Junge Spanier und Portugiesen Die verlorene Generation kehrt heim

In der Wirtschaftskrise flohen Scharen junger Leute aus Spanien und Portugal - und zwar ausgerechnet die gut Ausgebildeten. Jetzt wagen viele den Neuanfang daheim. Auch wenn sie dafür Opfer bringen müssen.

Von Portugal nach Nordirland und wieder zurück: Tiago Loureiro, 36
Bruno Colaco

Von Portugal nach Nordirland und wieder zurück: Tiago Loureiro, 36

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Die verlorene Generation sitzt an einem Freitagabend in Berlin und hört genau zu. Rund 50 Spanierinnen und Spanier drängen sich in einen Saal des Kulturinstituts Instituto Cervantes. Die meisten sind unter 40 Jahre alt, darunter Ärzte, Handwerker, Wissenschaftler. Die meisten von ihnen waren während der spanischen Wirtschaftskrise ab 2008 nach Deutschland ausgewandert. Jetzt wollen sie zurück nach Spanien. Zurück in die Heimat, die ihnen noch vor ein paar Jahren keine Hoffnung auf ein würdiges Leben bot.

Vorne auf der Bühne steht Raúl Gil Benito, "Volvemos" heißt seine private Organisation, "Wir kehren zurück". Gil veranstaltet den Abend, neben ihm gestikuliert der spanische Staatssekretär Agustín Torres. Die sozialistische Regierung in Madrid arbeitet mit "Volvemos" zusammen. Das Ziel der beiden Männer: Sie wollen die verlorene Generation zurückgewinnen - und ihr die Rückkehr nach Spanien so leicht wie möglich machen. Im Angebot sind persönliche Skype-Beratungen, Weiterbildungskurse, finanzielle Hilfe.

Wanderte selbst in der Wirtschaftskrise nach Berlin aus: Raúl Gil, Co-Gründer von "Volvemos"
Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Wanderte selbst in der Wirtschaftskrise nach Berlin aus: Raúl Gil, Co-Gründer von "Volvemos"

Eine der ersten Fragen, die ihnen gestellt wird: "Wer hilft uns, wenn wir schon in drei Wochen zurückwollen?"

Es ist etwas im Umbruch auf der iberischen Halbinsel. Die jungen Leute, die vor einem Jahrzehnt vor der Massenarbeitslosigkeit flohen, kommen nach Hause. 2018 kehrten 83.728 Spanier aus dem Ausland zurück; erstmals seit dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise wanderten mehr Spanier ein als aus. Allein "Volvemos" hat bereits mehr als 600 Menschen bei der Rückkehr nach Spanien geholfen.

Der Nachbar Portugal entwickelt sich ähnlich. In der Krise hatten eine halbe Million Portugiesen das Land verlassen - und das bei einer Gesamtbevölkerung von nur rund zehn Millionen. Doch bereits seit 2017 übertrifft die Zahl der Rückkehrer wieder die der Auswanderer. Nun hat die Regierung ein zusätzliches Programm aufgelegt: Sie bietet Remigranten einen Steuernachlass und bis zu 6500 Euro Starthilfe. Wer sich selbstständig machen will, bekommt einen Kredit.

Endlich neue Jobs, so mancher schlecht bezahlt

Beide Länder haben diese Trendwende herbeigesehnt. Sie erleben derzeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, wachsen wieder, Spanien bereits das fünfte Jahr in Folge. In Portugal sind 30.000 Stellen unbesetzt, die Arbeitslosenquote liegt bei 6,5 Prozent, der niedrigste Stand seit 15 Jahren.

Das Land gilt als hip, Lissabon als Hub für Start-ups. Auch wenn die Jugendarbeitslosigkeit noch immer hoch ist und viele der neuen Jobs befristet und schlecht bezahlt sind: Spanien und Portugal können gut ausgebildeten Landsleuten wieder eine Perspektive bieten. Auch der zukünftigen Elite der iberischen Halbinsel - der Generation Erasmus, die zwischenzeitlich in London, Paris oder Berlin ihr Glück gesucht hatte.

