Spezialeinsatz in Bundeswehrgebiet US-Militär startet brachiale Taliban-Jagd in Kunduz

Es war die größte und härteste Offensive in der deutschen Zone Afghanistans: Nahe des Bundeswehrcamps bei Kunduz haben US-Elitetrupps mit afghanischen Soldaten eine Großoffensive gegen Taliban geführt. Fünf Tage und Nächte fielen Bomben, die Rede ist von 133 Toten. Die Deutschen wollten sich nicht beteiligen.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
US-Soldaten (bei Offensive im September): Massive Angriffe im Gebiet der Bundeswehr

US-Soldaten (bei Offensive im September): Massive Angriffe im Gebiet der Bundeswehr

Foto: DAVID FURST/ AFP

Gouverneur Omar ist euphorisch an diesem Samstag. In einem weiten, strahlend weißen Gewand sitzt er lässig auf einem der großen Sofas in seinem Gästehaus im nordafghanischen Kunduz. Sehr gerne will er von "einem großen Erfolg" berichten, sagt Omar, "vom ersten richtigen Schlag gegen die Taliban". Endlich habe man dem Feind einmal gezeigt, wie ein Einsatz aussieht. "Wir haben die Taliban eingekesselt und dann fünf Tage bombardiert. Nur diese Sprache verstehen sie."

Elitekämpfer der US-Armee haben gemeinsam mit einheimischen Einheiten und massiver Luftunterstützung in der vergangenen Woche zugeschlagen - und afghanischen Angaben zufolge 133 Taliban getötet, 13 verletzt und 25 inhaftiert. Es war der bisher folgenschwerste Einsatz in dem Gebiet, das eigentlich Revier der Bundeswehr ist. Angeführt wurde sie von US-Kämpfern im Rahmen der "Operation Enduring Freedom" (OEF), also nicht unter dem Mandat der Schutztruppe Isaf. Ziel war es, hochrangige Taliban-Führer rund um den Ort Gul Tepa nordwestlich des deutschen Armeecamps bei Kunduz zu jagen.

Gouverneur Omar lobt die Härte des Angriffs: "Das erste Mal in den vergangenen fünf Jahren haben wir richtig zugeschlagen", sagt er und macht einen aus seiner Sicht entscheidenden Zusatz: "Das ging nur, weil uns die USA endlich beim Kampf gegen die Taliban geholfen haben." Auch Oberst Abdul Wakil, Chef der afghanischen Einheit, lobt die Effizienz des US-Militärs. "Zum ersten Mal hatten wir Luftunterstützung - das hat den entscheidenden Unterschied gemacht", sagt der Anführer der zweiten Brigade des 209. Corps der afghanischen Armee.

Tatsächlich könnte der brachiale Einsatz in der Region Kunduz einen Wendepunkt darstellen - auch für die deutschen Soldaten dort.

"Großflächige Operation"

Die Bundeswehr, die in Kunduz ein Camp mit rund 675 Soldaten hat, kennt die Angaben über Tote und Verletzte. Allerdings kann die Truppe sie weder bestätigen noch dementieren. Denn die Deutschen haben bei dem Einsatz nicht mitgemacht. Die USA hatten sie zwar vorab informiert - der deutsche General Jürgen Setzer, der das Regionalkommando Nord führt, lehnte jedoch eine Beteiligung ab.

Die US-Armee bestätigte SPIEGEL ONLINE das Ausmaß des Einsatzes. Sprecherin Elizabeth Mathias wollte keine genauen Zahlen zu Opfern nennen, allerdings seien die Angaben der afghanischen Quellen über getötete Kämpfer und Festnahmen jenen der US-Armee "sehr ähnlich". Sie bestätigte außerdem, dass bei der "großflächigen Operation" Kämpfer aus der Luft angegriffen wurden. Bisher gebe es "keine Hinweise" auf zivile Opfer. Eine Bilanz über den Einsatz liege aber noch nicht vor.

Afghanische Militärs berichten, dass die Initiative für den Einsatz von einem US-Major ausging, der die Aktivitäten der US-Spezialkräfte im Norden des Landes koordiniert. Er sei auf die Führung des in Kunduz stationierten einheimischen Militärs zugekommen und habe eine "Reinigungsoperation" in Gul Tepa vorgeschlagen, das als Rückzugsgebiet der Taliban bekannt ist - noch vor der geplanten und dann abgesagten Präsidentenstichwahl am 7. November. Gemeinsam wurde eine Strategie entwickelt und ein Kommandozentrum aufgeschlagen. Der afghanische Geheimdienst NDS lieferte Zielkoordinaten einschlägiger Taliban-Kommandeure.

