Spanien rockt Zapateros kunstvolle Verbündete

Die konservative Regierung Aznar hatte für Kunst und Kultur wenig übrig. Die zuständige Ministerin bekannte gar, keine Bücher zu lesen. Unter den Sozialisten mischen sich die Künstler politisch wieder ein. Eine SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Wandel einer europäischen Mittelmacht.

Von , Madrid


Madrid - Der zierliche Mann mit dem schütteren Haar und der überdimensionalen schwarzen Intellektuellen-Brille stieg vorsichtig die Stufen der halsbrecherischen knallrot beleuchteten Treppe hinunter. Ovationen des begeisterten Publikums begleiteten den amerikanischen Filmemacher Woody Allen, 68, der dem Festival von San Sebastián Glanz verlieh, indem er zur Eröffnung am Freitag seine neuste Tragikomödie "Melinda und Melinda" zeigte.

Unten auf der Bühne erwartete den in weißem, offenen Hemd und grauer Hose erschienenen Star sein prominentester einheimischer Kollege: Pedro Almodóvar, 54, durfte seinem vielbewunderten Vorbild den Ehrenpreis Donostia für das Gesamtwerk in die Hand drücken.

Der nonchalante New Yorker, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, den Oscar-Verleihungen fernzubleiben, lobte in perfekter Bescheidenheit seinen Laudator: "Almodóvar ist ein wunderbarer Filmemacher. Ich müßte eigentlich ihm den Preis überreichen."

An Pedro Almodóvar, fasziniert jenseits der Pyrenäen und in Übersee das Subversive. Seit seinen Anfängen in der wilden Movida, dieser alle Sparten umfassenden artistischen Bewegung der 80er Jahre, die darauf aus war, die bürokratisch graue Hauptstadt des verkniffenen Franco-Regimes aus den Angeln zu heben, hat der Filmemacher all das aufs Bösartigste belichtet, was in seiner Heimat bis dahin heilig war.

Das Ende des Männlichkeitswahns

Almodóvar hat dem Franquismus mit der erzkatholischen Macho-Moral den Garaus gemacht. Seine Streifen bevölkern drogensüchtige Transvestiten und Huren, geschlechtsumgewandelte Väter mit Titten, schwangere Nonnen. Er lässt seine schrägen Figuren agieren, als wären sie die Normalsten. Das Geheimnis: "Ich versetze sie in alltägliche häusliche Situationen und Beziehungen." Eine Frau tötet den geliebten Torero mit der Haarnadel durch einen Nackenstich wie einen Stier. Eine Matadora kniet sich aus Liebe zu einem Kollegen in der Arena vor den Stier und läßt sich aufspießen. Zwar verspüre er gar nicht den Druck, Tabus zu brechen, sagt der international wohl bekannteste spanische Cineast. Es geht ihm wie von selbst von der Hand, die spanische Gesellschaft von einer Sinnkrise in die nächste zu stürzen.

Spanisches Cannes

Das traditionsreiche Kinofestival von Cannes trug in diesem Mai sein spanisches Gesicht. Almodóvars gigantisches Konterfei bedeckte eine Seitenfront des Rathauses. Der Filmemacher durfte mit seinem neusten Werk, "Die schlechte Erziehung" die Festspiele eröffnen - eine Ehre, die nie zuvor einem Spanier zuteilgeworden war. Voriges Jahr war der kleine Mann aus La Mancha schon in den USA in den Kino-Himmel gehoben worden. Er holte als bester Regisseur den Oscar nach Hause für sein Melodrama "Sprich mit ihr".

In Spanien kam er mit seinen auf die Spitze getriebenen Verweisen auf nationale Eigenarten nicht immer gut an. Auch mit "La mala educación", einem schwarzen Film über das Liebesdreieck zwischen einem Priester und zwei Klosterinternatsschülern, das in der Francozeit und während der Movida spielt, ging die heimische Presse jetzt eher verächtlich um. Doch die Zuschauer, besonders im Ausland, lieben Almodóvar.

