Spitzentreffen Chirac wettert gegen Blair

Ausgerechnet am Vorabend zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Entente Cordiale hat Frankreichs Staatspräsident Chirac deutliche Kritik an seinem Gastgeber Blair geübt. Seine Meinung zu Blairs Irakpolitik fasste er in folgende Worte: "Ich bin ganz und gar nicht sicher, dass man sagen kann, die Welt ist sicherer."


Blair und Chirac: Dämpfer in den Beziehungen
REUTERS

Blair und Chirac: Dämpfer in den Beziehungen

London - "Es besteht kein Zweifel, dass es eine Zunahme des Terrorismus gibt und dass die Lage im Irak eine ihrer Ursachen ist", sagte Jacques Chirac in einem Interview des Fernsehsenders BBC. Bis zu einem gewissen Grad sei Saddam Husseins Abgang eine positive Sache gewesen, sagte Chirac weiter. "Er provozierte aber auch Reaktionen, etwa die Mobilisierung islamischer Männer und Frauen in mehreren Ländern, die die Welt gefährlicher machten."

Chirac und Tony Blair wollen sich morgen in London treffen. Ein Sprecher Blairs sagte, Chiracs Standpunkt sei bekannt und seine Äußerungen kämen daher nicht überraschend. Er verwies aber darauf, dass Frankreich, Deutschland und Großbritannien eng zusammen gearbeitet hätten, um eine Vereinbarung mit Teheran über das iranische Atomprogramm zu erzielen.

In Paris kündigte Chiracs Sprecher Jerome Bonnafont an, der Staatspräsident und Blair wollten über die Verbesserung der transatlantischen Beziehungen sprechen. Chirac werde in einer Rede vor dem Internationalen Institut für Strategische Studien diese als "Rückgrat unserer Sicherheit" bezeichnen.

Erst gestern hatte Chirac seinem britischen Amtskollegen vorgeworfen, Blairs Unterstützung für US-Präsident George W. Bush in dem Krieg habe ihm "nichts gebracht". Er hatte Blair darin außerdem eine "Brückenfunktion" Londons zwischen Europa und den USA abgesprochen.

Bei dem Besuch Chiracs anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Entente Cordiale - ein Abkommen, das die Zusammenarbeit der beiden in der Geschichte häufig verfeindeten Nationen regelte - steht auch ein Gespräch mit Königin Elizabeth II. auf Schloss Windsor bei London auf dem Programm. Details über die Inhalte der geplanten Unterredungen wurden zunächst nicht bekannt.

Die Äußerungen Chiracs dürften Blairs Bemühungen um eine Entspannung der französisch-amerikanischen Beziehungen einen Dämpfer versetzen. Auch Deutschland war ein entschiedener Gegner des Krieges im Irak. Blair hatte vorgestern an die Europäer und die USA appelliert, ihre Differenzen im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg zu begraben und sich auf die globalen Herausforderungen zu konzentrieren.

Die Unterstützung Blairs für Bushs Kriegskurs ist auch in seiner Labour-Partei heftig umstritten und hat seiner Popularität in der britischen Wählerschaft geschadet. Einer in der Zeitung "Independent" veröffentlichten Umfrage zufolge sind 64 Prozent der Briten der Ansicht, das für Großbritannien gute Beziehungen zum europäischen Kontinent wichtiger sind als die Beziehungen zu den USA.



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