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14. Januar 2001, 00:47 Uhr

SPIEGEL-Almanach

Palästina in Fakten und Zahlen

Stand: Dezember 2000


Vorbemerkung

Das Territorium, das ein unabhängiger Staat "Palästina" im Westjordanland und im Gaza-Streifen in der Zukunft umfassen soll, ist bislang nicht endgültig definiert, auch die Frage der palästinensischen Hauptstadt ist noch ungeklärt.


GEOGRAFIE, BEVÖLKERUNG

Fläche: 5997 km².
Bevölkerung: 2,896 Millionen Einwohner
Bevölkerungsdichte: 447,7 Einw./km².
Landes- und Amtssprache: Arabisch.


Westjordanland: Fläche: 5633 km²(inkl. Ost-Jerusalem)
Bevölkerung: 1,663 Millionen Einwohner (weitere 210.200 in Ost-Jerusalem) plus 166.000 israelische Siedler (weitere 176.000 in Ost-Jerusalem); insg. 83 Prozent palästinensische Araber, 17 Prozent Juden. 9 Prozent der Bevölkerung leben noch in Lagern.
Bevölkerungsdichte: 295,2 Einwohner/km²
Bevölkerungswachstum: 3,14 Prozent
Fruchtbarkeitsrate: 4,78 Geburten/Frau.

Religionen: 75 Prozent Muslime, 17 Prozent Juden, Minderheit von Christen.

Gaza-Streifen: Fläche: 364 km²
Bevölkerung: 1,022 Millionen Einwohner plus rund 6000 israelische Siedler. 54 Prozent der Einwohner leben noch in Lagern. 52 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahren
Bevölkerungsdichte: 2807,7 Einwohner/km²
Bevölkerungswachstum: 4,44 Prozent
Fruchtbarkeitsrate: 7,3 Geburten/Frau.


Religion: 99 Prozent Muslime.



POLITISCHES SYSTEM

Teilautonomie seit 1994. Ausarbeitung einer Verfassung seit 1996. Parlament ("Palästinensischer Legislativrat") mit 88 alle 4 Jahre direkt gewählten Mitgliedern. Exekutive ("Autonomiebehörde") mit 30 Mitgliedern, darunter 9 Abgeordnete des Parlaments und 4 durch den Präsidenten der Autonomiebehörde bestimmte Mitglieder. Direktwahl des Präsidenten.

Präsident: Jassir Arafat (seit Januar 1996).

GESUNDHEIT, SOZIALES

Anteil des Gesundheitsetats am BIP: 4,9 Prozent
Medizinische Versorgung: 0,5 Ärzte, 1,2 Krankenhausbetten/1000 Einwohner
Säuglingssterblichkeit: 24/1000 Geburten
Lebenserwartung: Männer 69 Jahre, Frauen 73 Jahre


BILDUNG

Palästinensische Kinder in Gaza-Stadt
Dominik Baur

Palästinensische Kinder in Gaza-Stadt

Schulpflicht von 6–15 Jahre. Neben 1074 staatlichen Schulen noch 147 Privatschulen, meist mit kirchlichen Trägern, und 253 UNRWA-Schulen. Im Gaza-Streifen 2, im Westjordanland 6 Universitäten, unter anderem in Betlehem und Hebron.

Das Bildungsministerium bemüht sich mit internationaler Hilfe um das unter israelischer Besatzung vernachlässigte Schul- und Ausbildungswesen. Gleichwohl weisen die staatlihen Schulen noch viele Mängel auf, zum Beispiel ungenügende Räumlichkeiten, schlecht ausgebildete Lehrer, antiquierte Lehrmethoden. Das Niveau an den (meist christlichen oder islamischen) Privatschulen ist oft besser, doch sie sind teuer und werden deshalb gerade mal von 6 Prozent der Schüler besucht. An den Universitäten studierten 1998/99 insgesamt 60.846 Palästinenser, davon waren 45 Prozent Studentinnen.

