Spanien vor der Wahl Die Geistlichen marschieren wieder

Spanien wählt am Sonntag ein neues Parlament - und die Katholiken des Landes kämpfen für eine Rückkehr der Konservativen an die Macht. Zapateros Reformpolitik ist den Kirchenmännern ein Dorn im Auge. Vor allem der Erzbischof von Madrid rebelliert offen gegen die weltliche Führung.

Hamburg - Ein kleiner Mann im schwarzen Habit mit leuchtend rotem Käppchen ist derzeit der gefürchteste Gegner von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero. Der Erzbischof von Madrid beansprucht nicht nur die Macht über die Seelen der schwindenden Zahl von Gläubigen in den Kirchen der spanischen Hauptstadt. Kardinal Antonio María Rouco Varela, 71, will Spaniens Politik wieder unter das Joch der Kirche zwingen.

Der schwarze Krieger tritt auf wie Gott in Spanien: Er traut den Kronprinzen mit aller Entfaltung kirchlichen Prunkes, er tauft die Königskinder. Er glänzt als Gastgeber von Papst Johannes Paul II., der ihn ins Kardinalskollegium aufgenommen hat. Benedikt XVI., mit dem er befreundet ist, unterstützte ihn jüngst per Videobotschaft: Denn der Kardinal hat sich an die Spitze des kirchlichen Widerstands gegen die sozialistische Regierung gestellt.

Und am Dienstag schaffte er sein Comeback an die Spitze der Spanischen Bischofskonferenz, die er schon zweimal, von 1999 bis 2005, geleitet hatte. Er gewann seine Wahl auf Anhieb. Zapatero gratulierte eilig per Telegramm und wünschte sich "Dialog und Zusammenarbeit". Doch, wenn es nach dem einflussreichsten Kirchenmann Spaniens geht, kommt es dazu nicht. Bei der Parlamentswahl am Sonntag sollten die Sozialisten verlieren, die Konservativen sollten, wie er, zurück an die Macht gelangen.

Wie eine Kriegserklärung klangen vor wenigen Wochen Roucos Worte, als er 50 Bischöfe, zwei Kardinäle, die Führer katholischer Organisationen und Tausende Eltern und Kinder auf dem Kolumbus-Platz im Herzen von Madrid zu "einem Fest der Familie" versammelt hatte. Es betrübe die Kirche, festzustellen, dass die spanischen Gesetze "zurückgewichen sind hinter die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen". Zum Abschluss forderte der Kardinal-Erzbischof nichts Geringeres als eine ganz neue "juristische Zivilisation".

Was die Spanier da von dem kleinen schwarzen Mann zu hören bekamen, war ein Aufruf zur Rebellion gegen ihre weltliche Führung. Der zähe Galizier richtet seinen Angriff gegen die Anhänger der Regierung nicht nur mit Worten.

Heere von Schwarzröcken auf die Straßen

Seit die Sozialisten in Spanien regieren, führt der streitbare Gottesmann voller Lust Heere von Schwarzröcken auf die Straßen. Die Geistlichen marschieren wieder, nicht nur hinter Kruzifixen und Heiligenfiguren wie es im Land seit Jahrhunderten Tradition ist, sondern hinter Spruchbändern und Lautsprecherwagen bei Demonstrationen.

Denn Zapatero, der Staatsrechtler aus León, hat gerade in den vier Jahren seiner Amtszeit versucht, das Zusammenleben der Spanier so zu modernisieren, dass sie Anschluss finden an die fortschrittlichsten unter den Europäern. Reformen etwa zur Beschleunigung des Scheidungsverfahrens, zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als Ehe, zur Gentechnologie oder zur Einführung eines Schulfachs der Bürgerkunde fanden zwar die Mehrheit im Parlament zu Madrid. Doch die Gesellschaft ist gespalten. Die eine Hälfte der Spanier folgt begeistert dem progressiven Kurs der Sozialisten, die andere flüchtet sich in den Schutz der Kirche.

Der Zorn der Kirche war entfesselt, die Homo-Ehe galt den Bischöfen als "schlimmste Katastrophe in 2000 Jahren". Vergebens versuchten die Sozialisten, die Schwarzröcke wieder zu besänftigen. Sie erhöhten gar den Anteil an der Einkommensteuer, welcher der Kirche zufließt. Religionsunterricht blieb Pflicht, und Gesetzesvorhaben über Sterbehilfe oder eine Fristenregelung bei der Abtreibung in der Schublade.

