SPIEGEL-ONLINE-Leser kommentieren Krieg im Irak - ein Jahr danach

Nicht nur Prominente haben uns zum Jahrestag des Kriegsbeginns im Irak geschrieben. Auch zahlreiche SPIEGEL-ONLINE-Leser teilten uns ihre Meinung mit.


Die Diskussion über den Irak-Krieg wurde von Beginn an kontrovers geführt. Dabei geriet die Suche nach den vermuteten Massenvernichtungswaffen ebenso ins Zwielicht, wie später die Berichterstattung über den Kriegs in den Massenmedien. Darüber hinaus litt die Stellung und Autorität der Uno in diesem Konflikt.

Kann der Irak-Krieg als Feldzug gegen einen brutalen Diktator rückblickend dennoch positiv bewertet werden? Ist der Irak jetzt auf dem Weg in eine sicherer und bessere Zukunft? Wie sehen Sie die Umstände des Konflikts, ein Jahr nach Beginn des Krieges?

Hier die Meinungen und Kommentare von SPIEGEL-ONLINE-Lesern:


Der Feldzug gegen den Irak offenbar die ganze Dummheit der Mächtigen: Sie verstehen nicht, dass der "internationale Terror", wie der Begriff es doch eigentlich schon zeigt, ein neues Paradigma der Bedrohung in die Welt gebracht hat. Es gibt keine Fronten der Bedrohung mehr. Es gibt keine Namen mehr der Angreifer. Es gibt keine kalkulierbaren Szenarien der Bedrohung mehr. "Feind" - ist nicht mehr greifbar. "Front" - gibt es nicht mehr. So wäre es Aufgabe der Intelligenz, der Meinungsmacher, der Klugen: aufzuklären. Ernsthaft nach neuen Wegen zu suchen. So kraus sie auch scheinen mögen. Denn Milliarden und Milliarden Dollar für Kriege und Rüstung in einer hungernden, verzweifelten Welt - was könnte krauser sein als das?

Jochen F. Uebel
Freiburg


Am ersten Jahrestag des Kriegsbeginns stehen für mich zwei gewichtige Erkenntnisse im Vordergrund: Die USA sind nicht in der Lage, genügend Truppen zur Kontrolle dieses von ihnen vom Zaun gebrochenen Konfliktes aufzubieten. Zum Zweiten hat sich gezeigt, dass eine sich auf Kriegführung beschränkende Bekämpfung des Terrorismus diesen eher nährt als reduziert - wie die täglichen Anschläge im Irak sowie die Ausweitung der Attentate auf Europa zeigen. Dem Terrorismus kann mittel- und langfristig nur begegnet werden, wenn die materiellen Ungleichheiten zwischen den Industriestaaten und den Dritte-Welt-Ländern abgebaut werden.

Ingo Budde
Achim


Ein Jahr später ist der Irak definitiv ein besserer Platz als zuvor. Erschreckend ist, dass den Kriegsgegnern der "Frieden" unter Saddam Hussein besser gefallen hat als der jetzt bei allen Problemen sich abzeichnende Weg in die Demokratie.

Jürgen Schlenzig
Suhl


Der Krieg war von der US-Regierung unter allen Umständen gewollt. Die UNO wurde von ihr nur benutzt - und als sie sich nicht mehr benutzen lies, beiseite geschoben. Natürlich ist die Welt ohne Saddam Hussein besser dran - aber das gilt auch für andere Regierungschefs. Darf nun jeder gegen diese Regierungen Kriege vom Zaun brechen? Dem Irak muss geholfen werden. Aber dies darf erst geschehen, wenn die Kontrolle über den Irak entweder vollständig einer USA-unabhängigen Irakregierung oder der UNO übertragen wurde und wenn alle stationierten Soldaten sich an internationales Recht halten oder sich vor internationalen Gerichten rechtfertigen müssen.

Michael Peis
Unkel


Die derzeitigen Probleme des Irak gab es auch schon zu Saddams Zeiten: Konflikte zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden, sowie Angriffe durch islamische Glaubensfanatiker. Ich glaube daher nicht, dass die Analytiker des Pentagon diese Probleme nicht ins Kalkül gezogen haben. Insofern kann darüber spekuliert werden, ob es nicht sogar Ziel der Bush-Regierung ist, dass es keine wirkliche Demokratiebewegung im Irak geben soll und sich der Irak eventuell sogar spaltet, wobei der ölreiche Süden einfach zu Kuweit geschlagen wird und damit im unmittelbaren Einfluss der USA ist. Wir müssen endlich erkennen, dass in der heutigen Zeit die Europäische Union zusehen sollte, einen eigenen Kurs zu den USA zu entwickeln, um eigene Interessen zu sichern. Denn die USA sind primär heute nicht mehr Verbündeter, sondern vor allem weltweiter Wirtschaftskonkurrent.