WIRTSCHAFT

Israel hat das Entstehen einer Industrie verhindert, die meisten Unternehmen sind kleine bis mittelständische Firmen sowie kleine familiäre Handwerksbetriebe, die 80 Prozent ihrer Erzeugnisse nach Israel verkaufen. Die israelischen Siedler haben einige moderne Kleinbetriebe aufgebaut. Unzureichende Infrastruktur. Elektrizität muss überwiegend aus Israel bezogen werden; einige Städte wie Nablus und Dschenin besitzen kleine Kraftwerke und versorgen sich selbst. In der Trinkwasserversorgung unverändert von Israel abhängig. Zum Teil wird der Zugang zu den eigenen Trinkwasserquellen versperrt, während die Siedler und deren Betriebe sich aus den knappen Wasserquellen des Westjordanlandes bedienen. Die Palästinenser müssen sich mit etwa einem Viertel des israelischen Pro-Kopf-Konsums begnügen. Etwa 180 Dörfer im Westjordanland sind nicht an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen. Die Bewohner müssen Wasser zu Schwarzmarktpreisen kaufen – oft von den jüdischen Siedlern. Obendrein sinkt der Grundwasserspiegel kontinuierlich. Viele Brunnen sind so stark versalzen, dass das Wasser nur noch zur Landbewässerung genutzt werden kann.

BIP: 4,2 Milliarden US$
Zuwachsrate: 2,2 Prozent
BIP/Kopf: Gaza-Streifen 1000 US$, Westjordanland 2000 US$. Anteil am BIP: Landwirtschaft 7,3 Prozent, Industrie 25,9 Prozent, Dienstleistungen 66,8 Prozent.
Arbeitslosigkeit: 14,4 Prozent
Inflationsrate: 5,5 Prozent
Staatseinnahmen: 1,59 Milliraden US$
Staatsausgaben: 1,74 Milliarden US$
Zahlungsbilanzdefizit: 755 Mllionen US$
Empfangene Hilfsgelder: 598 Millionen US$


Landwirtschaft: Nutzfläche Gaza-Streifen: 63 Prozent ,Westjordanland 59 Prozent.


Außenwirtschaft:
Handelsbilanzdefizit (1996): 1,67 Milliarden US$.
Export (1996): 450 Millionen US$, davon 43,5 Prozent industrielle Vorprodukte, 15 Prozent Nahrungsmittel und Lebendvieh, 5,2 Prozent Getränke und Tabak, überwiegend nach Israel (1997).
Import (1996): 2,12 Milliarden US$, davon 26,7 Prozent industrielle Vorprodukte, 22,2 Prozent Nahrungsmittel und Lebendvieh, 15,2 Prozent Brennstoffe, überwiegend aus Israel (1997).

VERKEHR

An der Grenze zwischen Israel (Links) und Palästina (Rechts)
DPA

An der Grenze zwischen Israel (Links) und Palästina (Rechts)

Kein Schienennetz.
Im Westjordanland Straßennetz von 4500 km Länge, von denen 2700 km befestigt sind.
Motorisierung: 59 Kfz/ 1000 Einwohner


Der internationale Gaza-Flughafen nahe der ägyptischen Grenze wurde 1997 fertig gestellt, durfte jedoch erst im November 1998 eröffnet werden. Im überwiegend autonomen Gaza-Streifen beanspruchen die Israelis nach wie vor die Lufthoheit. Der mehrfach verschobene Bau eines Seehafens in Gaza-Stadt begann im Sommer 2000. Ende 2001 soll der Hafen fertig gestellt sein.

KOMMUNIKATION

Meinungs- und Pressefreiheit laut Pressegesetz von 1995. Dennoch Zensur in den selbst verwalteten Gebieten. Wiederholt Verhaftungen missliebiger Journalisten. Mehrere Tageszeitungen mussten ihr Erscheinen einstellen. Die 1993 gegründete Palestinian Broadcasting Corporation (PBC) ist eng mit der Autonomiebehörde verflochten und gilt als "Staatssender". Im Februar schloss das ZDF einen Kooperationsvertrag mit der PBC, der beiden Seiten Zugang zum Nachrichten- und Archivmaterial des Partners sichert. Die offizielle Rundfunkstation Saut Filastin (Stimme Palästinas) hat ihren Sitz in Jericho. Seit Beginn der Selbstverwaltung wurden über 30 Lizenzen für private Rundfunk- und Fernsehkanäle vergeben.

UMWELT, TOURISMUS

Aufschwung des Tourismus seit Beginn der Selbstverwaltung. Zentren sind Betlehem und Jericho.

