Folgen der Spionageaffäre Deutsche verlieren Vertrauen in Amerika 

Die USA haben in Deutschland dramatisch an Ansehen eingebüßt. Einer Umfrage zufolge hat nur noch die Hälfte der Bundesbürger eine positive Meinung über das Land. Besonders groß ist das Misstrauen gegenüber den Geheimdiensten.

Angst vor Big Brother: Die Deutschen sind von Obama und den USA enttäuscht
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Angst vor Big Brother: Die Deutschen sind von Obama und den USA enttäuscht

Von , Brüssel


Die Deutschen vertrauen der amerikanischen Regierung immer weniger, wenn es um den Schutz ihrer Privatsphäre geht. Zwar glauben noch 58 Prozent, dass die USA elementare Bürgerrechte schützen und respektieren, ergab eine Umfrage des renommierten Pew Research Center in Washington. Das bedeutet dennoch einen dramatischen Rückgang von 23 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr.

Zudem hat nur noch eine knappe Mehrheit der Bundesbürger (51 Prozent) eine positive Meinung über die Vereinigten Staaten. 2009, im Jahr des Amtsantritts von Barack Obama, lag dieser Wert noch bei 64 Prozent. Auch der US-Präsidenten ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich weniger beliebt: Er verliert 17 Prozentpunkte - von 88 Prozent Zustimmung auf 71. Vor fünf Jahren äußerten sich noch 93 Prozent der Befragten positiv über Obama.

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Besonders besorgniserregend für das transatlantische Verhältnis: Diese ernüchternden Werte wurden noch vor den neuesten Enthüllungen über US-Spione in deutschen Regierungsinstitutionen ermittelt. "Es ist davon auszugehen, dass der Vertrauensverlust dadurch weiter beschleunigt wird", sagt Bruce Stokes von Pew SPIEGEL ONLINE.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble benannte den Vertrauensverlust der Deutschen in die USA am Montag als das eigentliche Problem. "Vielleicht ist Vertrauen verloren gegangen, weil vieles so selbstverständlich war", sagte er der "Badischen Zeitung".

Kritik an Obamas Drohnen-Krieg

Die Pew-Erhebung offenbart beim Thema Spionage eine klare Meinungsverschiedenheit. 87 Prozent der Deutschen halten das Ausspionieren ausländischer Bürger für grundsätzlich falsch. 90 Prozent lehnen das Abhören von Regierungschefs wie Kanzlerin Angela Merkel ab. Eine Mehrheit der US-Amerikaner (52 Prozent) billigt diese Praxis jedoch und sieht auch das Abhören ausländischer Bürger gelassen.

Annäherung gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks nur bei der Frage, ob Terrorverdächtige ausspioniert werden sollen. Dieses Vorgehen halten 73 Prozent der Amerikaner für angebracht, aber immerhin auch 70 Prozent der Deutschen.

Nicht nur die amerikanischen Abhör-Maßnahmen stoßen in Deutschland auf massive Kritik. 67 Prozent der Bundesbürger sprechen sich auch gegen die Drohnenpolitik der Obama-Regierung aus. Der Widerstand gegen den Einsatz der unbemannten Flugzeuge ist im Rest der Welt ebenfalls groß: In 39 der 44 Staaten, in denen Pew Umfragen durchführte, lehnt eine Mehrheit der Bürger sie ab. Lediglich in Israel, Kenia und den Vereinigten Staaten finden sich mehr Drohnenbefürworter als -kritiker. Das Institut befragte zwischen März und Juni 2014 insgesamt 48.643 Bürger.

Einer der wenigen Lichtblicke in den Ergebnissen für die USA: Weltweit bewerten Bürger das Land mit 65 Prozent Zustimmung immerhin noch deutlich positiver als den Rivalen China (49 Prozent Zustimmung). Jedoch glauben mittlerweile 50 Prozent der Befragten, die Volksrepublik werde die Vereinigten Staaten als Weltmacht überholen oder habe dies bereits getan.

mit Material von Reuters

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