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09. August 2005, 13:31 Uhr

Spionageverdacht

Niederlande ließen Atomwissenschaftler auf CIA-Wunsch laufen

Der US-Geheimdienst CIA soll die holländische Regierung in den siebziger Jahren gebeten haben, den pakistanischen Atomwissenschaftler Khan nicht festzunehmen. Die Niederlande verdächtigten ihn der Spionage. Khan gilt als Vater der pakistanischen Atombombe.

Abdul Qadir Khan: Vater der pakistanischen Atombombe
AP

Abdul Qadir Khan: Vater der pakistanischen Atombombe

Hamburg – Der ehmalige Premierminister Ruud Lubbers berichtete in einem Interview, die Niederlande hätten Abdul Qadir Khan 1975 und 1986 absichtlich laufen lassen. Dies sei auf Anfrage des amerikanischen Geheimdienstes CIA geschehen, sagte Lubbers, der damals Wirtschaftsminister war, in einem Interview des niederländischen Radiosenders VPRO, das heute Abend ausgestrahlt wird. Der CIA habe eine Verhaftung verhindert, um den der Atomspionage verdächtigten Khan weiter zu beobachten.

Die CIA-Agenten hätten eine ihrer üblichen Taktiken angewandt. "Sie sagten uns: Geben Sie uns alle Informationen und nehmen Sie ihn nicht fest. Wir werden ihm folgen und weitere Details aufdecken", sagte Lubbers nach Angaben der Nachrichtenagentur AP. "Ich hatte Zweifel, dass das der richtige Weg war." Der amerikanische Geheimdienst hat die Aussagen bisher nicht kommentiert.

Die niederländische Justiz war erst 1970 gegen Khan vorgegangen. Er wurde in Abwesenheit zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil wurde 1985 wegen eines Formfehlers aufgehoben und nicht weiter verfolgt.

Abdul Qadir Khan gilt als Vater der pakistanischen Atombombe. Er soll in den siebziger Jahren in einer Urananreicherungsfabrik im niederländischen Almelo Informationen über den Bau von Ultrazentrifugen gestohlen haben. Dieses Wissen soll er benutzt haben, um in Pakistan Uran anzureichern und Kernwaffen zu entwickeln. Khan hat im vergangenen Jahr zugegeben, seine Kenntnisse auch an Libyen, Nordkorea und Iran weitergegeben zu haben. Pakistan führte 1998 erstmals einen unterirdischen Atombombentest durch.

Khan hatte 1968 an der technischen Universität im niederländischen Delft sein Ingenieurstudium abgeschlossen. In den siebziger Jahren arbeitete er für das Ingenieurbüro FDO, das Zentrifugentechnologie für die Anreicherungsfabrik Urenco in Almelo entwickelte. Jahrelang hatte Khan Zugang zu vertraulichen Informationen.

In den achtziger Jahren baute Khan nach Recherchen der amerikanischen Zeitung "New York Times" einen atomaren Waffenhandel auf. Er bestellte bei Waffenhändlern aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich mehr Zentrifugenteile, als er für das pakistanische Atomprogramm brauchte. Die überzähligen Teile verkaufte er an Iran weiter.

Kerstin Jansen

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