In einem Café neben dem Museo del Prado in Madrid sitzt Irene Sánchez, in schickes Schwarz gekleidet und mit fröhlichem Lachen. Auf Deutsch, fast ohne Akzent, erzählt die 26-Jährige, wie eine Stadt im Schwarzwald ihr Leben verändert hat.

Abenteuer Schwarzwald: Irene Sánchez, 26, schlug sich durch - und kehrte doch nach Madrid zurück
Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Abenteuer Schwarzwald: Irene Sánchez, 26, schlug sich durch - und kehrte doch nach Madrid zurück

Als sie 2015 nach Villingen-Schwenningen zog, kam Sánchez für ein Erasmus-Jahr. Zuhause in Madrid studierte sie Eventmanagement, eigentlich wollte sie wieder zurück. Aber damals war die spanische Immobilienblase schon lange geplatzt, der Arbeitsmarkt ein Albtraum. Also blieb Sánchez. Die Möglichkeiten in Deutschland, einen guten Job zu ergattern, schienen ihr weitaus größer. "Ich musste mich entwickeln", sagt sie. "Denn ich wusste nicht, ob Spanien sich entwickeln würde."

In Villingen-Schwenningen besuchte Sánchez die Hochschule, machte Praktika, später einen Master in Berlin. Sie wohnte im Holzhaus eines älteren deutschen Paares, verlegte ihr Mittagessen von 14 auf 12 Uhr, lernte Deutsch: A1, A2, B1, B2, C1 - wichtige Meilensteine im Leben einer Einwanderin.

Ihre Abschlussarbeit schrieb Sánchez bei Daimler. Im Anschluss bekam sie bei dem Autobauer einen Job in Stuttgart. Sie konzipierte digitale Marketingkampagnen für die Strategie-Abteilung, verdiente gut, mehr als in Spanien, ein Traumjob.

Selbst die Kollegen waren nett. "Die Zeit in Baden-Württemberg war vielleicht die glücklichste Zeit meines Lebens", sagt Sánchez heute. Noch heute liest sie deutsche Bücher. "Diesen Teil meiner Persönlichkeit werde ich nie wieder verlieren, sagt sie.

Das Wissen der Rückkehrer nutzen

Menschen wie Irene Sánchez meint Staatssekretär Agustín Torres, wenn er sagt, dass Spanien von den Rückkehrern profitieren werde. Sie hätten im Ausland viel gelernt, sich durchgebissen. Den Brain-Drain will er nicht nur stoppen, sondern umkehren - und für Spanien nutzbar machen. Die Auswanderer sollen neue Ideen, ihr angehäuftes Wissen mitbringen. 50 Maßnahmen sieht sein "plan de retorno" dafür vor. 24 Millionen Euro will seine Regierung dafür ausgeben. Ein Pilotprojekt läuft bereits.

Auch Portugal braucht die Rückkehrer, um nicht den Anschluss zu verlieren. Die Bevölkerung des Landes schrumpft, die Geburtenrate ist so niedrig wie kaum sonst irgendwo in Europa. Besonders im Gesundheitswesen fehlen schon jetzt die Fachkräfte.

Tiago Loureiro hat sich das zunutze gemacht. Der drahtige 36-Jährige mit den grauen Schläfen erzählt, wie er in der Kleinstadt Santiago do Cacém eine feste Anstellung fand. Ausgerechnet hier, zwei Autostunden von Lissabon entfernt, im dünn besiedelten und einst bitterarmen Süden des Landes.

Berufserfahrung und Staatsexamen hatten dem Krankenpfleger nichts genützt, als der portugiesische Staat in den Krisenjahren am Gesundheitswesen sparen musste. Deshalb ging Loureiro 2015 ins nordirische Belfast. Dort verdiente schon einer seiner drei Brüder gutes Geld in einer Klinik, die auch ihn gern einstellte. Lächelnd erinnert er sich an die Bezahlung: 3000 Pfund netto, damals an die 3500 Euro. Zudem stand ihm eine Neubauwohnung im Zentrum zur Verfügung, für schlappe 500 Pfund Miete.