"Unzählige Bomben, fünf Tage lang 24 Stunden lang"

Am vergangenen Dienstag begann der Einsatz dann. Beteiligt waren rund 800 afghanische Soldaten, gut 300 Spezialkräfte der US-Armee und von ihnen ausgebildete Afghanen, rund 130 Polizisten und mehrere Dutzend NDS-Agenten. Nach übereinstimmender Darstellung kreisten Soldaten das von zwei Flüssen durchzogene und selbst mit Geländewagen sehr schwer zugängliche Gebiet zuerst ein. Dann begannen gezielte Bombardements aus Kampfjets und aus unbemannten Drohnen der US-Armee.

Die Angriffe waren heftig. In Kunduz berichten Anwohner, Tag und Nacht habe man Detonationen gehört. Eine lokale Politikerin sagte, die Einschläge seien sehr nah am Stadtkern gewesen. Auch im Camp der Bundeswehr waren sie zu hören. Gouverneur Omar sprach von "unzähligen Bomben, die fünf Tage lang 24 Stunden lang" abgeworfen worden seien. Allerdings habe es sich um genau gezielte Treffer gehandelt: "Glücklicherweise hat es keine zivilen Opfer gegeben." Eine Überprüfung dieser Aussage war nicht möglich.

Der NDS schätzt den Einsatz als wichtigen Schlag gegen die Strukturen der Taliban im Raum Kunduz ein - das teilte der Geheimdienst bei einem Treffen mit deutschen Militärs mit. So wurde einer der meistgesuchten Kommandeure der Region, der etwa 35-jährige Mullah Qari Baschir, schon zu Beginn der Angriffe getötet. Nach Angaben der Militärs starben sechs weitere hochrangige Kommandeure. Der wohl meistgesuchte Mann von Kunduz, der sogenannte Schattengouverneur Mullah Abdul Salam, entkam den Raketen nur knapp. Er soll verletzt worden sein.

Heikles Thema für Guttenberg

Dass die OEF-Einheiten des US-Militärs immer häufiger im Einsatzgebiet der Bundeswehr aktiv sind, ist kein Geheimnis. Gut ein Dutzend Mal wurde dies 2009 sogar öffentlich. Mehrfach kam es wegen unangekündigter und teils sehr harter Zugriffe oder gezielter Tötungen zu Reibereien zwischen deutschen und US-Militärs. Kleine Trupps der in Masar-i-Scharif stationierten US-Spezialeinheit 373, deren Existenz das Militär noch nicht einmal bestätigen würde, waren fast jede Nacht im Raum Kunduz aktiv. Kürzlich kam bei einem Raketenangriff ein unschuldiger Schäfer ums Leben, als die US-Soldaten den berüchtigten Mullah Abdul Salam jagten und eine Rakete auf den Zivilisten abfeuerten.

Doch der jetzige Einsatz mit 133 Toten und massiven Luftschlägen über fünf Tage hinweg sprengt die bisherigen Vorstellungen über die Aktionen des US-Militärs. Die Bundeswehr befand sich in der unwirklichen Lage, die massivsten Kämpfe seit Beginn ihres Einsatzes in der Region nur als Zuschauer beobachten zu können - obwohl sie in unmittelbarer Nähe des eigenen Camps stattfanden. Nur wenn US-Soldaten schwer verletzt worden wären, hätten die Sanitäter der Bundeswehr sie aus der Gefahrenzone gebracht.

Wie die Deutschen mit dem offensiven Verhalten der US-Eliteeinheiten umgehen, ist ein heikles Thema, auch für den neuen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Bundeswehr muss einen Stimmungsschwenk in der Bevölkerung fürchten, wegen der vielen Opfer. Bisher sind es nur unbestätigte Hinweise - doch im Bundeswehrcamp denken viele, dass der Einsatz kaum ohne tote Zivilisten abgegangen sein kann. Diese hätte am Ende Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal zu verantworten. Er ist auch der Chef der "Operation Enduring Freedom".

In der ursprünglichen Fassung des Artikels wurde Afghanistan als Zweistromland bezeichnet. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
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