schrieb Nooteboom 1992 in seinem Buch "Der Umweg nach Santiago". Doch dann beschäftigte ihn "die labyrinthische Vielschichtigkeit der Geschichte", und er erkundete mit dem Auto die "endlosen leeren Landschaften".

Spanien bekennt der Schriftsteller, "ist eine Liebe fürs ganze Leben, das Staunen hört nie auf." Denn in Spanien tut sich dem Kenner ein "grenzenloser Kontinent" auf, in dem jede Region ihre eigene Geschichte, ihre besondere Sprache und Tradition pflegt. "Was für ein Wahnsinn", befindet daher der Niederländer, "dass die meisten Menschen in Spanien nicht weiter kommen als bis zum Brennglas der Ostküste."

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