Und dennoch: "Ich war nicht zufrieden in Großbritannien." Das Essen, das kalte Wetter. Er habe es als schwierig empfunden, "in die nordirische Gesellschaft hereinzukommen". Schließlich wollte er ja mal eine Familie gründen, sagt er. "Ich wollte immer zurück."

Nachdem er sich ein Jahr lang überall in Portugal beworben hatte, bekam er endlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Zwar nicht in der Nähe seiner Eltern im Norden Portugals, wie er es sich gewünscht hatte. Auch verdient er viel weniger, nach Abzug der Steuern hat er nur 1100 Euro zur Verfügung, zuzüglich Nachtdienstvergütung. Und das, obwohl er auf der Onkologie Krebskranke beim Sterben begleitet.

360 Euro Monatsmiete: Tiago Loureiro im Eingangsbereich seiner Wohnung
Bruno Colaco

360 Euro Monatsmiete: Tiago Loureiro im Eingangsbereich seiner Wohnung

Doch die gute Lebensqualität, für die er weniger Geld benötigt, wiegt es für ihn auf. Die Strände des atlantischen Ozeans sind nur eine halbe Autostunde entfernt. Loureiro wohnt in einem einfachen Apartmenthaus mit Blick auf die hügelige Landschaft.

Blumenkübel stehen auf den Balkonen. Er hat zwei Schlafzimmer, Bad, vom offenen Wohnzimmer mit Essecke und Ausziehsofa geht es in die Kochnische. Das alles für 360 Euro Monatsmiete. Seine Freundin jobbt in einem Modegeschäft in der Innenstadt. In dieser friedlichen Umgebung, sagt der Krankenpfleger, könne er es sich gut vorstellen, Kinder groß zu ziehen.

Sie kamen, weil sie mussten - und gehen, weil sie können

Oft sind es persönliche Gründe, die Portugiesen und Spanier veranlassen, zurückzukehren. Da ist die Ärztin aus der Berliner Charité, die sich von ihrem deutschen Mann getrennt hat: Ohne die Hilfe ihrer Eltern schaffe sie es nicht, sich um ihren Sohn zu kümmern und gleichzeitig weiter zu arbeiten. Also will sie zurück nach Hause. Da ist der Ingenieur, der in Norddeutschland gut verdiente, aber mit seiner Freundin lieber in Spanien alt werden will. Und da ist der Bauarbeiter, der die "toten Sonntage" im Hamburger Nieselregen einfach nicht mehr aushielt. Mit dem Wirtschaftsaufschwung kam für sie die Wahlfreiheit.

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Rückkehr nach Spanien und Portugal: Die verlorene Generation kehrt heim

Bei Irene Sánchez war es eine Krankheit, die eine Entscheidung herbeiführte. Am 19. Juli 2018 liegt Sánchez im Krankenhausbett in Stuttgart. Tage zuvor war ihre linke Gesichtshälfte plötzlich eingeschlafen, das Gesicht war taub. Ihr Vater stieg sofort ins Flugzeug, als er davon hörte, ist mit im Raum, als Sánchez die Diagnose erfährt: Multiple Sklerose. Eine unheilbare Krankheit.

"In diesem Moment wusste ich: Ich muss nach Hause", erinnert sie sich. "Die Krankheit war aber nur der Auslöser für meine Entscheidung - nicht der Grund". Im Krankenhausbett habe sie endlich entschieden, was ihr schon monatelang durch den Kopf gegangen war. Es sei ein Moment der Klarheit gewesen: Langfristig wolle sie bei ihrer Familie sein, vor allem jetzt, wo sie sich so große Sorgen um sie macht.

Also kündigte sie den Traumjob bei Daimler, für den sie so hart gearbeitet hatte; suchte wochenlang nach neuen Stellen, erkundigte sich schließlich bei "Volvemos", schrieb ihren Lebenslauf. Mehrere Coachings später bekam sie eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch: bei Daimler, diesmal in Madrid. Ihre Erfahrungen in der deutschen Niederlassung seien ein Vorteil gewesen, glaubt Sánchez. Sie bekam den Job. Auch die spanische Botschaft unterstützte sie, half bei der Haushaltsauflösung und mit den Papieren.

