Der Haftbefehl vom 28. Januar 2009 trägt das Wappen der Republik Österreich. Auf Seite vier findet sich ein kleines Häkchen von großer Bedeutung. Denn dem Gesuchten wird nicht weniger vorgeworfen als "vorsätzliche Tötung". Der europäische Haftbefehl gilt einem russischen Staatsbürger mit dem Namen Letscha B., geboren im März 1975, letzte Anschrift "Unterhimmler Straße" im österreichischen Steyer.
Letscha B. ist dringend verdächtig, am 13. Januar 2009 die tödlichen Schüsse auf den Exil-Tschetschenen Umar Israilow abgegeben zu haben, jenen Mann, der dem Herrscher Tschetscheniens Folter vorgeworfen hatte. Letscha B. sei "eindeutig überführt", heißt es in den Ermittlungsakten, Augenzeugen hätten ihn identifiziert. Nur: Von Letscha B. fehlte zuletzt jede Spur. Deshalb läuft der Prozess in Wien bisher nur gegen drei Männer, die an dem Mord beteiligt gewesen sein sollen.
Es ist ein spektakuläres Verfahren - bei dem es auch darum geht, ob aus dem fernes Grosny Killer bis nach Wien ausschwärmen können. Kadyrow selbst beteuert seine Unschuld, er gibt selbst deutschen Zeitungen Interviews, über seine Vernehmung per Video wird spekuliert.
Vielleicht könnte Kadyrow dann ja auch aufklären, wann er den gesuchten Letscha B. getroffen hat. Denn Tschetschenen wollen Letscha B. nun entdeckt haben, auf einem Video des russischen Fernsehens. Stimmt dies - es wäre eine politische Sensation mit Fernwirkung.
Ist Letscha B. in Grosny?
Vor wenigen Tagen zeigte der russische Fernsehsender Westi einen Bericht von einem Treffen in Grosny, Mitte September kamen demnach dort Tschetschenen zusammen, um über die "Versöhnung der Bluträcher" zu beraten - noch wird die archaische Blutrache angewandt. Die eigentliche Sensation des Beitrages ist nach zwei Minuten und 46 Sekunden zu sehen: Letscha B., "der Rotblonde", ist da zu sehen. Er trägt einen Kampfanzug und eine Tjubetejka, die typische tschetschenische Kopfbedeckung. Dem Video ist noch zu entnehmen, dass ein Mann namens Sultan Mirsajew, der Mufti Kadyrows, zum Leiter der Versöhnungskommission ernannt wurde.
Ein gesuchter Mörder auf dem Friedenskongress? Tschetschenen aus Wien versicherten gegenüber SPIEGEL ONLINE, Letscha B. eindeutig erkannt zu haben, jenen Mann also, dessen Spur die die Ermittler verloren. Er floh vermutlich über Tschechien, Polen und Weißrussland. Am 25. Januar 2009 konnte sein Telefon ein letztes Mal geortet werden, in Russland. Diese Flucht, sagen die Ermittler, habe zusätzlich den Verdacht gegen ihn belegt.
Zuvor hatte er unweit des Tatortes seine Jacke in einen Container geworfen, an ihr wurden seine DNA gefunden. Und Schmauchspuren. In den Akten heißt er deshalb der "Haupttäter".
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Der Allmächtige: Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow liebt den großen Auftritt - ...
... wie hier in der Hauptstadt Grosny mit einer goldenen Pistole. Aber ist er auch bereit, politische Gegner selbst im westlichen Ausland liquidieren zu lassen?
Spur führt nach Grosny: Der Mord an dem Exil-Tschetschenen Umar Israilow im Januar 2009 in Wien soll von dem flüchtigen Letschi B. begangen worden sein, der nun in in der tschetschenischen Hauptstadt aufgetaucht sein soll (ganz links auf dem Foto) - und damit im Umfeld von Kadyrow.
Fahndungsbild der Polizei: So stellt sie sich den Mörder von Umar Israilow vor.
Protest: Eine Gruppe von Tschetschenen demonstrierte im Januar 2009 nach dem Mord an Israilow.