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08. Dezember 2004, 17:34 Uhr

Spekulation um Giftanschlag

Geheime Krankenakte Juschtschenko

Von Alexander Schwabe

Seit Monaten untersuchen Ärzte der Wiener Nobelklinik Rudolfinerhaus das Krankheitsbild Juschtschenkos - noch immer ohne vorzeigbares Ergebnis. Dann verplapperte sich einer der Ärzte, der ukrainische Oppositionsführer sei vergiftet worden. Trotz Dementis erweist sich die Anschlagstheorie als immer wahrscheinlicher.

Juschtschenko nach der Erkrankung
AFP

Juschtschenko nach der Erkrankung

Hamburg - Michael Zimpfer hatte einen anstrengenden Tag. Statt wie die Mehrzahl seiner Landsleute den nationalen Feiertag Mariä-Empfängnis zu begehen, stand er nach Auskunft seines Telefonisten stundenlang im Operationssaal und kam seiner Arbeit nach. Gleichzeitig gingen bei dem Klinikdirektor des Wiener Rudolfinerhauses ständig neue Medien-Anfragen ein.

Gegenüber dem Nachrichtensender N24 sagte Zimpfer: "Ich kann zu diesem Zeitpunkt klar sagen, dass wir noch keinen Giftnachweis haben. Die Vergiftungstheorie ist keinesfalls bestätigt. Das heißt, wir machen jetzt eine Reihe von neuen und spezifischen Tests, aber einen Nachweis haben wir noch nicht."

Dabei hatten die Wiener in der Causa Juschtschenko bereits jede Menge Experten zu Rate gezogen. Blutproben des ukrainischen Präsidentschaftskandidaten wurden angeblich an Labors in Frankreich, Großbritannien und in den USA geschickt. Zimpfer und sein Chefarzt Lothar Wicke hatten auch die Hilfe eines Experten für Militärkampfstoffe angefordert.

Es herrschte wochenlang Sendepause. Dann plauderte Nikolai Korpan, einer der Belegärzte im Rudolfinerhaus, gegenüber der britischen Zeitung "The Times". In einem Interview sagte er, die Mediziner seien sich nun sicher, welche Substanz die Krankheit Juschtschenkos ausgelöst habe. "Er hat diese Substanz von anderen Personen bekommen, die damit eine bestimmte Absicht verfolgt haben." Die Frage, ob er damit sagen wolle, Juschtschenko hätte getötet werden sollen, bejahte Korpan der Zeitung gegenüber: "Ja, natürlich." Vielleicht sei das Gift durch eine Injektion verabreicht worden, vielleicht im Getränk oder im Essen.

Juschtschenko zwei Monate vor der Erkrankung
AFP

Juschtschenko zwei Monate vor der Erkrankung

Nach dem Dementi seines Klinikleiters, relativierte auch Korpan seine Aussagen. Seinen plötzlichen Gesinnungswandel formulierte er gegenüber der österreichischen Zeitung "Standard" wie folgt: "Die Vermutung einer Vergiftung ist bis heute weder bestätigt noch ausgeschlossen worden." Ohne eine weitere Untersuchung des 50 Jahre alten Politikers sei eine genaue Diagnose nicht möglich.

Unter Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht wollte Korpan zu Einzelheiten nicht mehr Stellung nehmen. Dann aber bestätigte er den Bericht der "Times" indirekt doch. Die Ärzte hätten derzeit drei Vermutungen über die Ursache der Erkrankung, gab Korpan bekannt. Alle drei liefen auf eine Vergiftung hinaus. "Mehrere Varianten" würden mit Kollegen aus Frankreich, Deutschland und den USA endgültig untersucht, so der gebürtige Ukrainer. Dass Juschtschenko Opfer eines Attentats wurde, kristallisiert sich damit immer deutlicher heraus.