"Jeden Tag einen glücklichen Moment": Irene Sánchez, im Regen von Madrid
Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

"Jeden Tag einen glücklichen Moment": Irene Sánchez, im Regen von Madrid

Heute macht Irene Sánchez jeden Morgen Yoga, trainiert ihren Körper, noch vor der Arbeit. Das Geld reicht, um gut in Madrid zu leben. Wenn sie morgens mit ihrem kleinen Ford über die Autobahn fährt, sieht sie die Berge, die die Stadt umgeben - und weiß, dass sie abends wieder zu Hause sein kann, um mit ihrer Familie Pläne fürs Wochenende zu schmieden. "Durch meine Krankheit muss ich im Jetzt leben", sagt sie. "Gerade habe ich jeden Tag einen glücklichen Moment."

Mittlerweile coacht Sánchez selbst Auswanderer, die zurückwollen, erzählt ihnen bei Instagram oder Skype von ihren Erfahrungen. Seit Freunde und Bekannte mitbekommen haben, dass sie die Rückkehr geschafft hat, fragen sie dauernd nach Tipps.

Nach Deutschland ist Sánchez bisher nur einmal zurückgekehrt. Auch um die ehemaligen Kollegen zu besuchen. Lange Zeit sah sie dem Flug nach Stuttgart ängstlich entgegen. Was, wenn sie erkennen würde, dass sie einen Fehler gemacht hat? Was, wenn sie ihre folgenreiche Entscheidung plötzlich bereuen würde?

"Der Flug war schrecklich", sagt Sánchez. Doch als sie oben auf die Gangway trat, so erinnert sie sich, waren die Zweifel weg. Der Besuch in Deutschland sei schön gewesen, sagt sie. Aber Irene Sánchez ist sich nun sicher: Sie will für immer in Madrid bleiben.

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spmc-12355639674612 14.09.2019
1. Schön und schade zugleich
Schön, dass die Ausgewanderten jetzt für sich eine Zukunft in ihrer Heimat sehen, aber sehr schade, dass sie Deutschland verlassen, denn sie sind ja unsere Kollegen und Freunde.
losmajos45 14.09.2019
2. Ich kann
die Leute gut verstehen ! Niemals wieder würde ich nach Deutschland zurück wollen. In Spanien ist das Leben und auch das Überleben leichter. Man benötigt hier nicht so viel Geld, kein so dickes Auto, kein so großes Haus. Nur ein wenig den Blick für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Hier fließen auch nicht nur Milch und Honig, aber es kann für Leute, die dem irren Dauerstress und der Tristess entfliehen wollen durchaus eine echte Perspektive bilden. Nicht nur im Urlaub. Nicht nur am Meer.
carahyba 14.09.2019
3. Spanien vielleicht?
Für Portugal trifft das nicht zu. Die Löhne und Gehälter verbieten es zurückzukommen. Im Gegenteil viele Ärzte und IT-ler wandern immer noch aus, wenn sie einen Arbeitsplatz bekommen. Antonio Costa wirbt zwar heftig darum, dass die gut ausgebildeten zurückkommen, denn sie werden gebraucht, aber die kommen nur in den Ferien.
elli1965 14.09.2019
4. Spanien hat wieder was zu bieten.
Ich bin selbst von über einem Jahr nach Spanien ausgewandert und kann vieles aus dem Artikel bestätigen. Inzwischen geht es auf dem Arbeitsmarkt wieder aufwärts und die Stimmung dreht sich. Zudem bietet Spanien neben dem Klima und der Natur ein wesentlich gelasseneres Lebensgefühl als Deutschland. Wenn ich an Deutschland denke, dann fällt mir dazu derzeit AfD, Schwarze Null, BER und Stuttgart 21 ein; nicht gerade ein Aushängeschild.
PETERJohan 14.09.2019
5. Es gehen ja nicht alle wieder zurück
Wenn die Intelligenz geht, schadet es dem Land.Und so sollten wir europäisch denken. Die jetzt zurück gehen haben ihren Horizont erweitert, Kinder hier zur Welt gebracht und haben damit eine Verbindung zu uns geschaffen.
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