ENTWICKLUNGEN

Einst war das Wort "Palästinenser" Synonym für Staatenlosigkeit. Der Oslo-Friedensprozess bescherte der verspäteten Nation zumindest eine Teilautonomie, unter der die Palästinenser seit 1994 am Aufbau eines eigenständigen Gemeinwesens arbeiten. Die für Mai 1999 geplante Ausrufung eines unabhängigen Palästinenserstaates hatte Präsident Arafat mit Rücksicht auf die israelischen Wahlen verschoben. Doch 2000, so das Diktum des PLO-Chefs, sei "definitiv das Jahr unseres Staates". 53 Jahre nach dem Beschluss der Uno, Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufzuteilen, sollten nun endlich auch die Palästinenser ihre nationale Heimstätte erhalten. Den Besuch des Papstes in Betlehem im März feierten sie denn auch schon als "De-facto-Anerkennung" ihres künftigen Staates.

Auf dem Friedensgipfel vom 11.–25. Juli in Camp David sollte der junge Staat mit seinen Grenzen festgeschrieben werden. Doch die Verhandlungen scheiterten, obwohl Israels Premier Barak sogar eine Teilverständigung über Jerusalem anbot. Arafat beharrte dagegen auf der Rückgabe des gesamten Ostteils der Stadt. Amerikas Präsident Clinton bemühte sich anschließend, eine einseitige Ausrufung des Staates Palästina am 13. September oder danach ohne vorherige Einigung mit Israel zu verhindern.

Palästinenser in der Innenstadt von Gaza
AP

Palästinenser in der Innenstadt von Gaza

Die meisten Palästinenser beurteilen die Chancen einer guten Nachbarschaft mit Israel eher pessimistisch. Sie sind verbittert durch den israelischen Siedlungsbau, durch Schikanen an Checkpoints und Reisebeschränkungen. Auch die fortdauernde Praxis der Israelis, angeblich illegal gebaute Palästinenser-Häuser mit Bulldozern niederzuwalzen, schürt Hass. Innerhalb von fünf Jahren verloren so mehr als 5000 Palästinenser ihr Zuhause. Bei blutigen Zusammenstößen mit der israelischen Polizei am so genannten Nakba-Tag Mitte Mai, an dem die Palästinenser der "Katastrophe" der israelischen Staatsgründung gedenken, schlug die Frustration in Gewalt um. Frankreichs Premier Lionel Jospin war im Februar bei seinem Besuch wegen einer missglückten Äußerung sogar von Studenten mit Steinen beworfen worden – Arafats Minister allerdings gleich mit.

Denn auch die innere Verfassung ihres jungen Gemeinwesens lässt den Palästinensern nicht viel Raum für schöne Illlusionen. Arafat führt sein Palästina in absolutistischem Stil, Missmanagement, Günstlingswirtschaft und Korruption blühen. Die Wirtschaft wächst – auch israelischen Blockaden zum Trotz. Doch fehlen nachhaltige private Investitionen und steigende Exportzahlen, um den positiven Trend langfristig zu stabilisieren. Die internationale Gebergemeinschaft, die der Autonomiebehörde bisher mehr als 4 Mrd. Dollar Hilfsgelder zugesagt hat, lobte zwar Fortschritte bei Wirtschafts- und Finanzreformen. Doch von der "Autorität des Gesetzes", die Arafat versprach, als er im November 1988 im algerischen Exil schon einmal den Staat proklamierte, ist nicht viel zu spüren. Menschenrechte werden systematisch verletzt. Kein Wunder, dass Arafats Popularität in Umfragen bis Juni auf 37 Prozent abrutschte. Die Frage, ob der palästinensische Staat die erste echte Demokratie in der arabischen Welt werden wird, bleibt offen.




PALÄSTINENSISCHE VERTRETUNGEN

Deutschland: August-Bier-Str. 33, D-53129 Bonn, Tel. +49-228/212035, Fax 213594
Österreich: Josefsgasse 5, A-1080 Wien, Tel. +43-1/408-8202, Fax 408-820210
Schweiz: Rte de Vernier 96, CH-1211 Genf, Tel. +41-22/796-7660, Fax 796-7860

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