SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. November 2010, 19:59 Uhr

Spionage-Panne in Russland

Jagd auf den Doppelagenten

Von , Moskau

Es gab einen Verräter in den eigenen Reihen: Ein Doppelagent der russischen Auslandsaufklärung SWR hat offenbar im Sommer Anna Chapman und weitere elf Undercover-Agenten in den USA auffliegen lassen. Bei den Geheimdiensten geht jetzt die Angst um - denn Moskau sinnt auf Rache.

Russlands Auslandsaufklärer schätzen Ruhe und Verschwiegenheit. Sogar für das Hauptquartier hat sich der Auslandsgeheimdienst SWR, dessen Mitarbeiterzahl der deutsche Verfassungsschutz auf 13.000 Mann schätzt, ein besonders ruhiges Plätzchen ausgesucht. Russlands Pendant zur CIA-Zentrale im amerikanischen Langley liegt in Jaseno am äußersten Stadtrand von Moskau, und wenn sie in die Zentrale beordert werden, dann sagen die Spione des Kreml, es gehe "ab in den Wald".

Doch es ist vorbei mit der Ruhe, seit das amerikanische FBI im Juni die russischen "Deep Cover"-Agenten festnahm, darunter die sich inzwischen recht erfolgreich vermarktende Anna Chapman. Die Spione, die zum Teil Jahrzehnte unter falscher Identität in den USA gelebt hatten, wurden eilends ausgetauscht.

Die Späher, so schwante Russlands Ministerpräsident Putin, habe wohl ein Verräter in den eigenen Reihen auffliegen lassen. "Verräter enden immer auf schlimme Weise", unkte Putin, als ehemaliger KGB-Mann in Dresden mit den Gesetzen der Branche bestens vertraut. "In der Regel krepieren sie entweder im Suff oder im Drogenrausch."

Auf dem Weg ins Jenseits helfen Moskaus Dienste allerdings auch gern einmal nach: So tötete der Sowjet-Agent Ramon Mercader 1940 Stalins Rivalen Leo Trotzki in Mexiko mit einem Eispickel, und 2006 erlag der abtrünnige FSB-Offizier Alexander Litwinenko in London einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium.

Laut "Kommersant" ist ein Killer auf der Spur des Verräters

Ein neuer "Mercader" sei in diesen Tagen wieder unterwegs, zitiert die renommierte Moskauer Tageszeitung "Kommersant" nun einen anonymen Mitarbeiter des Geheimdienstes SWR, ein neuer Killer auf der Spur des Verräters.

Der heißt laut "Kommersant" Oberst Scherbakow und war bis vor kurzem ausgerechnet Leiter der SWR-Abteilung "S", die für die Aufklärung in den USA verantwortlich zeichnete - und für die Führung der Undercover-Agenten. Offenbar hatte niemand Verdacht geschöpft, obwohl Scherbakows Tochter in den USA lebte, der Sohn plötzlich fluchtartig Russland verließ und der mutmaßliche Verräter selbst 2009 eine Beförderung ausschlug: Der bescheidene Oberst habe wohl die dann fällige Überprüfung per Lügendetektor gefürchtet, so der "Kommersant". Im Frühjahr dann setzte er sich selbst nach Amerika ab.

Jetzt geht Angst um "im Wald" beim SWR, dass die Affäre manchen Geheimdienstler "Kopf oder Schulterstücke" kosten könnte.

Ohnehin kämpfen Russlands Auslandsaufklärer seit dem Sommer mit einer Serie von Fehlschlägen:

Tatsächlich ertrank Iwanow ausgerechnet bei einem Tauchausflug vor der Küste Syriens.

Die Russen unterhalten einen Stützpunkt in dem Land und besiegelten jüngst - trotz israelischer Proteste - den Verkauf von "Jahont"-Raketen an Damaskus.

Auf dem Weg zum Super-Geheimdienst

Schon werden in Moskau Stimmen laut, die eine Reform des SWR fordern - oder sogar die Auflösung des Auslandsklärung und ihre Angliederung an den FSB. Dann würde einer machtvoller Super-Geheimdienst entstehen, vergleichbar mit dem sowjetischen KGB, den in den neunziger Jahren Präsident Boris Jelzin zerschlagen hatte. "Die Ausgliederung des SWR aus dem KGB wird immer öfter kritisiert", schreibt der "Kommersant". Vor allem der Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats, Nikolai Patruschew, befürworte eine Reintegration. Patruschew diente über viele Jahre als FSB-Chef.

Geheimdienstkenner in der Moskauer Hauptstadt wundern sich gleichwohl über diese Intonation des "Kommersant"-Artikels. Der Grund für die Fehlschläge dürfte in Wahrheit wohl eher in einer grundlegenden Degeneration von Moskaus Diensten liegen. "Wir arbeiten seit 30, 40 Jahren im Grunde mit den gleichen Methoden und Strukturen", kritisiert Andrei Soldatow, Chefredakteur der Web-Seite Agentura.ru und Geheimdienstexperte. "Ich verstehe nicht ganz, inwieweit der Fall Scherbakow für eine Fusion sprechen soll", sagte Soldatow. Der Fall könne "auch Teil einer Intrige zwischen unseren Diensten" sein.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung