Spionage-Affäre Russland und USA starten Express-Agententausch

Die USA und Russland haben sich innerhalb kürzester Zeit auf den Austausch enttarnter Späher geeinigt. Moskau hat offenbar einen verurteilten US-Spion ausgeflogen - im Gegenzug könnten die festgenommenen Mitglieder eines russischen Agentenrings freikommen, darunter "Bond-Girl" Anna Chapman.

REUTERS

Von , Moskau


Der Weg in die Freiheit eröffnete sich für Igor Sutjagin, 45, gänzlich unverhofft. Seit mehr als zehn Jahren saß der Nuklearwaffenexperte eine Gefängnisstrafe wegen Spionage für die USA und "Landesverrat" ab. Am Montag aber traten in seiner Haftanstalt in Russlands hohem Norden mehrere Herren vom russischen Geheimdienst an Sutjagin heran - und machten ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Man wolle ihn austauschen gegen jene mutmaßlichen Späher Moskaus, die dem amerikanischen FBI vor zehn Tagen ins Netz gegangen waren.

Russische Medien berichten nun, Sutjagin sei bereits in der österreichischen Hauptstadt Wien gelandet, im Gegenzug werde die Überstellung von einem oder mehreren der zehn mutmaßlichen russischen Agenten in US-Gewahrsam erwartet.

Der Austausch wäre wohl der schnellste "Spy Swap" aller Zeiten - und ein eindeutiges Signal von Moskau und Washington, dass die jüngste Spionageaffären nicht zu einer Belastung der neuerdings guten Beziehungen beider Länder werden soll.

Bereits am Mittwoch hatten russische Geheimdienstler Sutjagin versichert, er werde "noch am Donnerstag nach Wien ausgeflogen". Das bestätigte seine Anwältin Anna Stawitzkaja SPIEGEL ONLINE. Derzeit habe gleichwohl weder sie selbst noch die Familie Sultjagins Kontakt zu ihm, sein genauer Aufenthaltsort sei nicht bekannt.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP hatten Sondereinsatzkräfte der russischen Miliz Sutjagins Gefängnis abgeriegelt, Panzerwagen seien vorgefahren. Der amerikanische TV-Sender ABC berichtete unter Berufung auf Beamte im US-Außenministerium, die Operation solle bereits am Donnerstagabend beginnen.

Der Preis der Freiheit

Österreichs Außenministerium wollte Sutjagins Ankunft am späten Nachmittag "weder bestätigen noch dementieren". Der Sprecher von Russlands Auslandsaufklärung, Sergej Guskow, sagte, er kenne diese Nachricht, werde sie jedoch nicht kommentieren.

Sutjagin, unter anderem Verfasser eines Werks über die "Strategischen Nuklearwaffen Russlands", soll Ende der neunziger Jahre US-Geheimdienste angeblich mit Informationen über den Bau neuer russischer Atom-U-Boote versorgt haben, betonte aber bis zuletzt seine Unschuld. Weder habe er für einen ausländischen Geheimdienst gearbeitet, so Sutjagin, noch habe er sich Zugang zu geheimen Informationen verschafft. Vielmehr habe er für seine Forschungen nur öffentlich zugängliche Quellen genutzt.

Für seine Freiheit zahlt Sutjagin einen hohen Preis. Vor seiner Entlassung habe man von ihm die Unterzeichnung eines Schuldeingeständnisses verlangt, so Anwältin Stawitzkaja, das habe ihn in eine "schwere psychische Krise" gestürzt.

Austausch gegen das "Bond-Girl"?

Im Gegenzug für die Freilassung des Wissenschaftlers könnte sich nun die Überstellung der mutmaßlichen russischen Spionin Anna Chapman an russische Behörden anbahnen, vermuten russische Medien.

Nach Auffassung des FBI soll Chapman, von der Boulevardpresse aufgrund ihrer Attraktivität "Bond-Girl" und "Agentin 90-60-90" getauft, als "Deep-Cover"-Agentin für den russischen Auslandsgeheimdienst SWR spioniert haben.

Wie das "Wall Street Journal" berichtete, kontaktierten Vertreter der russischen Regierung Chapmans Anwalt Robert Baum. Baum sagte der Zeitung, er habe aus den Gesprächen den Eindruck gewonnen, die Frage werde wahrscheinlich bereits am Donnerstag gelöst.

Staatsanwalt Michael Farbiarz erklärte zum Beginn der Anhörung vor dem Bundesgericht in Manhatten, dass sich alle zehn mutmaßlichen Spione schuldig erklären würden. Mit diesen Schuldbekenntnissen könnten sie einen möglichen Austausch massiv beschleunigen.

Mit Material von AP und dpa

insgesamt 2 Beiträge
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harterhase 08.07.2010
1. Schwein gehabt
Da hat die KGB-Nymphe ja noch mal Schwein gehabt. Wär' auch zu schade gewesen, wenn das hübsche Ding 10 oder 15 Jahre im Knast gesessen hätte. Aber dieser Kuschelkurs gegenüber Putins KGB-Rußland wird den Amis genauso wie den Europäern früher oder später auf die Füße fallen. Das steht fest.
GertL, 08.07.2010
2. Na,
mich wundert allenfalls, dass die Russen nur einen US-Spion gefangen haben (sollen)..
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