"Moralische Orientierung" für die Wahl am Sonntag

Kardinal-Erzbischof Rouco, der schon als Papstanwärter gehandelt wurde, schwingt nun die Bibel gegen die demokratische Verfassung von 1978. Diese definiert Spanien als kirchlich neutralen Staat, der nicht mehr an die katholische Religion gebunden ist. Rouco und seine Leute versuchen jedoch "Gottes Gesetz" auszuspielen gegen die von Politikern verabschiedeten Gesetze des Rechtsstaats.

Deutlicher als je zuvor hatte die Bischofskonferenz eine "moralische Orientierung" für die Wahl vom Sonntag formuliert: Die Katholiken dürften ihre Stimme nur denen geben, die "das menschliche Leben verteidigen von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende". Die Prälaten nennen zwar keine Partei beim Namen, doch um jeden Zweifel auszuräumen, beklagen sie noch die "wachsenden Schwierigkeiten, das freie Studium der katholischen Religion in den Lehrplänen der öffentlichen Schulen" zu verankern. In einem Land, in dem sich noch 90 Prozent der Bevölkerung als katholisch bezeichnen, aber nur 30 Prozent regelmäßig die Messe besuchen, kommt das dem Aufruf gleich, die konservative Volkspartei PP zu wählen: Die hatte versprochen, ein eigenes Familienministerium einzurichten.

Gegenreformation des kriegerischen Gottesmannes

Spanien ist Schauplatz geworden für einen Rollback, den der Vatikan in seinen ehemals treusten Ländern gegen die weitgehend säkularisierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts begonnen hat. Josef Ratzinger findet in Rouco, der während der sechziger Jahre in München studierte und lehrte, einen eifrigen Verbündeten. Roucos auf Deutsch verfasste Doktorarbeit über "Staat und Kirche im Spanien des XVI. Jahrhunderts" beleuchtet gerade die Zeit, als Spanien nach der Vertreibung der Juden und der Zwangsbekehrung aller Muslime eine rein katholische Nation war. Zeitweise führte der Generalinquisitor Kardinal Cisneros die Regierung.

Cisneros, so sagen manche, sei Roucos heimliches Vorbild. Der kriegerische Gottesmann eignet sich wie kein anderer, um im Auftrag Roms eine Art Gegenreformation gegen die ketzerischen Sozialgesetze der Sozialisten, welche von der Kirche als revolutionär abgelehnt werden, anzuführen.

Vor einem halben Jahrtausend war die Gegenreformation der Katholiken schon einmal von Spanien ausgegangen, wo Ignacio de Loyola den Jesuitenorden gründete und gegen die erstarkenden Lutheraner in Nordeuropa ins Feld führte. Gerade Spaniens Geschichte ist geprägt vom absoluten Machtanspruch der Katholiken. Zuletzt noch führte General Francisco Franco, den Bürgerkrieg als Kreuzzug gegen Andersdenkende. Vier Jahrzehnte lang hat der Diktator bis zu seinem Tod 1975 dem Land eine nationalkatholische Ideologie aufgezwungen. Die Geistlichen hatten das Monopol auf die Erziehung an den Schulen.

Gerade die Volkspartei PP, Nachfolgerin der Alianza Popular des Franco-Ministers Fraga Iribarne, will von dem Rückzug in die dunkle spanische Tradition profitieren. Gemeinsam setzen die "Teocons", wie die progressive Tageszeitung "El País" das Bündnis zwischen neokonservativer Rechter und traditionsseligen Theologen in Anlehnung an die amerikanischen "Neocons" nennt, zur Wiedereroberung der Macht an.

Ganz oben auf der Wahlliste: Erzkatholische Haudegen

Schon José María Aznar förderte in seinen Regierungen zwischen 1996 und 2004 Mitglieder von ultrakonservativen katholischen Bewegungen wie Opus Dei und den Legionären Christi. Der Nachfolger des Schnauzbarts, Mariano Rajoy, 52, der jetzt zum zweiten Mal als Spitzenkandidat gegen Zapatero antritt, hat erzkatholische Haudegen ganz oben auf seine Wahlliste gesetzt. Liberalere verloren in der PP an Gewicht. Der ehemalige Ministerpräsident Aznar leitet die konservative "Stiftung für soziale Analysen und Studien", FAES, die seiner Partei Programm und Wahlstrategien vorgibt. Der Thinktank kombiniert traditionell katholische Werte mit dem zentralistisch spanischen Nationalismus, der sich gegen Eigenständigkeitsbestrebungen von Basken und Katalanen richtet.