Neue Literatur

Die Literaturszene hat José Angel Mañas umgepflügt, seit sich der damals 22 jährige Madrilene mit seinem ersten Buch, "Die Kronen Bar", 1994 ins Finale des angesehenen Nadal-Preises schrieb. Der studierte Zeitgeschichtler hatte als erster das Leben der jungen verwöhnten spanischen Großstädter so dargestellt, wie Erwachsene es nie mitbekommen. Die Helden sprechen direkt zum Leser. In ihren Dialogen charakterisieren sich verschiedenen Szenecliquen über ihre Slangs.

Die Schüler aus der gehobenen Mittelschicht ziehen nachts durch Bars, Clubs und Tekknotanzpaläste, koksen, schmeißen Pillen ein, saufen, rauchen Marihuana und Heroin, veranstalten Wettrennen auf der Autobahn im Sportwagen der Eltern. Sie sind besessen von Sex und Gewalt. Die Sinnkrise hat das Herz von Madrid erreicht.

Mañas hat denen auf den Mund geschaut, die nie lesen. Und sie haben seine Kronen-Bar verschlungen. Der vielstimmige Kultroman, der mit Mord endet, verkaufte über 100.000 Exemplare, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die Verfilmung lief in Cannes. Fortan hießen die Kids aus der madrilenischen Postfranquismusgeneration "jóvenes kronen". Und die spanischen Verlage rissen sich plötzlich um die Manuskripte junger Frauen und Männer.

Zehn Jahre nach seinem großen Erfolg hat der Autor gerade sein siebtes Buch beendet, einen beissenden Madrid-Krimi. Der spielt in der von Neid und Korruption gesättigten Szene junger Schreiber, Photographen und Filmer. Madrid zeichnet Mañas als verdorbene Hauptstadt der Immobilienspekulation: "Die Gebäude im Bau und die Kräne, die sie umgaben wie Vogelscheuchen, erschienen dir als Vorstoßtrupp eines Besatzerheers, das bald alle brachen Felder einnehmen würde."

Dass solche Filme und Bücher, die an den Wurzeln der Gesellschaft graben, Ausdruck einer neuen Epoche sind, wollte der Obrigkeitsstaat des abgewählten konservativen Ministerpräsidenten Aznar schlicht nicht wahrhaben. Auf den Empfängen des ehemaligen Regierungschefs "für die Welt der Kultur und des Sports" tummelte sich vornehmlich das alte Spanien: Radprofis und Toreros neben Operettendiven und einigen Korrespondenten rechter Blätter.

Konservatives Kunstverständnis

Seine erste Kultusministerin, heute Landeschefin der Region Madrid, verlangte, dass die Werke auf dem Spielplan des Teatro Real nicht zu lange dauern, damit man anschließend noch zum Abendessen gehen kann. Die letzte lehnte es ab, eine Rede zu Beginn der Buchwoche zu halten, weil sie keine Literatur lese. Dieselbe versuchte vor einem Jahr beim Film-Festival in San Sebastián die Uraufführung einer Dokumentation über das Baskenproblem zu verhindern, weil der Regisseur angeblich zu viele Separatistenfreunde interviewt habe.

Ministerpräsident Zapatero: Die Kultur wieder ernst genommen
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Ministerpräsident Zapatero: Die Kultur wieder ernst genommen

Doch nun ist eine neue Zeit angebrochen in Spanien. Künstler und Intellektuelle mischen sich ein ins öffentliche Leben wie nie zuvor seit dem Tod Francos und der Annahme einer demokratischen Verfassung 1978. Der neue Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero, 44, schwingt sich zum Hoffnungsträger der neuen spanischen Bürgerkultur auf. Knapp eine Woche, nachdem der sozialistische Staatsrechtler vor dem König seinen Amtseid geleistet hatte, unternahm er eine Dienstreise in seine Heimatstadt León.



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