In Kiew zeigen sich viele Bürger überzeugt, Juschtschenkos Essen sei vergiftet worden. Am Abend des 5. September hatte sich der Politiker zu einem Abendessen mit dem Chef der ukrainischen Staatssicherheit, Igor Smeschko, getroffen. Dieser wollte mit dem Oppositionspolitiker dringend zusammenkommen, um ihm "eminent wichtige Informationen" mitzuteilen. Wenige Stunden später wurde Juschtschenko krank. Er litt unter Unterleibs- und Rückenschmerzen, Gesichtsmuskeln waren gelähmt, er erbrach sich häufig.

Vier Tage später ließ sich der ehemalige Banker nach Wien ins Rudolfinerhaus fliegen, das gerne mit seinen "Penthouse"-Räumen wirbt. Die Ärzte dort stellten Entzündungen in Magen und Dünndarm fest, in der Bauchspeicheldrüse und im Ohr, die Leber war geschwollen und ein Gesichtsnerv gelähmt. Nach einer einwöchigen Behandlung flog Juschtschenko zurück in die Ukraine. Wegen anhaltender Schmerzen besuchte er die Klinik in Wien Anfang Oktober noch einmal und verließ sie am 13. Oktober.

Verschiedene Experten meldeten sich zu Wort. Vor gut zwei Wochen veröffentlichte das Wissenschaftsmagazin "Nature" einen Bericht, in dem Juschtschenkos Hautdeformationen auf eine Dioxinvergiftung zurückgeführt wurden. Die Theorie beruhte allerdings auf einer fragwürdigen Ferndiagnose. Der Londoner Toxikologe John Henry, immerhin Berater des Nationalen Britischen Giftinformationsdiensts, meinte aufgrund von Fotos feststellen zu können, bei Juschtschenkos Hautproblemen handele es sich um "Chlorakne". Dies sei ein charakteristisches Symptom einer Dioxin-Vergiftung, die zu einem erhöhten Krebsrisiko führe. Und Marc Siegel, Dozent an der medizinischen Fakultät der Universität New York, gab aus der Ferne zu bedenken: "Eine Lebensmittelvergiftung scheint unwahrscheinlich, weil schon soviel Zeit verstrichen ist."

Juschtschenkos Kiewer Ärzte gehen davon aus, die rätselhaften Symptome seien durch Chemikalien verursacht worden, die nicht von Nahrung herrührten. Juschtschenko selbst vermutet auch einen Mordanschlag auf ihn. Seinen Anhängern rief er zu, nur sie entschieden über das Schicksal der Ukraine, nicht die Machthaber aus der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei - womit er auf den Chef des Präsidialamtes, Wiktor Medwedtschuk, als möglichen Drahtzieher anspielte. Möglicherweise, so kursieren Gerüchte, stecke die russische Regierung dahinter. Präsident Wladimir Putin wolle verhindern, dass das frühere "Kleinrussland" verloren gehe, weil sich Juschtschenko auf EU- und Nato-Kurs begeben werde.

Offiziell verliefen die Ermittlungen in Kiew ohne Ergebnis. Ein 15-köpfiger Parlamentsausschuss unter Leitung des Abgeordneten Wolodimir Siwkowitsch gab bekannt, Gerichtsmediziner hätten keine Spuren biologischer Waffen in Juschtschenkos Blut, Nägeln, Haaren oder im Urin gefunden. Sonderbar nur, dass die Krankenakte Juschtschenkos österreichischen Medien zufolge von den Wiener Ärzten versiegelt der Staatsanwaltschaft übergeben wurde.

Im Wahlkampf spielt die mutmaßliche Vergiftung Juschtschenkos eine große Rolle. Einerseits wiegt der Vorwurf ans Regierungslager schwer, aus dessen Reihen sei versucht worden, den politischen Gegner zu ermorden. Andererseits instrumentalisierte Ministerpräsident Wiktor Janukowitsch die offensichtliche Krankheit Juschtschenkos. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass der Oppositionsführer eine Amtszeit nicht durchstehen werde. Er stelle ein Sicherheitsrisiko dar, es sei nicht ratsam, ihn als Nachfolger des scheidenden Präsidenten Leonid Kutschma zu wählen.

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