In den Fernsehdebatten griff der Herausforderer Rajoy – ganz nach dem Drehbuch der kleinen Brüder der Washingtoner Neocons bei der FAES – nicht nur wegen seiner Verhandlungen mit den baskischen Eta-Terroristen an. Auch in der Ausländerpolitik vollzog die PP einen populistischen Schwenk. Rajoy schlug Kopftuchverbot für Musliminnen vor. Die Zuwanderer sollten nur eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, wenn sie einen Integrationsvertrag unterzeichnen. Ein Teil der Rechten "hat sich in eine Sekte verwandelt", urteilt daher der Parteichef der Vereinigten Linken, Gaspar LLamazares, möglicher Koalitionspartner der Sozialisten.

"Homo-Ehe greift spanische Tradition der Familie an"

Als neue Geißel der Sozialisten im Madrider Parlament machte die stellvertretende PP-Fraktionssprecherin María Salom von sich reden. Die studierte Ökonomin aus Mallorca führt jetzt die Kandidatur der Volkspartei auf der Baleareninsel an. Die schlanke kämpferische Frau spricht wie einst die Kreuzritter vom "Heiligen Land", wenn sie Israel meint. Dort hat sie geheiratet. Sie hält Zapateros Frauenpolitik für des Teufels. Aber hat Zapatero nicht eine Frauenquote selbst in Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen durchgesetzt? "Purer Bluff", der nur einer Elite zugute käme, schießt Salom los wie ein Maschinengewehr. Für den Baby-Scheck, für Gratisplätze in Krippen oder die Finanzierung der Pflege von Behinderten und Alten zu Hause stehe nicht genug Geld im Haushalt zur Verfügung.

Die Sozialisten hätten die "spanische Tradition der Familie mit der Homo-Ehe angegriffen", nimmt Salom die Vorwürfe der Bischöfe auf. Ihre Partei lässt nun prüfen, ob es nicht gegen die Verfassung verstößt, eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft Ehe zu nennen und ihr gar das Recht auf Adoption zu gewähren. Das neue Pflichtfach Bürgerkunde bezeichnet die Konservative als "Indoktrination zum Laizismus". Die Eltern müssten das Recht behalten, selbst zu bestimmen, welcher Moral die Kinder folgen sollen. Das hatte auch Kardinal Rouco gefordert.

Ratschläge für ein gottgefälliges Leben aus dem Radio

Beste Argumentationshilfe erhalten theokonservative Politiker wie Salom von der Medienkette der Bischöfe. Jeden Morgen verspritzt der Moderator im Cope-Radio Gift und Beleidigungen gegen Regierungspolitiker und Abweichler aus der Volkspartei. Nachmittags stimmt Cristina López Schlichting, 42, die Hausfrauen mit ihren Ratschlägen für ein gottgefälliges Leben ein. Da werden Menschen zum Thema Homosexualität befragt, "die es geschafft haben, sich daraus zu befreien und ihre Probleme zu überwinden". Die starke Blonde mit einer Mutter aus Hamburg fühlt sich "der Tradition des christlichen Humanismus verpflichtet".

Zuweilen findet Schlichting sogar die Theokons von der PP noch zu lasch: Sie propagiert rein "natürliche Verhütungsmethoden" und führt einen erbitterten Krieg gegen die Abtreibung. Die gesetzliche Indikationenregelung, an der die Volkspartei festhalten will, werde zu großzügig ausgelegt. Es gebe in Spanien "einen ideologischen Hass gegen die Lebensschützer". Und Jubel war aus den Cope-Kommentaren zu hören, als in Madrid zwei Abtreibungskliniken polizeilich geschlossen wurden.

Die Wählerschaft der Volkspartei steht dank der Kampagne der Theokons treu hinter dem Kandidaten Rajoy. Doch das reicht noch nicht zum Sieg. Deshalb setzt der blasse Herausforderer darauf, die moderaten PSOE-Anhänger so zu verunsichern, dass sie am Sonntag zu Hause bleiben. Noch führt die Regierungspartei laut Umfragen mit zwei bis vier Punkten, vorausgesetzt die Wahlbeteiligung ist hoch. Deshalb hoffen die Sozialisten, der Kardinal und seine Theokons könnten die traditionell wahlfaulen Linken an die Urnen treiben – wie 2004 der Irak-Krieg und der verlogene Versuch der PP, die Attentate auf Nahverkehrszüge der baskischen Eta in die Schuhe zu schieben.

Zum Wahltag schauen die Katholiken wieder auf den kleinen schwarzen Mann. Sie hoffen, dass Kardinal Rouco als frisch gekürtes Oberhaupt der Bischöfe am Sonntag eine gepfefferte Predigt von der Kanzel lassen könnte, wie unlängst auf dem Kolumbus-Platz.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.