Spionageaffäre Russland und USA übergeben Agenten in Wien

Zwei Flugzeuge landeten in Wien, weit weg von den Kameras der Presse: In Österreich haben Russland und die USA diskret den größten Agentenaustausch seit Jahrzehnten vollzogen. Anna Chapman und andere Spitzel hatten sich kurz vorher in den USA schuldig bekannt.


Wien - Erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges haben die USA und Russland in Wien einen spektakulären Agentenaustausch vollzogen: Am Freitagvormittag landeten in der österreichischen Hauptstadt vier von Moskau begnadigte Russen und zehn aus den USA abgeschobene Agenten in getrennten Maschinen. Wenig später hoben die beiden Maschinen wieder ab und flogen in unterschiedliche Richtungen.

Gegen 9.30 Uhr landete auf dem Flughafen Wien-Schwechat eine Maschine aus New York. Das Flugzeug mit der Registrierungsnummer N766VA hielt auf dem Rollfeld neben einer russischen Maschine mit der Nummer RA42446, die offenbar bereits in den frühen Morgenstunden angekommen war. Die Maschinen waren so geparkt, dass die Türen nicht einsehbar waren. Gegen 10.30 Uhr hob dann das russische Flugzeug, offenbar mit den zehn russischen Spionen an Bord, in Richtung Moskau ab. Rund 15 Minuten später startete die US-Maschine in die entgegengesetzte Richtung.

Der russische Spionagering war Ende Juni in den USA aufgedeckt worden; die Affäre hatte die Beziehungen zwischen beiden Staaten erheblich belastet. Beide Seiten arbeiteten danach an einer schnellen Lösung, um langwierige Gerichtsverfahren mit möglicherweise unangenehmen Enthüllungen zu vermeiden. Aus dem Kreml verlautete, der Austausch sei aufgrund "des großen Vertrauens" zwischen dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew und seinem US-Kollegen Barack Obama möglich gewesen.

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Russische Agenten in den USA: Meinen Spion gegen deinen Spion
Um dem Agentenaustausch den Weg zu ebnen, gaben die in den USA Inhaftierten nur Stunden vor ihrem Abflug vor einem Gericht in New York zu, als Spione für Russland tätig gewesen zu sein. Für jeden einzelnen stand ein Anwalt auf und antwortete auf die Frage, ob sie die Anklage akzeptieren, mit einem knappen "Ja". Die meisten hatten sich als Amerikaner getarnt.

Abschiebung nach Schuldeingeständnis

Das Gericht verzichtete daraufhin auf eine Verurteilung der Beschuldigten und ordnete deren sofortige Abschiebung an. Nach einem Bericht des New Yorker Fernsehsenders NY1 bestiegen die zehn Männer und Frauen daraufhin am Donnerstagabend in New York eine Maschine Richtung Europa.

Die Agenten dürfen nie wieder in die USA zurückkehren. Davon betroffen ist unter anderem die Peruanerin Vicky Peláez, die auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt. Der Spionagering soll seit den neunziger Jahren für den Kreml in den USA spioniert haben. Die zehn Männer und Frauen wurden in der vergangenen Woche in New York, Boston und Virginia festgenommen. Ein weiterer Mann wurde auf Zypern gefasst, ihm gelang allerdings die Flucht.

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Anna Chapmann: Liebe Grüße aus Moskau
Nur kurz nach Bekanntgabe des Urteils aus New York begnadigte Medwedew vier wegen "Kontakten mit westlichen Geheimdiensten" verurteilte Häftlinge. Darunter ist nach Angaben der russischen Regierung der Waffenexperte Igor Sutjagin, der 2004 zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt worden war, weil er Geheimunterlagen durch eine CIA-Tarnfirma in Großbritannien an die USA weitergegeben haben soll.