Kai Schröder


Eine blutige Diktatur ist mit Waffengewalt gestürzt worden, daran ist prinzipiell nichts Schlimmes. Zu denken, dass das jetzige Chaos im Irak schlimmer ist als der organisierte Terror unter Hussein, ist gefährlich. Das Hussein-Regime hat weitaus mehr Menschen auf dem Gewissen, als in Folge des amerikanischen Krieges gestorben sind. Haben wir die Millionen Toten des Iran-Irak-Krieges, die vergasten Kurden oder die zu tausenden massakrierten Schiiten schon vergessen? Demokratien haben sich bisher immer auf lange Sicht für ihrer Buerger als die bessere Staatsform erwiesen. Warum sollte das für den Nahen Osten nicht auch gelten? Menschenrechte und individuelle Freiheit sind schließlich kein Privileg, das nur für Bürger westlicher Industrienationen da ist.

Dr. Felix Darvas
Los Angeles


Dieser Krieg war moralisch gesehen gerechtfertigt, weil ein Terrorregime abgesetzt wurde. Nur die Begründung über den angeblichen Besitz von Massenvernichtungswaffen (MVW) war billig. Wenn das eine ultimative Rechtfertigung ist, warum haben die USA sich dann noch nicht Nordkorea als Ziel ausgesucht? Dort scheint die Wahrscheinlichkeit der Existenz von MVW wesentlich höher, sowie der Terror gegen das Volk größer zu sein, als im Irak. Also Mr. Bush, was sollte diese Aktion dann?

Nils Greffenius


Man wusste genau, nicht erst seit Blix, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab und warum musste ein Krieg zur Beseitigung von Saddam geführt werden? Hätte es nicht eine andere Art als Krieg gegeben, Saddam zu beseitigen und Hunderttausende vor Tod, Verkrüppelung, Krankheit und Armut zu bewahren, nachdem dieser Schlächter seinem Volk schon genug zugesetzt hatte? Alle, die während der letzten 20 Jahre dem Land Irak und seinem Volk zugesetzt haben werden sich irgendwann verantworten müssen.

Dr. Michaela C. Mueksch
Köln


Ich habe den Irak-Krieg für einen Fehler gehalten. Nicht aus Pazifismus, sondern weil ich nicht glaube, dass man Demokratie "verordnen" kann. Demokratie entsteht, weil Völker sie sich erarbeiten, oft unter Schmerzen. Trotzdem sollte die internationale Gemeinschaft nun den Irak nicht einfach fallen lassen, sonst kehren dort Zustände ein, die niemand wollen kann - unter anderem wäre er jetzt wirklich eine Basis für den Terrorismus. Den Rückzug der Spanier halte ich - zu diesem Zeitpunkt - für einen Fehler. Egal, was die Gründe für den Rückzug sind - die Terroristen werden ihn sich als Erfolg anrechnen.

Rudolf Hege
Baden-Baden


Dieser Krieg hat die Welt nicht sicherer gemacht. Ganz im Gegenteil, eine Diktatur wurde durch ein noch unberechenbareres Staatsgefüge ersetzt. Die USA sind ganz offensichtlich nicht in der Lage, die Kontrolle über den Irak zu gewinnen. Schlimmer noch, der so genannte Krieg gegen den Terrorismus leidet darunter. Ich sehe mit bangen in die Zukunft.

Hans-Juergen Barton
Berlin


Wie immer kann man sich auf die Vergesslichkeit des Menschen verlassen. Bald wird man sich kaum noch an die Debatte um Kriegsgründe und an diese sagenhaft dilettantische Lügeninszenierung der USA zur Rechtfertigung eines Krieges, der letztendlich auch das Ergebnis einer langen Reihe von amerikanischen Eingriffen in eine sensible Weltregion darstellt, erinnern. Wer hatte doch gleich Saddam im Kampf gegen die iranischen Mullahs aufgerüstet? Jedes mal geht es schief und muss wieder mit aufwendigen Korrekturmaßnahmen gerichtet werden.

Klaus Ewers
Rellingen


Der Irak ist frei, Saddams Gewaltherrschaft vorbei. Natürlich ist es nicht zu begrüßen, dass dazu ein Krieg notwendig war. Wäre der Westen aber zusammengestanden, hätte ein Waffengang aber vielleicht vermieden werden können. Nur zur Erinnerung: Erst, nachdem GB und die USA per Truppenaufmarsch eine Drohkulisse aufgebaut hatten, ließ Saddam die Inspekteure ins Land.

Tassilo Wanner
München


Die Situation im Irak und die sozialen Missstände in der betroffenen Region werden die Probleme, die uns unter anderen ein übereifriger "Zauberlehrling" eingebrockt hat, wahrscheinlich mittelfristig nur verschlimmern. Bleibt zu hoffen, dass die Vernunft und ein interreligiöser und interkultureller Dialog der Menschheit am Ende die Oberhand gewinnen. Bis dahin befürchte ich, werden noch einige Opfer zu betrauern sein.

