Spionageaffäre Russland und USA tauschen Geheimagenten aus

Es ist der größte Agentenaustausch seit Ende des Kalten Krieges: Russland wird laut US-Regierung vier Häftlinge freilassen - im Austausch gegen zehn in den USA festgenommene russische Spione. Die Spitzel hatten sich vor einem New Yorker Gericht schuldig bekannt.


Washington - Der wohl schnellste Agentenaustausch aller Zeiten ist so gut wie perfekt. Wenige Stunden nach ihrer Gerichtsverhandlung sind die zehn in den USA enttarnten und festgenommenen russischen Spione in ihre Heimat zurückgeflogen. Noch am Donnerstagabend sei eine von der US-Regierung gecharterte Maschine mit den Männern und Frauen in New York gestartet, meldete der Fernsehsender ABC. Das Flugzeug habe zuerst nach Wien und dann weiter nach Moskau fliegen sollen.

An Bord waren auch US-Marshalls, weil die Spione bis zum ersten Agentenaustausch zwischen beiden Ländern seit 1986 offiziell noch in Haft seien.

Nur Stunden vor ihrem Abflug hatten die enttarnten Spione vor einer New Yorker Richterin zugegeben, für die russische Regierung gearbeitet zu haben. Für jeden einzelnen stand ein Anwalt auf und antwortete auf die Frage, ob sie die Anklage akzeptieren, mit einem knappen "Ja". Die meisten hatten sich als Amerikaner getarnt.

Russlands Präsident Dmitrij Medwedew begnadigte im Gegenzug vier mutmaßliche westliche Agenten. Medwedew unterzeichnete eine entsprechende Anordnung, wie die Sprecherin des russischen Staatschefs russischen Nachrichtenagenturen zufolge am Freitag mitteilte. Die vier Inhaftierten sollen gegen die zehn in den USA festgenommenen russischen Spione ausgetauscht werden.

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Russische Agenten in den USA: Meinen Spion gegen deinen Spion
Unter den Begnadigten ist der Sprecherin Medwedews zufolge auch der Waffenexperte Igor Sutjagin. Demnach hatten die vier Inhaftierten zuvor ein Gnadengesuch an den russischen Präsidenten gerichtet, in dem sie sich schuldig bekannten.

Die Entscheidung zum raschen Austausch der Agenten sei aus Gründen der "nationalen Sicherheit" sowie aus "humanitären" Erwägungen heraus getroffen worden, sagte US-Außenministeriumssprecher Mark Toner am Donnerstag (Ortszeit) in Washington.

Nach Informationen der russischen Zeitung "Kommersant" handelt es sich bei den drei weiteren Agenten um Sergej Skripal, Alexander Sipatschow und Alexander Saporoschski.

Weniger als zwei Wochen nach der spektakulären Festnahme der Agenten in den USA hatte sich im Vorfeld eine schnelle und einvernehmliche Lösung des Falls durch einen Agentenaustausch abgezeichnet. Anklage und Verteidigung hätten eine Vereinbarung geschlossen, in deren Folge sich die zehn Verdächtigen schuldig bekennen, hatte ein Staatsanwalt zu Beginn der Gerichtsanhörung in New York gesagt.

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Anna Chapmann: Liebe Grüße aus Moskau
In Moskau sperrten am Donnerstag Sondereinsatzkräfte der Polizei die Umgebung des Lefortowo-Gefängnisses ab, in dem Westspione inhaftiert sein sollen. Der wegen Spionage verurteilte Sutjagin traf angeblich schon am Donnerstagnachmittag in Wien ein.

Bereits am Mittwoch hatten russische Geheimdienstler Sutjagin versichert, er werde "noch am Donnerstag nach Wien ausgeflogen". Das bestätigte seine Anwältin Anna Stawitzkaja SPIEGEL ONLINE. Derzeit habe gleichwohl weder sie selbst noch die Familie Sultjagins Kontakt zu ihm, sein genauer Aufenthaltsort sei nicht bekannt.

Keine offizielle Bestätigung von Sutjagins Ankunft in Wien

Österreichs Außenministerium wollte Sutjagins Ankunft am späten Donerstagnachmittag "weder bestätigen noch dementieren". Der Sprecher von Russlands Auslandsaufklärung, Sergej Guskow, sagte, er kenne diese Nachricht, werde sie jedoch nicht kommentieren.

Die in den USA Festgenommenen sollen einem elfköpfigen Ring von mutmaßlichen Geheimagenten angehören, der seit den 90er Jahren für den Kreml in den USA spioniert haben soll. Zehn von ihnen wurden in New York, Boston und Virginia festgenommen. Ein weiterer Mann wurde in Zypern gefasst, ihm gelang allerdings die Flucht.

Neben der Agententätigkeit für Russland, die mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden könnte, hatte die US-Anklage den Beschuldigten Verschwörung zur Geldwäsche zur Last gelegt, auf die bis zu 20 Jahre Gefängnis stehen.

jok/Reuters/dpa/apn/AP

insgesamt 5 Beiträge
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Andreas58 09.07.2010
1. erstaunlich
dass so ein Theater darum gemacht wird ! Es wird überall geschnüffelt, jedes Land hat Agenten, manche morden sogar.
ted211 09.07.2010
2. Merkwürdig
Wieso sind russische Spione Spitzel und amerikanische nicht?
ismirwurscht, 09.07.2010
3. Kein kalter Krieg deswegen?
Verstehe nicht, warum das alles so unkompliziert geht. Ist das so selbstverständlich mit der Spionage? Geht das alles als kleiner 'Schummelversuch' durch? Ich meine, ein Reaktion, die Schockiertheit zeigen würde, das würde ich verstehen. Wenn ein Land entsetzt wäre, dass es beschnüffelt worden ist, das wäre eine normale Reaktion, finde ich. Aber so... das scheint ja alles Business as usual zu sein. Seltsam.
marvinw 09.07.2010
4. Freundliche amerikanische Spione
Zitat von ted211Wieso sind russische Spione Spitzel und amerikanische nicht?
Weil amerikanische Spione eigentlich gar keine sind. Sie sind nur "mutmaßliche Spione" wie Spiegel sie vorsichtig umschreibt. So viel Verblödung in der Presse heute.
juergw. 09.07.2010
5. Dumme Frage !
Zitat von ted211Wieso sind russische Spione Spitzel und amerikanische nicht?
Die amerikanischen Aufklärer des Friedens kämpfen für die Demokratie weltweit !Bei den russischen Spionen blicken wir in die kalte Fratze des KGB ,obwohl sie sich auch hübsch verstecken können ,siehe Anna.Wie lautete der alte Bond Film Liebesgrüsse aus Moskau ?Bond ,übernehmen Sie !
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