Ebenfalls begnadigt wurden der frühere russische Offizier Sergej Skripal, der für Großbritannien spioniert haben soll und 2006 zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, sowie zwei russische Doppelagenten. Auch von den vier Männern war ein Schuldeingeständnis verlangt worden, wie eine Kreml-Sprecherin sagte.

ler/AFP/dpa

insgesamt 21 Beiträge
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PeteLustig, 09.07.2010
1. .
Schon zu Kalte-Krieg-Zeiten habe ich nicht verstanden, wieso die Russen es immer wieder schafften, ihre Spione im Verhältnis 1:2 (oder noch geringer) frei zu tauschen bzw. wieso sich die Amerikaner regelmäßig auf dieses ungünstige Verhältnis einlassen.
rockstar84 09.07.2010
2. US-Maschine mit chinesischer Registrierung?
"Das Flugzeug mit der Registrierungsnummer B762L hielt auf dem Rollfeld neben einer russischen Maschine..." [...] "Rund 15 Minuten später startete die US-Maschine in die entgegengesetzte Richtung." Welche US-Maschine? Die Internationale Luftfahrtzeugkennzeichnug "B" gehört zur Volksrepublik China. Die Kennzeichnung der USA wäre der Buchstabe "N". (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Luftfahrzeugkennzeichen#Liste_der_Staatszugeh.C3.B6rigkeitszeichen ) Da frage ich mich doch sehr stark: Warum benutzt die US-Regierung für einen Agentenaustausch eine chinesische Maschine? Ich finde das irgendwie sehr merkwürdig.
linkslibero 09.07.2010
3. Kidnapping
Das war bestimmt nicht die letzte Aktion dieser Art. So dämlich wie sich Putin-Agenten anstellen, werden in Zukunft garantiert noch weitere geschnappt. Experten schätzen, in den USA gebe es bis zu 50 "Illegale", die für Moskau spionieren. Der Kreml kann ja schon mal vorsorglich ein paar Wissenschaftler, Politaktivisten und Menschenrechtler kidnappen für künftige Austauschaktionen. So wie den Wissenschaftler Igor Sutjagin, der seit 2004 unschuldig im Arbeitslager saß. Die Frage ist nur, wohin der Kuschelkurs Obamas mit dem Putin-Schurkenstaat führen wird. Ins Niemandsland, sage ich. Früher oder später wird sich Obamas Appeasement rächen. Und früher oder später wird die Konfrontation des Putin-Staats so wie im Kalten Krieg unumgänglich. Der Kreml hasst bis heute die USA und den Westen. Das hat der aufgeflogene Agentenring gezeigt.
alec26 09.07.2010
4. inoffizieller Wechselkurs
Zitat von PeteLustigSchon zu Kalte-Krieg-Zeiten habe ich nicht verstanden, wieso die Russen es immer wieder schafften, ihre Spione im Verhältnis 1:2 (oder noch geringer) frei zu tauschen bzw. wieso sich die Amerikaner regelmäßig auf dieses ungünstige Verhältnis einlassen.
wahrscheinlich ist es ein inoffizieller Wechselkurs: 1 Spion gegen 2,5 Clowns
rkinfo 09.07.2010
5. USA ist einfacher
Zitat von PeteLustigSchon zu Kalte-Krieg-Zeiten habe ich nicht verstanden, wieso die Russen es immer wieder schafften, ihre Spione im Verhältnis 1:2 (oder noch geringer) frei zu tauschen bzw. wieso sich die Amerikaner regelmäßig auf dieses ungünstige Verhältnis einlassen.
Es gab einfach mehr Russische da es in einer Demokratie zu spionieren. Rußland ist heute freier aber der Zugang zu relevanten Bereich wie Atomforschung ist erschwert. Interessant wie schnell der Austausch erfolgte. Vielleicht wollte die USA auch nicht dass zuviel Ermittlungsdetails per Presse bekannt werden. Vielleicht hat man auch noch andere Gruppen im Visier die ggf. aktuell im Standby sind. Wo man aber zu jeden beliebigen Zeitpunkt bei Bedarf zuschlagen könnte. Könnte sein dass der Anti-Terrorkampf auch so nebenbei Infos zu Spionen und deren Netzwerke raus spukt. Früher hat man Agenten gejagd über ein begrenztes Budget der Abwehr incl. Personal. Heute ist wg. Terrorgefahr eigentlich jede US-Behörde bereit bei Anfangsverdacht von Auffälligkeiten aktiv zu werden. Und wenn nicht Terror ist wird eben weiter gegeben oder Unterstützung angefordert.
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