Bodo Lange
Rom


Ich bedaure es sehr, dass sich Michael Wolffsohn nach der Maxime richtet "Erst schießen, dann fragen". Er hält es damit für angebracht, Kriege aus bloßem Verdacht heraus zu führen und so Situationen in der Weltpolitik heraufzubeschwören, die weitaus komplexer und damit explosionsträchtiger sein können als relativ gesicherte und stabile Verhältnisse. Damit soll nicht gesagt sein, dass stabile Verhältnisse per se gut oder von Dauer sind, doch sind sie berechenbarer als solche politisch-gesellschaftlichen Gemengelagen etwa, wie sie jetzt im Irak vorherrschen. Allgemeines Chaos, willkürlicher Terror und Bürgerkrieg, das ist - man muss es unumwunden zugeben - die unmittelbare Folge des "siegreichen" Irakkrieges. Menschenrechte und -pflichten müssen in erster Linie friedlich vermittelt werden - und nicht, indem man ohne triftigen Grund und "präventiv" jeden Krisenherd der Erde löschen will!

Frank Fehlberg
Leipzig





So schlimm die Lage im Irak auch noch sein mag: Sie ist selbst gemessen an der Zahl der Opfer immer noch besser als jener unerträgliche Zustand unter Saddams Herrschaft, den die Kriegsgegner zynischerweise als Frieden bezeichnet hatten. Und jetzt besteht für den Irak immerhin eine Chance auf eine bessere Zukunft. Ob die Iraker sie auch nutzen ist eine natürlich eine andere Frage, aber in jedem Fall gilt: Besser ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.

Paul Hoffmeister


Ein Angriffskrieg ist ein Verbrechen und kein Fehler. Selbst ein 100 Prozent demokratisches Land hat nicht das Recht, das Völkerrecht zu ignorieren. Die Verantwortlichen in den Regierungen müssen dafür zu Rechenschaft gezogen werden, und die Länder müssen dafür bezahlen. Wer anfängt verschiedene Standards zu akzeptieren, macht sich mitschuldig.

Michael Dittmar


Kein Zweck heiligt kriegerische Mittel. Ausnahme: Völkermord. Nach der Klärung unfriedliche Prozesse sollte die Weltgemeinschaft Uno wieder zur Hand sein. Es ist ein Fehler zu glauben, die Idee der französischen Revolution müssten überall auf der Welt Allgemeingut werden. So gibt es die Kategorie Gottes, aus der sich auch geschlossene Gesellschaften ergeben haben über Jahrtausende hinweg, denen die Ideen der Aufklärung für immer verschlossen bleiben. Wollten wir ethisch-normative Kriege führen, dann würden wir wieder Kriege führen im Zeichen der Freiheit, vielleicht auch im Zeichen des Kreuzes.

Horst Ziegler


Die Amerikaner haben gezeigt, dass sie die Folgen ihres Krieges nicht bewältigen können, die Terroristen sehen eine gute Chance, den westlichen Elefanten mit Wespenstichen in die Schlucht zu stürzen, und die westliche Welt ist irreparabel durch die irakische Entfremdung geschwächt. Kriegslügen, Minderheiteninteressen, offener Machtmissbrauch und der Tod vieler "Collaterals" sind eben nicht geeignet, ein Fundament einer großen Zukunft zu schaffen, wenn man dies überhaupt vorhatte. Ich als am Schiessbefehl-Todesstreifen westlicherseits Aufgewachsener hätte nie gedacht, dass ich die Bildung eines Macht-Gegengewichts zu den USA befürworten würde.

Frank Hilderts


Passiert ist passiert. Bedauerlich nur, dass viele Befürchtungen von Kriegskritikern eingetreten sind. Die Welt ist gefährlicher geworden, und der Westen hat sich in eine Situation begeben, aus der er nicht mehr sauber herauskommt.

Günter Moryson
Oer-Erkenschwick



Wenn die amerikanische Politik nicht zu einem Respekt für die Positionen anderer Nationen zurückfindet und das Problem des Terrorismus nicht in Konsens angegangen wird, dann wird die Situation noch weiter eskalieren. Ich hoffe, dass die Demokraten den nächsten Präsidenten stellen der sich an internationales Recht hält und dann versucht eine breite Basis zu schaffen.

Wolfgang Schadt


Dass Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist, ist eine Sache, die ich prinzipiell nur gut finden kann. Mein Hauptproblem ist, dass die amerikanische Regierung großen Wert auf ihre moralische Überlegenheit legt und es sich dabei herausnimmt, jeden Tag "Moral" neu zu definieren, damit es zu den eigenen Handlungen passt - und sich Kritik dabei (als unmoralisch) verbittet.

Derek Ott
Uppsala



Langfristig wird es den Menschen im Irak sicher besser gehen als unter der Diktatur Husseins. Aber zu behaupten, dass dieser Krieg die Welt auch nur ein kleines bisschen sicherer gemacht hat, ist schon ein starkes Stück. Unerträglich ist die Heuchelei, mit der jetzt Spaniens möglicher Rückzug als "Appeasement" dargestellt wird. Dann müsste man auch Deutschland, Frankreich, Russland und China des "Appeasements" bezichtigen. Aber der Versuch, den islamistischen Terrorismus mit militärischer Gewalt (noch dazu im Irak!) zu bekämpfen, erscheint mir wie der Versuch, Feuer mit Öl zu löschen.

Dr. Horst Werner
Rettigheim




Wird fortgesetzt.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.